The Hodded Boy I forgot
22 ◊ Forgot the „M“
All diese Unmengen an Tümpeln vereinten sich irgendwann zu dem riesigen See, über den wir bei unserer Ankunft gerannt waren. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde bei der Berührung von Wasser, keine schlotternden Knie zu bekommen.
Andererseits, je länger ich es tat, desto mehr fühlte es sich an als würde ich lediglich über eine riesige Pfütze laufen, anstatt über ein metertiefes Gewässer. Irgendwie liebte ich die Tatsache, dass ich das Wasser tatsächlich besiegen konnte… zumindest in dieser Welt. Auch wenn ich es dieses Mal nicht so sehr genießen konnte, wie beim ersten Mal. Ständig zergrübelte ich mir darüber den Kopf, was uns gleich erwarten würde.
Wäre es möglicherweise sogar lebensgefährlich? Wenn dem so sei, dann wäre ich nicht mitgekommen. Aber das wussten wir natürlich nicht. Es wäre mehr als ärgerlich, wenn wir deshalb einfach aufgeben würden und uns am Ende nur nervige Stimmen erwarteten. »Das wird schon«, versuchte Hooded mich zu beruhigen, auch wenn mir das nicht wirklich weiterhalf.
In der Ferne war jetzt endlich das andere Ufer zu sehen. Hatte ja auch lang genug gedauert. Eine Pause wäre jetzt erstrebenswert, ob die wohl drin lag? Ich traute mich nicht zu fragen, weil wir dann wegen meiner Kraftlosigkeit wertvolle Zeit verlieren würden. »Natürlich können wir eine kleine Pause machen, bevor wir da rein gehen. Ich bin ja selbst nicht unbesiegbar und brauche auch Pausen«, meinte Hooded. Ja, an dieses Gedanken-lesen-Ding würde ich mich wohl nie gewöhnen. Für Menschen war es ja auch undenkbar.
»Danke«, murmelte ich daraufhin einfach. »Nichts zu danken. Ich kann froh sein, dass du überhaupt mitgekommen bist.« Und ich konnte vermutlich froh sein, dass ich für eine Weile von meiner Mutter weg kam. In letzter Zeit hatte sie üble Stimmungsschwankungen. Dass ich letztens nicht zu Heathers Party durfte, war das beste Beispiel dafür.
Hooded holte eine Decke aus seinem Rucksack, auf die wir uns dann niederließen. Wir drehten uns so, dass wir auf den See blicken konnten. Die Dunkelheit hinter uns bekamen wir später noch genug zu sehen. Vorsichtig zog ich die Notnägel an meinen Fingern ab. Natürlich fingen sie danach wieder weltuntergangsmäßig zu bluten an, aber ich wurde einfach kirre, wenn sie dran blieben.
»Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern, was zwischen uns in meiner Kindheit passiert ist.« Keine Ahnung, wie ich jetzt gerade auf dieses Thema kam, aber irgendwo mussten wir uns ja drüber unterhalten.
»Äh, eigentlich nichts Besonderes. Also nicht der Rede wert.«
Irgendwie nervte es schon, dass er mir gegenüber so verschlossen war. Eigentlich war das eine Aufforderung dazu gewesen, mir etwas über die Zeit zu erzählen. »Ist trotzdem irgendwie schade. Ich wüsste gerne alles, was ich erlebt hatte.« Klar war das auch ohne Gedankenkontrolle nicht immer möglich. Ich wusste längst nicht mehr alle Dinge aus meiner Kindheit, dennoch die Wichtigsten. Was, wenn dieser Erinnerungsfetzen auch wichtig gewesen wäre?
»Wir haben eine Weile zusammen gespielt, bis wir festgestellt haben, dass es keine Freundschaft auf Dauer werden könnte.« »Ganz schön tiefgründig waren wir ja für unser Alter. Ich dachte, in diesem Alter spielt man einfach, ohne lange darüber nachzudenken.«
Hooded lachte. »Ja, aber In-thoughts und auch halbe In-thoughts denken für gewöhnlich generell mehr.«
»Also lag es an dir, dass unsere Freundschaft zerbrach.« Es zwar keine Frage, trotzdem antwortete er: »Ich schätze schon. Aber hättest du in diesem Alter schon rationaler gedacht, dann wärest du mir dankbar gewesen.«
Eine kurze Pause entstand, in der ich über seine Worte nachdachte. Ob er das wirklich einfach so beurteilen konnte? Hätte ich ihn mit aller Vernunft wirklich vergessen wollen? Konnte ich mir irgendwie kaum vorstellen. »Tja. Jetzt kann ich aber rational denken. Trotzdem bin ich noch hier, um dir zu helfen.«
»Ja, du bist schon etwas komisch, weißt du das?« Er schaute mich endlich mal wieder direkt an. Natürlich war alles, was ich sah Finsternis. Trotzdem mochte ich das Gefühl, dass er sich nicht ständig von mir abwandte. »Du bist vermutlich einfach ein hilfsbereiter Mensch und ich brauche zurzeit Hilfe. Wenn wir das erreicht haben, was wir wollten, ich keine Hilfe mehr brauche, dann könntest du deine Meinung ändern.«
Seine ständigen Zweifel nervten mich gewaltig. »Jetzt hör endlich auf alles so negativ zu sehen! Die Menschheit hat sich geändert, ist viel humaner geworden. Anders wird inzwischen akzeptiert. Wir bekommen es schon hin, dass sie auch dich akzeptieren.« »Das wird eine halbe Ewigkeit dauern, vermutlich.«
Realistisch betrachtet, hatte er vermutlich Recht. Ich meine, wie lange hatte es gedauert, dass die Homo-Ehe legalisiert wurde? Und in den meisten Ländern war es immer noch nicht erlaubt. »Stimmt, es wird eine halbe Ewigkeit dauern. Aber es würde sich lohnen dafür zu kämpfen.«
Inzwischen hatte er seinen Blick wieder von mir abgewandt und starrte auf den sandigen Boden vor sich. Wie sehr ich mir gerade wünschte auch seine Gedanken lesen zu können. Ob meine Worte wohl bei ihm angekommen sind? Ob sie etwas in ihm ausgelöst haben?
»Haben sie«, murmelte er, als Antwort auf meine Gedanken, wie er es so gerne tat.
»Gut! Dann kämpfen wir, damit du endlich eine Heimat findest, Hooded.« Ich schmunzelte über meine Worte, weil sie sich irgendwie wie die einer Anführerin anhörten. Ein Job, in dem ich noch nie gut gewesen war. Diesen Part hatte ich schon immer liebend gern Jess überlassen.
»Ich kann’s ja gar nicht glauben! Was ist hier Heute los? Normaler Weise trifft man zwischen Licht und Dunkelheit nie jemanden.« Als ich eine fremde Stimme hörte, die ich eindeutig nicht zuordnen konnte, zuckte ich automatisch zusammen. »Ein Stück weiter westlich habe ich Zelte gesehen. Gibt es hier Heute etwas umsonst?«
Ein Blick nach hinten und ich blickte augenblicklich in das merkwürdige Gesicht eines In-thoughts. Eindeutig ein Mädchen, was mir nicht nur ihre Stimme verraten hatte, sondern auch generell ihr Erscheinungsbild.
Da waren uns die In-thoughts gar nicht so verschieden. Ihre langen Haare hatte sie hochgesteckt, trug Make-up, sogar ihre Kleidung hätte sie gerne mit mir tauschen können.
Als sie uns genauer in Augenschein genommen hatte, weiteten sich ihre Augen. »Was seid ihr den für komische Vögel, dass ihr euer Gesicht nicht zeigen mögt?«
Am liebsten hätte ich mich jetzt noch weiter in mein Mäuseloch verkrochen. Ich hatte einfach keinen Schimmer wie ich in so einer Situation reagieren sollte.
Hooded neben mir allerdings, nahm das alles total locker, war sicher auch schon ziemlich geübt mit solchen Momenten. »Es gibt auch hässliche Leute, weißt du.«
Die In-thought fing zu lachen an. »Ja, aber dazu kann man doch trotzdem stehen.«
»Wir sind halt schüchtern«, sagte er schulterzuckend.
Währenddessen starrte ich einfach in den Bereich zwischen meinen Kniekehlen. Hooded würde sie schon irgendwie abwimmeln. »Nun sagt schon. Was verschlägt euch hier her?« Ob er der Fremden wohl die Wahrheit sagte? Ehrlichgesagt hatte ich keinen blassen Schimmer, ob der Besuch dieses Gottheitsbaums etwas war, was man besser verschwieg.
Hoodeds folgenden Worte sprachen jedenfalls dafür: »Ist das nicht offensichtlich? Ich meine, warum bist du hier? Man geht nicht freiwillig hier hin, außer man möchte sich von den restlichen In-thoughts abschotten.«
Das Mädchen lächelte, wodurch ihre strahlend weißen Zähne zum Vorschein kamen, die ich echt beneidete. »Ja, ja. Tu nicht so. Du weißt genau, dass es auch die Sorte von In-thoughts gibt, die wegen etwas anderem hier sind. Kleiner Tipp: Es ist mehrere Meter groß, hat Wurzeln-«
»Ist ja gut. Deswegen sind wir aber nicht hier.« Hooded versuchte die Anspannung in seiner Stimme zu verdecken, was ihm meiner Meinung nach aber eher mäßig gelang. Er wusste genauso gut wie ich, dass wir schleunigst von ihr verschwinden sollten bevor…
»Ach, deshalb diese Kapuzen! Ihr seid Menschen! Du meine Güte! Wow! Ich hätte nie gedacht, dass ich mal welche persönlich treffen würde.«
… sie noch meine Gedanken lesen würde. Ganz klasse. Es würde nicht mehr lange dauern, dann wüsste sie alles. Wir sollten schnell von hier verschwinden, beziehungsweise ich durfte nicht mehr über bestimmte Dinge nachdenken, was natürlich nur schwer möglich war.
»Aber warum kann ich deine Gedanken nicht lesen?« Bitte stell nicht diese Frage! Auf Fragen musste mein Gehirn in Gedanken automatisch antworten, ob ich es will oder nicht. »Ach, du großer Gott! Auf was für zwei bin ich hier denn gestoßen?« Sowohl Hooded als auch ich hatten uns nun erhoben, eigentlich um weiterzuziehen – uns schnell von ihr zu verabschieden.
»Das könnte interessant werden«, meinte sie. Doch nachdem das Mädchen vor uns eine Strähne hinter ihr Ohr gestrichen hatte, das sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, hielt sie uns ihre Hand entgegen. Da stand fest, dass sie uns nicht so schnell gehen lassen wird. »Ich bin übrigens Resistance, aber alle nennen mich Resi.« Klasse, dann konnten wir nicht mal versuchen sie abzuwimmeln, wenn sie Wiederstand leisten würde.