The Hodded Boy I forgot
12 ◊ Forgot the „C“
-Erins Sicht-
Immer noch keine Antwort. Seufzend blickte ich auf. Hier hatte sich viel verändert. Das Blumenbeet rechts neben mir wurde jetzt von einem selbstgemachten Zaun eingerahmt, über ihnen wachte ein bemalter Vogel aus Metall. Sollte das vielleicht hübsch aussehen? Warum sind wir hier überhaupt immer so gerne hingegangen?
Die große weite Wiese verlief in der Mitte zu einer kleinen Erhöhung zusammen. Früher sind wir dort immer mit unserem Schlitten runter gerodelt. Heute ist der Rand mit Steinen verschönert worden aus denen wilde Sträucher herauswachsen.
Mein Blick fällt auf die Schaukel neben mir. Sie ist leer. Das einzige was ich darauf erblicke ist weißer Vogel Kot. Die Seile sind abgenutzt, da sie die Schaukel schon eine ganze Weile tragen müssen.
Als ich das schöne Bauernhaus hinten links erblicke, lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Sicherlich hatte jeder in seiner Kindheit diese angsteinflößende Oma gehabt, die einem nach einem Klingelstreich mit der Bratpfanne hinterher gerannt ist. Nun, ich hatte sie auch noch in meiner Jugend. Nicht mal, weil wir die Frau in diesem Haus verärgert hatten. Allein wenn wir lachend auf dieser Schaukel rumhingen, hatte es ihr was ausgemacht. Aber darüber musste ich mir jetzt keine Sorgen machen. Ich lachte nicht. Außerdem war der Ärger der Frau sogar immer das Beste an diesem Ort gewesen. Ich hätte nie gedacht, dass ich sie mal vermissen könnte.
Poppy hätte sie am liebsten nach ihrem Gärtner gefragt, wenn sie nicht immer so gruselig gewesen wäre. Ich meine, klar, ihr Garten war echt atemberaubend. Mosaikstäbe in der Erde, … Es gab sogar ein Pavillon, der mit Wein bepflanzt wurde! Darunter stand ein Tisch mit Stühlen, die Verschnörkelungen trugen.
Die vertrocknete Nelke stand da immer noch. Auch wenn der Gärtner seine Arbeit sonst immer so perfekt machte, diese Blume hätte er doch schon längst entsorgen können.
Vor dem Fenster mit den zugezogenen Vorhängen, befand sich ein Buchenbogen, der inzwischen unglaublich dicht zugewachsen war. Fast so dicht, dass man keinen Eingang mehr fand.
Der Vogel oben auf dem Dach schaut so aus als wüsste er nicht so recht wohin er fliegen sollte. Ich beobachte ihn dort jetzt schon eine ganze Weile. Was hat er nur, dass er nicht weiterfliegen möchte? Der Arme… sicherlich fühlt er sich genauso einsam wie ich gerade.
Oh, Mist! Gerade fiel mir auf, dass die Sohle meiner schwarzen Lieblingsballerinas schon wieder lose ist. Dabei hatte ich sie schon einmal geklebt.
Gerade wollte ich den Blick wieder zu meinem verlassenen Freund auf dem Dach wenden, doch ich musste feststellen, dass auch er weg war. Was nun? Um mich irgendwie abzulenken fing ich vorsichtig zu schaukeln an. Ja, es hat sich wirklich vieles verändert.
Früher haben Poppy und ich immer gemeinsam versucht mit unseren Füßen den Apfelbaum zu erreichen. Jetzt stört er mich schon allein beim Anlaufnehmen. Das Holzbrett unter mir ist hart und drückt. Die Seile kratzen an meinen Fingern. Im linken Balken der Schaukel weht ein Spinnennetz. Eigentlich sollte sich die Sonne auf meiner Haut angenehm warm anfühlen, stattdessen ist sie brennend heiß als würde sie mir in nächster Sekunde einen Sonnenbrand bereiten.
Die Schaukel neben mir ist immer noch leer, obwohl sie minimal im Wind hin- und her wankt. Der Wind wünscht sich anscheinend auch, dass sich die Schaukel wieder füllt. Ich schaue erneut auf mein Handy. Zuletzt online: Gestern um fünfzehn Uhr elf. Nein, es musste irgendetwas passiert sein. So lange konnte Poppy noch nie ohne Handy auskommen.
Ob dieser gruselige Typ mit der Kapuze sie entführt hatte? Immerhin hatte Poppy doch versprochen nicht mit ihm zu gehen. Sie würde doch nicht- oder würde sie? Inzwischen war ich mir bei nichts mehr sicher.
»Hey.« Bei dem Klang seiner Stimme musste ich ziemlich zusammenzucken. Darauf war ich wohl nicht vorbereitet gewesen. »Was machst du denn hier? Wie hast du mich gefunden?«
Davids Augenbraue zuckte skeptisch nach oben. »Schon vergessen? Ich habe dich per WhatsApp gefragt.« Ups. Stimmt ja. Das hatte ich total vergessen. Meine Gedanken waren zu sehr damit beschäftigt gewesen sich um Poppy Sorgen zu machen.
David setzte sich auf die Schaukel neben mir, die die sonst immer Poppy ausgefüllt hatte. »Was ist los?« Schnell wand ich den Blick von ihm ab. »Es ist nichts.« »Das kannst du mir nicht erzählen. Ich sehe doch, dass etwas nicht stimmt.«
Mein Handy vibrierte, schnell zuckte ich es hervor, in der Hoffnung es wäre Poppy. Allerdings Fehlanzeige. Oh Gott, ihre Mutter! Ja, ich hatte die Nummer von ihrer Mutter eingespeichert. Sie hatte darauf bestanden, da Poppy manchmal öfter bei mir ist als bei sich zuhause. Und Poppy schaut ja so selten auf ihr Handy… Jedenfalls, wenn ihre Mutter ihr schreibt.
15:52_Könntest du mir bitte verraten wo zur Hölle Poppy steckt? Sie ist gestern nicht Nachhause gekommen! Daneben ein wütender Smiley.
Ab und an hatte ich echt Mitleid mit Poppy, wenn ich an ihre Mutter dachte. Meine war zwar um einiges strenger als die von Poppy, aber dafür zeigte sie zu mir Vertrauen. Ich würde echt nicht tauschen wollen.
15:53_Ich weiß es auch nicht!!! Ich mache mir genauso Sorgen!
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. 15:53_Was soll das heißen? Erin! Soll ich die Polizei alarmieren?
15:54_Das wäre doch mal eine Maßnahme! Vor allem, dass sie erst jetzt handelte! Natürlich liebte Mrs. Hayman ihre Tochter, nur hatte sie anscheinend nie wirklich gelernt eine gute Mutter zu sein. Unterstützung sah anders aus.
Noch wütender und verzweifelter wie vorher steckte ich mein Handy zurück in meine Tasche.
»Wer war das?«, wollte David wissen. Ich seufzte. Warum wollte er es überhaupt wissen?
»Niemand wichtiges.«
»Aber die Nachricht scheint dich irgendwie wütend gemacht zu haben.« Konnte er denn nie Ruhe geben?
»Warum ist es überhaupt so wichtig? Ich wüsste nicht, was es dich angeht.«
Nervös zupfte er an seinen Fingernägeln herum. »Äh, also. Ich hatte irgendwie gehofft, dass es mich etwas angeht. Also generell bei allen Sachen, die dich betreffen.«
Oh, Hilfe. Stimmt ja. Ich hatte ihn geküsst. Ob er jetzt automatisch davon ausging, dass er mein Freund ist? »Ich mag dich wirklich, David. Aber Beziehungen sind nicht so das Richtige für-« »Das macht doch nichts. Ich meine damit ja auch nicht zwangsläufig Beziehung, Erin. Aber man kann sich auch so gut verstehen.«
»Und dafür musst du unbedingt alles aus meinem Leben wissen?«
»Freunde haben nämlich keine Geheimnisse voreinander. Schon Recht nicht, wenn der andere erkennt, dass es denjenigen fertigzumachen scheint.«
Er würde nicht locker lassen. Schön. Warum eigentlich nicht? Vielleicht wäre es gar nicht so verkehrt, wenn ich mit jemanden darüber sprach, der nicht zu meiner Clique gehörte. Jess, Lou und Zoe würden Poppy sofort verurteilen, dass sie so dämlich gewesen ist und mit dem Kapuzenjungen mitgegangen ist. Das konnte ich aber gerade überhaupt nicht gebrauchen. »Poppy ist weg. Sie ist gestern Abend nicht Nachhause gekommen. In der Schule ist sie ja auch nicht und per Handy ist sie auch nicht zu erreichen.«
»Was heißt weg? Denkst du, sie wurde vielleicht entführt?« Angst klang mit Davids Stimme mit. Genau die Angst die ich jetzt brauchte. Meine beste Freundin sollte für ihr Handeln jetzt nicht verurteilt werden, sondern man musste sich Sorgen um sie machen! Wer weiß, was ihr gerade alles wiederfährt?
»Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich sie finden werde. Egal wie.«