The Hodded Boy I forgot
30 ◊ Forgot the „N“
»Ich will hier nicht die Stimmung verderben, aber ich schätze, dass der Kapuzenjunge hier bleiben muss«, stellte Resi fest, ganz der Blitzmerker.
»Hey! Ich bleibe hier ganz sicher nicht alleine in der Dunkelheit zurück… bei all den Dingen, die hier lauern könnten«, schimpfte er.
»Schon gut«, winkte ich ab. »Ich schaff das auch alleine. Die Umgebung hier sieht wirklich deutlich ungefährlicher aus.« »Sicher?«, bohrte Resi mit hochgezogener Augenbraue nach. Ich nickte ganz von selbst, automatisch, ohne ihre Worte noch mal zu überdenken.
Wahrscheinlich hielt sie mich für verrückt, weil ich all das für Hooded tat und er mich nicht mal begleitete. Aber es war nicht verrückt. Meine Hilfsbereitschaft ist ein Teil von mir, der mich ausmacht. Dieser Teil würde mir erlauben das Messer aus dem Baum zu entwenden. Also sollte sie lieber nichts einwenden.
»Ich bin bald wieder zurück«, meinte ich und verabschiedete mich von den beiden. Es konnte jetzt nicht mehr lange dauern. Klar, der Livenus lag ganz oben auf dem Gesteinsberg. Ein bisschen Wandern sollte dennoch kein Problem mehr darstellen, wenn man mal bedachte, dass Hooded seins immer noch nicht los war.
Zielstrebig machte ich mich auf den Weg. Durch die Blumenwiese hindurch, bis ich die Berge am Wasserfall erreicht hatte. Währenddessen kreisten meine Gedanken. Es schien, als hielt es jeder in meinem Umfeld für merkwürdig, dass ich Hooded einfach so half. Dusk und auch Resi schienen der Meinung, ich half ihm, weil ich es für uns tat. Hatten sie womöglich sogar zum Teil Recht? Was hatte Hooded im Sinn? Deutete er meine Hilfsbereitschaft falsch?
Auf der Erde kannte er niemanden außer mir. Und seine Mutter, aber die wollte nichts von ihm wissen. Nein, bestimmt nicht. Er wollte einfach nur unter den Menschen leben. Es gab noch andere an die er sich dann halten könnte. Oder… war es gar nicht mal so schlimm? Ich meine, Hooded schien nett, auch wenn ich nicht einmal wusste wie er überhaupt aussah. Aber das sollte keine Rolle spielen, nicht wahr?
Mein Kopf schien zu explodieren. Meine derzeitigen Beziehungen waren bislang alle zum Scheitern verurteilt gewesen. Könnte daran gelegen haben, dass sie alle streudoofe Spinner waren, die es im Leben zu überhaupt gar nichts bringen würden. Das schien mein Problem. Ich hielt mich ständig an Loser, die es alleine zu nichts brachten.
Bei Hooded war es irgendwie anders. Er erschien mir nicht blöd. Das einzige, was ihm im Weg stand, war er selbst. Ach, ich wusste mir doch selbst nicht mehr zu helfen! Woran merkt man denn überhaupt, dass man verliebt ist? Dass mir etwas an Hooded liegt, steht fest. Aber Liebe? Die wurde doch überbewertet. Vielleicht liebte ich ihn, vielleicht auch nicht. Wenn ich Glück hatte, dann fand ich es zu gegebener Zeit heraus. Oder ich endete als alte Jungfer mit hundert Katzen, unschlüssig darüber ob ich den Typen liebte oder nicht.
Ich musste grinsen, weil mich die Sache mit den Katzen an Erin denken ließ. Sie hatte das mal zu mir gesagt, als wir beide die Schnauze voll von Jungs hatten. Dann werden wir eben zusammen alt… mit hundert Katzen. Was sie wohl gerade machte? Ich hoffe, sie sorgte sich nicht zu sehr um mich. Vielleicht hatte sie ja gerade ein Date mit David. Ich fand es immer noch urkomisch, dass sie den Schulstreber auf der Party geküsst hatte. Die Erin, die normaler Weise Idioten wie Lucas anhimmelte.
Aber das war gut so. Ich fand schon immer, dass sie sich Lucas aus dem Kopf schlagen sollte, weil sie viel zu nett für ihn war. Lucas und Erin, das war ja sowieso nie etwas Richtiges gewesen. Ein bisschen Anhimmeln hier, ein bisschen da… jedoch ständig im Hinterkopf, dass aus den beiden eh nie was werden würde. Fast so wie die Liebe zu einem berühmten Star. Nur, dass Erin in dem Falle der Star war, weil Lucas für diese Rolle einfach zu unterqualifiziert wäre.
Der Felsvorsprung war erreicht und mit Kraft drückte ich mich ab, um an Höhe zu gewinnen. Der Hang war zwar steil, glücklicherweise aber nicht so steil, dass man ein Seil oder ähnliches gebraucht hätte, damit man nicht runterfiel.
Der Livenus schien nicht mehr weit von mir entfernt zu sein. Die Kuppe befand sich nur wenige Meter über mir. Zu Fuß nicht mal mehr fünf Minuten, schätzte ich ab. Doch kurz bevor ich einen Fuß Richtung Baum und Kuppe setzten konnte, erschien wieder mein älteres Selbst vor meinen Augen. Ganz klar eine Geistergestalt, die dem Livenus entsprang. Die wollten mich nur aufhalten. Am besten durfte ich denen einfach keine Beachtung schenken.
»Nein, keine Warnung. Dafür ist dieser Ort nicht mehr ausgelegt. Du hattest Zeit genug die richtige Entscheidung zu treffen, aber du wolltest ja nicht hören.« Was wollte der Geist dann von mir, wenn er nicht wegen einer Warnung vor mir trat?
»Der Grund, warum du gleich den Livenus betreten willst. Was ist deine Absicht?«
Was für eine Frage. Das wusste der Geist doch sicher schon. »Ich brauche das Messer.«
»Damit wir uns richtig verstehen: Dein Wort war gerade eine offizielle Bindung. Wäre hilfreich gewesen, wenn dir das vorher jemand verraten hätte. Denn wenn deine Absicht das Messer ist, wirst du den Livenus erst wieder verlassen, wenn du dein Ziel erreicht hast.« Gut, mehr wollte ich doch gar nicht! Allerdings… was, wenn ich dieses Messer nicht finden würde? Irgendwann musste ich dann doch wieder zurück.
»Du hilfst einem Fremden, den keiner akzeptiert. Wenn jemand Personen wertschätzen kann, dann du – sonst kann es keiner.« Der Geist kannte die Regel für die Entwendung des Messers anscheinend auch. Das war ja an sich gar nicht so eigenartig. Eher die Tatsache, dass er mir doch gerade tatsächlich Mut gemacht hatte. Ich konnte es schaffen!
»Danke«, murmelte ich verlegen.
»Dank mir nicht. Das sollte dich nicht motivieren. Es war lediglich eine Feststellung.«
»Egal. Hoffnung macht es mir trotzdem.« Ohne ein weiteres Wort löste sich mein möchte-gern-Ich wieder in Luft auf. Tja, da stand ich nun. Alleine, nervös und vor mir mein langersehntes Ziel. Oder war es Hoodeds langersehntes Ziel? Möglicherweise doch das von Dusk? Egal wessen Ziel es war, ich stand davor.
Nur noch wenige Schritte und ich hätte die Kuppe erreicht. Mit schlotternden Knien setzte ich mich in Bewegung. Die durchsichtige Wand erinnerte mich an Wasser… oder an eine riesige Seifenblase. Na dann… Augen zu und durch.