Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 33 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 32

 

 

Konstantin

 

Dein Bruder hält dich ja ziemlich an der kurzen Leine, oder?«

Stolpernd folge ich Jonas relativ blind durch den Wald. Immerhin hat unser Kaff den Namen nicht von ungefähr, wir sind praktisch eingekesselt von Wald. Ich wette, würde die Welt da draußen von einer Zombie-Apokalypse überrascht, würden die uns hier gar nicht finden. Und dann wären alle froh, in dieser kleinen heilen Welt zu leben, über die sie sonst so beherzt herziehen.

»Na ja, Robin eben.«

»Ja, aber nervt dich das nicht manchmal? Du gehörst doch eigentlich schon längst zu uns. Aber nee, stattdessen hängst du mit den Kiddies ab.«

»Das sind halt meine Freunde.«

Er verzieht das Gesicht und legt mir den Arm um den Hals, hält mich viel zu eng.

»Die Freunde, die jetzt fleißig ohne dich Party machen?«

Autsch.

»Hm.«

»Hat schon jemand ’ne Vermisstenanzeige rausgehauen?«

Nein. Mein Handy ist stumm, keine Nachfragen, kein Vermissen. Niemand hat bemerkt, dass ich weg bin.

»Mann, wann lernst du endlich mal, es krachen zu lassen?«

»Ich lasse es doch krachen.«

»Das war eine rhetorische Frage, du Horst!« Er verpasst mir einen Klaps auf den Hinterkopf und steigt über einen umgestürzten Baumstamm, der schon komplett mit Moos überwuchert ist. »Robin wird ja irgendwann die Biege machen, der bleibt sicher nicht ewig hier. Damit ist dann sein Platz in unserer illustren Runde vakant.«

Bei Jonas klingt das so, als wären die Jungs aus der Clique mindestens so was wie die Ritter der Tafelrunde. Er wartet, bis auch ich über den Stamm geklettert und wieder neben ihm bin.

»Und wir hätten gerne dich für den Posten.«

Das ergibt keinen Sinn. So überhaupt gar nicht, und ich vermute, dass er das weiß.

»Ich glaube nicht, dass …«

»Das war keine Frage, Wagenfeld der Zweite.« Er greift in seine Hosentasche und wühlt zuerst sein Handy, dann einen Schlüsselbund hervor. »Bock auf ein bisschen Spaß?«

»Ehrlich gesagt …«

Er hebt nur den Finger an die Lippen und horcht in die Stille, die sofort herrscht, als ich verstumme.

»Das war wieder keine Frage.« Grinsend dreht er sich um und geht weiter, sicher, dass ich ihm folge, weil ich schon zu weit mitgekommen bin, um jetzt den Rückweg anzutreten.

»Und nur damit wir uns richtig verstehen, du erzählst niemandem von dieser Aktion hier, klar?«

Jonas’ Stimme klingt noch immer locker-flockig, aber die Eissplitter dazwischen, die mir um die Ohren fliegen, machen deutlich, dass er keine Späße mehr macht. Wenn ich mich verquatsche, kriege ich mächtig Ärger, egal, wie dieser dann aussehen mag.

»Klar.«

»Nicht, dass du dich vor deiner Slawen-Freundin verquatschst.«

»Rumänen sind keine Slawen.«

»Balkan-Pott eben.«

»Hey! Hör verdammt noch mal auf damit.« Das klang lauter, als ich es geplant hatte, und Jonas wirft mir einen amüsierten Blick zu.

»Ach so. Wusste nicht, dass ich mich vor dir auch politisch korrekt ausdrücken muss. Dann halt Rumänin. Alles das Gleiche.«

Zu dumm, dass es so dunkel ist und er meinen grimmigen Blick nicht bemerkt, obwohl ich alles gebe.

»Nenn sie einfach Vio, ist doch einfach.«

»Oha, sieh an, wachsen dir etwa gerade ein Paar Eier?«

Er nimmt mich natürlich kein bisschen ernst, egal, was ich sage, und ich habe ihm auch nichts entgegenzusetzen. Er kennt mich zu lange, um zu wissen, dass ich mich noch nie geprügelt habe oder sonst irgendwie in eine Handgreiflichkeit – die nicht unter Brüdern ablief – geraten bin. Und obwohl auch er keine lange Liste an Schlägereien aufweisen kann, bin ich mir sicher, dass ich gegen ihn den Kürzeren ziehen würde.

Wir erreichen eine Holzhütte, und mir dämmert, wo wir sind. Auf dem kleinen Metallschild steht Schützengesellschaft Walddorf, und ich sehe Jonas dabei zu, wie er mit dem Schlüssel die Tür aufschließt.

»Das ist keine gute Idee.«

»Doch, mein Freund, das ist eine Spitzenidee.« Er verdreht genervt von meinen Zweifeln die Augen. »Mach dir nicht ins Hemd, ich pass schon auf dich auf.« Damit schubst er die Tür auf und deutet mit einer kleinen Verbeugung an, dass er mir den Vortritt überlässt. Mein Zögern kommentiert er mit einem leisen Lachen. »Ich schieße dir schon nicht in den Fuß oder so. Los, rein mit dir.«

Das mulmige Gefühl in meinem Magen erobert weitere Organe und breitet sich bis in meine Lungen aus. Ich spüre, wie wenig Sauerstoff mein flacher Atem in meine Lungen pumpt, als ich in die Hütte des Schützenvereins trete.

An einem Tisch im hinteren Bereich sehe ich drei Schatten sitzen, die nur vom Schein einer kleinen Lampe erhellt werden. Es dauert einen Moment, bis ich sie erkennen kann, was meinen angespannten Magen nicht gerade entlastet.

»Ich dachte, du bringst Robin mit.«

Ich habe Volker schon öfter im Dorf gesehen, obwohl er gar nicht hier wohnt. Er spielt mit Jonas im gleichen Tennisklub und hängt ab und an mit den Jungs rum. Jetzt sitzt er hier im Schützenverein und mustert mich missmutig aus hellen Augen, hat ganz offensichtlich entschieden, dass Wagenfeld der Zweite nicht Wagenfeld der Richtige ist.

Ein bekanntes Gefühl, eines, das mich schon seit ein paar Jahren begleitet und eines, das mich mehr und mehr wurmt.

»Der ist irgendwo unterwegs.«

Freundschaftlich legt Jonas den Arm um meine Schulter, und ich nutze die kurze Pause, um mich umzusehen. Natürlich war ich schon mal hier, allerdings nie nachts und auch nicht ohne Erwachsene.

Jonas macht das große Licht an, schert sich nicht darum, dass wir eigentlich nicht hier sein dürften, vor allem nicht um diese Uhrzeit. Ihm entgeht mein Hilfe suchender Blick nicht, aber er winkt nur ab und deutet auf den Tisch mit den anderen Jungs.

»Chill mal, wir haben alle eine Waffenbesitzkarte.«

Die Anwesenheit der ganzen Waffen und Fotos von Menschen mit Waffen macht mir das Chillen nur leider unmöglich. Erst als Jonas sich zu den anderen setzt und mir den Stuhl zu seiner Linken zurechtrückt, beruhigt sich meine Atmung. Zögernd nehme ich Platz und spüre alle Blicke auf mir.

»Und jetzt erzähl mal. Wieso wechselst du eigentlich nicht in unseren Tennisklub?«

Darum geht es also?

Volker grinst, was sein Gesicht erstaunlicherweise nicht freundlicher wirken lässt, und lehnt sich zurück. Wenn es nur um Tennis geht, komme ich hier schnell wieder raus.

»Keine Ahnung. Müsste ja immer nach Ottersfeld fahren. Außerdem mag ich Unitas einfach. Spiele da schon immer und finde es gut dort.«

Volker schüttelt den Kopf und mir fallen seine Nackenmuskeln auf. Es heißt, er sei technisch vielleicht nicht der beste Spieler auf dem Platz, mache das aber mit purem Willen und Kraft wieder wett.

»Wenn Cristiano Ronaldo einfach bei Manchester United geblieben wäre, hätte er nicht fünf Mal die Champions League gewonnen.«

»Der ist ja auch Fußballer und kein Tennisspieler.«

Volker sieht zu Jonas, der wie ein stolzer Onkel neben mir sitzt.

»Hast uns ja einen richtigen Klugscheißer an den Tisch geholt.«

»Ja, dieses Gen liegt bei denen wohl in der Familie. Aber mit ihm gewinnen wir endlich mal was.« Jonas breitet die Arme aus, weil er offensichtlich das beste Argument für meine Anwesenheit heute geliefert hat, und zwinkert mir kurz zu. »Wir beide im Doppel, das ist so gut wie ein Abo auf den Titel.«

»Ich spiele doch gar kein Doppel.«

»Noch nicht, Wagenfeld der Zweite. Noch nicht.«

Volker lehnt sich über den Tisch zu mir und sieht mir direkt in die Augen. Mit Mühe versuche ich, nicht sofort panisch zu blinzeln.

»Denk noch mal so angestrengt wie möglich darüber nach. Wenn du in Walddorf bleibst – und das wirst du ja wohl –, solltest du dich endlich mal der Gewinnerpartei anschließen.«

»Okay.«

»Hast du denn schon mal die Meisterschaft gewonnen?«

»Nee.«

»Aber Robin.«

»Ja, der hat alles gewonnen.«

»Und hast du es nicht satt, immer der Zweite zu sein?«

»Sprechen wir noch über Tennis?« Es ist ein lächerlicher Versuch, irgendwie witzig zu klingen und sie nicht wissen zu lassen, dass ich mich ziemlich unwohl in dieser Situation und ihrer Anwesenheit fühle.

»Willst du denn noch über was anderes sprechen?«

Ich kenne Volker nicht gut genug, niemand tut das. Er hat ein Auto und ist viel in den umliegenden Städten unterwegs, weil man dort mehr erleben kann. Auf unseren Dorffesten taucht er selten auf, und wenn, nur kurz, als würden wir ihn langweilen. Trotzdem weiß jeder, wer er ist.

»Nö.«

Jonas, der seine Zigarettenschachtel rumgehen lässt, verspürt offenbar den unbändigen Drang, meine Geschichte hier zu teilen.

»Konstantin hängt viel mit dieser Rumänin rum. Vio.«

Volkers Augenbrauen ziehen sich so weit zusammen, als würden sie sich die Hand reichen wollen.

»Die Neue?«

»Genau die. Lupascu oder so.«

»Vio ist in Ordnung.« Wieso versuche ich eigentlich immer, beide Parteien davon zu überzeugen, dass die jeweils andere ziemlich in Ordnung ist? Es hört mir doch sowieso niemand zu.

»Wird echt Zeit, dass du zu uns kommst. Wir haben auch hübsche Mädels.«

Es wird gelacht, und mein erster Impuls ist es, mitzulachen, aber es bleibt mir im Halse stecken.

»Nicht, dass du am Ende noch Balkandeutsch sprichst, wenn du zu viel mit der quatschst.«

»Die Typen vom See, die da immer rumhängen, die sind wohl auch Rumänen.« Volker zieht sich eine Zigarette aus der Schachtel und lässt sie von dem Jungen zu seiner Rechten anzünden, dann nimmt er einen tiefen Zug und schüttelt den Kopf. »So fängt es an. Plötzlich tauchen sie auf. Hier und da. Und BOOM!« Er lässt die flache Hand auf den Tisch knallen, aber nur ich zucke zusammen, die anderen haben noch immer ein Grinsen in den Mundwinkeln. »Sie sind überall. Und dann quatschen sie rum, mimimimi, bin ja hier geboren. Ja, aber was ist mit ihren Eltern? Die kommen alle hierher, weil der Sozialstaat sie lockt. Schön faul rumhängen und Kohle kassieren.«

»Vios Eltern arbeiten ja.« Wieder richten sich alle Blicke auf mich, und ich zucke nur kurz die Schultern, bevor mich der Mut verlässt. »Die haben das Restaurant vom Unitas übernommen.«

»Wieder kein deutsches Wirtshaus, lieber einem von denen die Taschen füllen.«

Weil mir darauf nichts einfällt, bringe ich ein anderes Argument.

»Und die Jungs vom See, das sind Saisonarbeiter. Haben also alle einen Job.«

»Während dein Bruder noch immer nach einem sucht.«

Keine Ahnung, wieso er jetzt Robin ins Spiel bringt, aber ich nicke, muss an unsere Unterredung auf der Insel denken.

»Noch.«

»Und kriegt er einen?«

»Bisher ist es schwierig, aber …«

»Dann frag dich mal, wieso das wohl so ist. Dein Bruder ist ein cleveres Kerlchen, hat ’nen guten Abschluss und hockt trotzdem ohne Arbeit in Walddorf rum.«

Irgendwie scheint das die perfekte Ausrede für alles, deshalb halte ich dagegen: »Ist das nicht eine irre simple Erklärung?«

Volker schnippt die Asche in den Alubecher vor sich.

»Muss ja nicht immer alles so kompliziert sein.« Er merkt, dass ich zweifele, und verhindert weiteren Widerspruch, indem er den Stuhl zurückschiebt und aufsteht. Gefolgt von meinem Blick geht er zu einem großen Metallschrank, der nicht nur sehr solide, sondern auch verriegelt ist, und fragt: »Jonas, du hast doch den Schlüssel, oder?«

»Klar.«

Und schon segelt der Bund durch die Luft und wird von Volker aufgefangen. Ich sehe das als mein Stichwort, um endlich zu gehen.

»Dann will ich langsam mal nach Hause –«

Jonas legt die Hand auf meine Schulter und verhindert, dass ich aufstehe.

»Was? Nein. Bleib da.«

Volker nickt ebenfalls, und kurz bin ich irritiert.

»Ja, bleib doch. Jetzt kannst du dir endlich mal den Frust von der Seele ballern.«

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