Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 61
Vio
Komm zum See
Das war alles. Keine Begrüßung, keine Info, wieso er sich erst jetzt so sauspät gemeldet hat, kein gar nichts. Und trotzdem bin ich seiner Aufforderung gefolgt, habe das Rad irgendwo ins Gebüsch gelegt und bin über den Zaun geklettert.
Aber von Konstantin fehlt jede Spur.
Kein Surfbrett, kein vertrautes Gefühl. Was gestern noch von Romantik erfüllt war, ist heute ein stiller See. Der Schuppen, in dem wir uns bisher immer das Brett geholt haben, ist verschlossen, und so langsam beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl.
»Hi.« Keine Ahnung, wo er hergekommen ist oder wieso ich ihn nicht bemerkt habe, aber als ich herumwirbele, steht er da, als wäre er schon immer hier gewesen.
»Du hast mich erschreckt.«
Sein schiefes Lächeln wirkt nicht süß, so wie sonst, sondern als hätte man es versehentlich aus den Angeln gehoben.
»Sorry.« Konstantins Bewegungen sind unkoordiniert, als passe sein ganzer Körper nicht recht zusammen. Er will auf mich zukommen, läuft aber eine ordentliche Banane und gerät dann aus dem Tritt, verliert das Gleichgewicht und fällt einfach nach hinten um.
»Ach du …« Ich laufe die letzten Meter auf ihn zu und gehe neben ihm in die Hocke, als er sich gerade wieder aufsetzt und an den Hinterkopf greift.
»Ooops.« Er ist betrunken. Das kann ich hören und riechen. Als er mich ansieht, hellen sich seine trüben Augen kurz auf. »Fuck, bist du schön.«
Sosehr ich mich sonst über ein solches Kompliment gefreut hätte, jetzt schüttele ich nur den Kopf und reiche ihm die Hand.
»Und welche von uns beiden meinst du?«
Er nimmt meine Hand an, verhakt sofort unsere Finger und drückt sie kurz.
»Na, beide.«
Mit der anderen Hand berührt er meine Wange, und es fühlt sich so fremd, so gar nicht nach Konstantin an.
»Sag mal, ist alles okay bei dir?« Eine überflüssige Frage, weil ich sehen kann, dass es ihm ganz und gar nicht gut geht. Das von Holger erwähnte Veilchen färbt sich langsam bläulich und die glasigen Augen sehen fast durch mich hindurch. »Was ist denn passiert?«
Er zuckt die Schultern, sein Grinsen wird breiter.
»Ich hatte den besten Abend meines Lebens. Ich kann jetzt Fische fangen!« Ganz ohne meine Hilfe setzt er sich anständig hin und rutscht in einen Schneidersitz. »Und ausnehmen. Wusstest du, dass du auf keinen Fall die Galle erwischen darfst?«
»Ja. Das wusste ich.«
»Klar. Dein Vater ist ja Koch.« Er tippt sich viel zu ausholend an die Stirn.
Ich greife vorsichtig nach seinem Kinn, drehe sein Gesicht etwas mehr in meine Richtung, damit ich mir die Wunde genauer ansehen kann.
»Wo hast du das blaue Auge her?«
Einen Moment scheint er über meine Frage nachdenken zu müssen, dann fällt es ihm wieder ein und er nickt ernst.
»Von Robin.«
»Robin?«
»Ja.«
»Bist du dir da ganz sicher?«
Denn irgendwie glaube ich, er bringt gerade ordentlich was durcheinander.
»Ja. Robin ist ein arrogantes Arschloch, wusstest du das?«
»Ist mir neu.«
Wieder nickt er.
»Dann verrate ich dir jetzt mal was über den feinen Herrn Wagenfeld, ja?«
Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Geschichte hören will.
»Er hält sich für was Besseres. Er ist der bessere Tennisspieler, der bessere Surfer, der bessere Wagenfeld und du …« Er bohrt seinen Zeigefinger in mein Schlüsselbein. »Du bist nicht gut genug für mich, weil du Ausländerin bist.«
»Ist das so?«
»Sagt Robin, nicht ich. Und deswegen hat er das Heim angesprüht und den Container abgefackelt.« Konstantins ohnehin schon glasige Augen füllen sich mit Tränen, als er plötzlich einen hysterischen Lachanfall bekommt. Nur langsam beruhigt er sich wieder und nimmt dann meine Hände in seine.
»Weißt du, was der Knaller ist?«
»Was denn?«
»Er hat auch auf das Restaurant geschossen.«
Alleine die Erwähnung führt dazu, dass ich kurz den Kopf einziehe, als erwartete ich wieder das Geräusch, als die Fensterscheibe zu Bruch ging, aber diesmal passiert nichts. – Nichts um uns rum, nur in mir geht was zu Bruch.
»Bist du sicher?«
»Das Gewehr. Er hat es nie zurückgebracht.«
»Welches Gewehr denn?«
»Das wir mit Jonas geklaut haben.«
Keine Ahnung, ob diese Informationen mehr Sinn ergeben würden, wenn er nüchtern und es nicht derart spät wäre. So aber kann ich ihn nur anstarren und hoffen, dass er gleich loslacht. Das genaue Gegenteil passiert, und er beginnt zu weinen. Sofort schlinge ich die Arme um ihn und halte ihn fest.
»Er hat es versprochen. Er hat versprochen, es zurückzubringen. Aber hat es nie getan.« Ungeschickt wischt er sich über die Augen. »Wieso? Wieso macht er so was?«
Eine sehr gute Frage, aber nicht die einzige, die mich bedrückt.
»Keine Ahnung, aber wieso klaust du mit Jonas ein Gewehr?«
»Weil die Polizei kam und wir wegmussten.« Er beugt sich zu mir und ich weiche ein bisschen zurück. »Du bist so irre hübsch, Vio. Und so klug.«
»Mhm. Und du bist so betrunken.«
Er hält den Zeigefinger und Daumen ein paar Millimeter auseinander und nuschelt: »Nur ein winziges bisschen.«
»Ein bisschen sehr. Komm, bringen wir dich erst mal heim.« Ich greife ihm unter den Arm und helfe ihm auf die Beine. Besonders geschickt stellen wir uns beide nicht an, aber immerhin steht er schließlich.
»Ich will nicht nach Hause. Da ist Robin. Und Robin ist …« Zum Glück fällt ihm das passende Wort nicht ein. Stattdessen tippt er sich an das Veilchen, was keine so gute Idee ist. Obwohl sein Blick aus dem Gleichgewicht geraten ist, sieht er mich so ernst an, wie er im Moment kann. »Weißt du, was ich glaube?«
»Was denn?«
Er holt Luft, schließt die Augen und dreht den Kopf in Richtung See.
»Robin wollte nie, dass ich meinen Platz finde.«
»Das ist doch Unsinn.«
»Er wollte nie, dass ich irgendwo dazugehöre. Weil er weiß, dass ich besser bin als er.«
»Mag sein, darüber sprechen wir morgen in aller Ruhe. Nach dem Kaffee.« Gemeinsam setzen wir einen Fuß vor den anderen, und ich lenke ihn in Richtung Tor, für das er hoffentlich den Schlüssel dabeihat, weil ich keine Ahnung habe, wie ich ihn in diesem Zustand über den Zaun bringen sollte. Doch dort angekommen, zuckt er nur die Schultern.
»Vorhin verloren.«
»Großartig.«
»Vielleicht übernachten wir einfach hier.« Konstantin lässt mich los und deutet auf den See, kommt aber ins Schwanken und lehnt sich gegen das Tor. Mit einem Mal wirkt er müde und erschlagen. »Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt, Vio.«
Das letzte Mal, dass ein Junge mir betrunken ähnliche Komplimente gemacht hat, endete das alles in einer Katastrophe epischen Ausmaßes.
»Auch darüber sprechen wir gerne morgen nach dem Kaffee noch mal.«
»Es ist so schade, dass du keine Deutsche bist.« Er atmet resigniert aus und greift nach meiner Hand, um mich an sich zu ziehen. Sein Gesicht ist meinem ganz nah, seine Worte brennen sich langsam in mein Bewusstsein. »Wir dürfen nicht den Teich verunreinigen.«
»Was?«
Wenn man in einem Restaurant groß geworden ist, weiß man irgendwann, dass man bei den letzten betrunkenen Gästen nie nachfragt, immer nickt und sie sicher in ein Taxi setzt, aber gerade ist mir das alles scheißegal.
»Wir müssen den Teich und unsere Kultur reinhalten, sagen sie.«
Seine Arme liegen viel zu eng um mich, erschweren mir das Atmen. Ehrlich gesagt macht es mir seine Nähe schwer, überhaupt zu denken.
»Was redest du denn da?«
»Mischehen sind gefährlich für unsere Fische. Glaubst du das?«
»Konstantin …«
»Die müssen es ja nicht wissen …«
Mit Mühe schiebe ich ihn von mir und sehe ihm in die Augen. Er lächelt so zufrieden, dass mir fast schlecht wird.
»Du und ich, Vio, wir sind unser kleines Geheimnis.«
Das habe ich alles schon mal gehört.
Er beugt sich zu mir, will mich küssen, aber ich stoße ihn von mir. So heftig, dass diesmal ich das Gleichgewicht verliere und nach hinten falle. Konstantin bricht in schallendes Gelächter aus, und ich kann nicht fassen, was hier gerade passiert.
»Was redest du da für einen Schwachsinn?«
Er zuckt die Schultern, als hätte er selbst keine Ahnung, was er gerade gesagt hat.
»Ist das dein Ernst?« Mit wackeligen Knien stehe ich wieder auf und starre ihn aus sicherer Entfernung an, aber er schüttelt unsicher den Kopf.
»Ist doch egal. Hier sind wir. Du und ich.«
Das kann nicht mal in seinem betrunkenen Hirn Sinn ergeben.
»Werd nüchtern, Konstantin.«
Kopfschüttelnd lasse ich ihn stehen, gehe, so schnell ich kann, davon, halte keine Sekunde inne, nicht als er meinen Namen ruft oder als ich beim Überklettern des Zaunes hängen bleibe und mir die Hose aufreiße, auf der anderen Seite stolpernd diese Version von Konstantin hinter mir lasse.
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