Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 69 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 68

 

Konstantin

 

Mein Herz will aus meiner Brust ausbrechen, wird nur vom Anschnallgurt an seinem Platz gehalten.

Unsere Stoßstange berührt fast ihr Hinterrad, und Volker, der hinterm Steuer sitzt, hupt ununterbrochen. Jonas hängt mit dem Oberkörper komplett aus dem offenen Fenster und brüllt Beleidigungen in die Nacht.

Nur ich sitze wie gelähmt auf dem Beifahrersitz, schwitze unter der beschissenen roten Sturmhaube und starre auf das Mädchen vor uns, die um ihr Leben radelt.

»Die hat uns gesehen, das Miststück!«

»Ja, aber nicht erkannt.« Volkers Blick passt nicht zu seiner coolen Antwort, das alles scheint ihm Spaß zu machen, es geht ihm gar nicht darum, irgendwas zu vertuschen. »Leg dich nicht mit den Rotschädeln an!«

Wieder hupt er, wieder zucke ich zusammen und sehe nach vorne. Keine Ahnung, ob die anderen sie bereits erkannt haben, aber ich weiß genau, wen wir jagen. Jahrelang habe ich mein Fahrrad auf dem Schulparkplatz neben ihrem abgestellt und mindestens genauso oft habe ich ihr die Kette wieder aufgezogen, wenn sie unterwegs runtergesprungen war.

Und jetzt sitze ich hier in dem Auto von Volkers Cousin und bin zu feige, um etwas zu sagen.

»Ey, fuck, die fährt ins Feld!« Jonas zieht sich zurück ins Wageninnere und schlägt mit der Faust gegen meinen Sitz, was nur dazu führt, dass ich noch nervöser werde. »Fahr hinterher!«

»Bist du bescheuert? Damit ruiniere ich Richards Auto.«

Für einen kurzen Moment hoffe ich, dass der Spuk damit vorbei und Mone sicher ist, aber Volker fährt den Wagen bei der nächsten Möglichkeit auf den Feldweg und stellt den Motor ab. Bevor ich verstehe, was als Nächstes passiert, öffnet er die Tür und sieht von Jonas zu mir.

»Mit dem Rad kommt sie da drinnen nicht weit. Wir können sie einkesseln.«

»Warte …« Ich greife nach seinem Arm, greife aber ins Leere, weil er schon ausgestiegen ist, gefolgt von Jonas.

»Komm schon, wir haben nicht ewig Zeit. Die Schlampe ist schnell!«

Wie in Zeitlupe löse ich den Gurt und öffne die Autotür. Vor uns in der Nacht liegt dunkel und undurchdringlich ein Maisfeld.

»Teilen wir uns auf, dann kriegen wir sie.«

Mein Körper gehorcht, mein Kopf nicht, denn obwohl ich wie aufgefordert losrenne, weiß ich nicht, wohin. Oder wieso. Mir ist heiß, mir ist schlecht, der schwarze Kapuzenpulli passt ebenso wenig zu diesen Temperaturen wie meine rote Sturmhaube oder ich in dieses Szenario. Mir schlagen die Maispflanzen ins Gesicht, als ich sie hastig zur Seite zu schieben versuche, um einen Weg durch dieses Feld zu finden. Jonas und Volker kann ich hören, wie sie sich gegenseitig etwas zurufen, dabei lachen und den Ernst der Lage nicht erkennen.

Das hier ist kein dummer Streich, den man später lachend abtut. Wir jagen Mone. Die Mone, mit der ich seit einer Ewigkeit befreundet bin. Das Atmen fällt mir schwer, es ist staubig und beklemmend, obwohl hier viel Platz ist, wenn auch nicht für mich. Stolpernd bewege ich mich vorwärts, schlage um mich und weiß doch nicht, wohin ich überhaupt laufen soll.

»Wo zum Teufel steckt sie?«

»Keine Ahnung, wir finden sie schon noch.«

Das Adrenalin pumpt so heftig durch meine Adern, dass ich es im ganzen Körper spüren kann. Meine Bronchien weiten sich, die Herzfrequenz sprengt jede Skala, und ich glaube sogar, jedes leiseste Geräusch hören zu können. Selbst meine Augen finden in der Dunkelheit kleinste Details. Blöd nur, dass von überallher Geräusche kommen und ich mich ständig um die eigene Achse drehe, während ich versuche, nicht selber die Orientierung zu verlieren.

In der Ferne höre ich die Polizeisirenen, mit denen ich bereits gerechnet habe.

»Scheiße, die Bullen!«

»Wo steckt sie denn?«

Dann ist auf einmal etwas ganz deutlich zu hören, ein kurzes Zischen, dann ein leiser Knall, ein Silvestergeräusch. Funken über unseren Köpfen am Himmel, ein roter Blitz, der über das Maisfeld segelt und meine Atmung einen Moment lahmlegt. Anders als bei einer Feuerwerksrakete, explodiert es am Himmel nicht in tausend kleine Funken, sondern bleibt ein leuchtend roter Punkt, dessen Flugkurve ich verfolge.

Der Signalgeber, den ich Vio geschenkt habe. Falls sie verloren geht. Dabei ist hier gerade jemand ganz anderer verloren gegangen.

»Da vorne ist sie irgendwo!«

Schon wird der Himmel wieder rot erleuchtet, diesmal liegt die Abschussstelle woanders und ganz nah bei mir. So leise wie möglich schiebe ich die Pflanzen vor mir zur Seite.

Da steht sie.

Mit dem Rücken zu mir, ihre Atmung ist deutlich zu hören, ihr Körper zittert, sie hantiert mit dem Signalgeber und ich stehe unbemerkt direkt hinter ihr.

Mones Schultern beben, ihr Weinen klingt wie das unterdrückte Schluchzen eines Kindes. Die nächste Rakete wird abgefeuert, wieder feuerrot. Damit wissen jetzt nicht nur die Jungs, wo sie ist, sondern auch die Polizei, die sich nähert.

Ich mache einen Schritt nach vorn, trete auf einen Zweig, und Mone dreht sich ruckartig zu mir um, Angst in ihren verweinten Augen, nichts als pure Angst. Es ist diese Angst, die ihr den Schrei im Halse stecken bleiben lässt und bei deren Anblick mir schlecht wird.

Sofort lege ich den Zeigefinger an die Lippen und spüre dabei den kratzigen Wollstoff. Was tust du hier eigentlich, Wagenfeld? Mit einem Ruck ziehe ich mir die Maske vom Kopf, sehe die panische Reaktion im Gesicht meiner Freundin und nehme ihr vorsichtig den Signalgeber aus der Hand. All das lässt sie stockstarr geschehen und ich packe sie am Arm.

»Komm!« Obwohl ich flüstere, hallt meine Aufforderung so laut in meinem Kopf wider, dass mir klar wird, wie viel Angst Mone und mich verbindet.

Langsam, dann immer schneller huschen wir in Richtung Wald davon, bis wir schließlich rennen. Dabei lasse ich mir von den Pflanzen die Ohrfeigen verpassen, die ich verdient habe. Wir erreichen völlig außer Atem den Waldrand. Hinter uns wird das Flackerblau der Polizeiautos heller, werden die Sirenen lauter. Mone und ich lassen das Maisfeld, Volker und Jonas hinter uns – und ich die Rotschädel.

Noch immer Hand in Hand hetzen wir durch den Wald, der im Dunkeln so fremd und undurchdringlich aussieht. Wo ist Norden? Wo Süden? Und wo unser Dorf, in dem ich mich selbst mit geschlossenen Augen nicht verlaufen würde. Äste knacken hinter uns, Schritte folgen uns, und ich werde schneller, ziehe Mone hinter mir her, ohne mich umzudrehen, bis wir einen Baumstamm erreichen, der vor einer Ewigkeit umgestürzt sein muss. Hektisch ziehe ich sie zu mir in seinen Schatten, wo wir uns ducken, dicht an dicht, unsere Atmung viel zu schnell, unsere Herzen zu laut.

Es riecht nach Moos und frischer Erde, ein vertrauter Geruch meiner Kindheit. Eine Zeit, als ich mit Robin im Wald hinter dem See Verstecken gespielt habe und er mir die obligatorischen Großer-Bruder-Schauergeschichten erzählt hat, die alle so echt klangen.

Jetzt bin ich Teil einer solchen Geschichte geworden. Schnell schließe ich die Augen, atme so tief ich kann ein und versuche, wieder klar zu denken.

Mone klammert sich an mich. Obwohl sie weiß, was ich getan habe, sucht sie jetzt bei mir Schutz, und ich halte sie, horche in das Chaos der Nacht und bete inständig, dass die Jungs uns hier nicht finden.

Stille, die nur ein Wald bieten kann, breitet sich wie eine Decke über uns und den Baumstamm aus.

Bis das Handy in meiner Hosentasche vibriert und mein Herzschlag aussetzt.

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