Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 3 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 2

 

Konstantin

 

Den letzten Aufschlag habe ich etwas verzogen, aber der Arm ist müde. Mein Vater grinst mich über das Netz hinweg an, und ich wundere mich einmal mehr, wie er in seinem Alter noch so jung aussehen kann. Gut, die grauen Schläfen verraten es vielleicht, aber wenn er mir einen Aufschlag bis an die Grundlinie serviert, frage ich mich, woher er die Kraft nimmt.

»Das war eine gute Session, Konny.«

Ich hebe den Tennisball mit dem Schläger auf, indem ich ihn zwischen Schlägerrand und Turnschuh klemme.

»Du musst an deiner Vorhand arbeiten, aber das predige ich dir seit Jahren.«

»Ich bevorzuge eben Rückhand.« Aber noch mehr würde ich jetzt eine Pause bevorzugen. Wir treffen uns, wie es sich für echte Sportsmänner gehört, am Netz und schütteln uns die Hände, auch wenn das nur eine Trainingseinheit war. Mein Vater hat einen kräftigen Händedruck, ohne dabei Finger zu brechen.

»Weißt du, wo Robin ist?«

»Am See. Wo sonst?«

Papa nickt Richtung der Trainingstasche, die er vor dem Match neben der Bank abgestellt hat und aus der Robins Tennisschläger ragt.

»Ich hatte gehofft, er leistet uns Gesellschaft.«

Weil Papa immer hofft, dass mein zwei Jahre älterer Bruder Robin noch mal an seine alten Erfolge anknüpfen wird und somit Ruhm und Ehre zurück in diesen Tennisverein – und unsere Familie – bringt.

»Papa, es sind knapp dreißig Grad. Nur Irre spielen da freiwillig Tennis.«

Mein Vater lächelt breit. Die kleinen Fältchen um seine Augen werden von Jahr zu Jahr mehr, irgendwie beruhigend, finde ich.

»Du nennst uns also Irre?«

»Nicht doch. Ich bin ja nicht freiwillig hier.«

Er verpasst mir einen leichten Schlag mit dem Schläger auf den Kopf, und wir verlassen lachend den Tennisplatz, den Papa immer donnerstags für uns reserviert, weil das Tradition hat und er wohl noch immer hofft, ich würde schlagartig genug Talent für eine Profikarriere entwickeln. Aber es reicht nur für einen soliden sechsten Platz in der Landesliga. Das ist nicht schlecht, aber eben auch nicht Robin.

»Solltest du deinen Bruder heute noch sehen, frag ihn, ob er nun am Turnier teilnehmen will oder nicht. Ich muss euch mal langsam anmelden.«

»Papa …«

Er hebt abwehrend die Hände.

»Ich weiß, ich weiß. Aber einen Versuch ist es doch wohl wert.«

Er gibt nicht auf, dabei wissen wir beide, dass Robin nicht mitmachen wird. Seit der letzten Bewerbungsabsage ist er irgendwie immer komischer geworden.

Kaum haben wir unsere Taschen geschultert, machen wir uns auf den Weg zum Vereinsheim, wo auch die Umkleideräume und Duschen liegen. Das Restaurant ist seit fast vier Monaten geschlossen, weil die letzten Pächter jetzt eine Pizzeria in Ottersfeld eröffnet haben. Aber heute sind die Rollläden oben und die Tür steht offen, auch wenn noch immer alle Tische und Stühle im Außenbereich mit einer Kette zusammengebunden auf ihren erneuten Einsatz warten.

»Weißt du, was da los ist?«

Papa, der jede freie Minute hier verbringt, nickt, als wir unsere Schritte verlangsamen.

»Ein neuer Pächter, wird wohl bald wieder was zu essen geben.«

»Das klingt doch gut.«

»Find ich auch, dann können wir uns demnächst mal zusammen nach dem Match stärken.« Papa legt mir den Arm um die Schulter, als ein Mädchen aus dem Restaurant kommt und uns bemerkt.

»Hallo.«

»Hi.«

Das Erste, was mir auffällt, sind ihre Augen, groß, vielleicht ein bisschen zu groß für ihr Gesicht, dann ihr Lächeln, als sie uns zunickt und weitergeht. Ihre langen braunen Locken wippen dabei wie im Takt eines Songs, den nur sie hört.

»Mit Essen kann ich meinen Sohnemann offenbar in den Tennisklub locken.«

Aber ich höre ihm kaum noch zu, sehe dem Mädchen mit den Locken hinterher, wie sie einen Karton aus dem Kofferraum eines roten Autos hebt. Sie trägt kurze Jeans und weiße Turnschuhe.

»Erde an Konny.«

»Hm?«

»Ich sagte gerade, sie ist hübsch.« Papa folgt meinem Blick, zieht mich aber gleichzeitig in Richtung Umkleideraum. »Und falls du Eindruck machen willst, solltest du vorher duschen.«

»Wer sagt denn, dass ich Eindruck machen will?«

»Deine Augen.«

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