The Hodded Boy I forgot
6 ◊ Forgot the „N“
»Wahrscheinlich kannst du dir vorstellen, dass ich tausende von Fragen habe«, sagte ich indem ich einen Schritt auf ihn zu machte, doch er wich zurück. »Ja, aber glaube mir: Die Antworten darauf willst du gar nicht hören.«
Ich hätte es wissen müssen. Enttäuscht war ich trotzdem. »Du wirst mir keine Antworten geben, habe ich nicht Recht?« »Du kennst mich nicht mehr, Poppy. Ich sollte dir keine Antworten geben. Ich hätte auch keinen Kontakt zu dir aufnehmen sollen. Aber ich möchte ja, dass du mich wieder kennst.«
»Aber ich brauche diese Antworten auch, um beurteilen zu können, ob ich wirklich keinen Kontakt zu dir haben sollte«, schlussfolgerte ich. »Damals hast du dich gegen mich entschieden. Warum sollte es jetzt anders sein?«
Ich schnaubte. »Da war ich doch noch ein dummes kleines Kind. Wichtige Entscheidungen konnte ich da noch nicht treffen.« Eine ganze Weile lang war es still. Ich konnte nur seinen schweren Atem hören, obwohl er natürlich mit dem Rücken zu mir stand.
»Also gut. Dann frag von mir aus.« Vor ein paar Minuten lagen mir noch unendlich viele Fragen auf der Zunge, doch mit diesem Satz hatte er mich irgendwie verwirrt. Jetzt fiel mir keine einzige mehr ein. Ach, quatsch… Poppy, denk einfach scharf nach.
»Warum habe ich dich sonst noch nirgends gesehen? Gehst du denn gar nicht zur Schule oder so?« »Nein. Ich gehöre hier nämlich eigentlich gar nicht her. Wenn ich schon hier bin, dann hier und nirgendwo anders.«
»Warum gerade hier?« Äh ja. Warum fragte ich das jetzt? Er hatte mir gerade erzählt, dass er nicht hier her gehörte. Wollte ich denn gar nicht wissen, was er damit meinte?
Der Kapuzenjunge zeigte auf das Haus neben uns, wo er das erste Mal schon gegen gelehnt hatte. »Weil dort meine Mutter wohnt.« Seine… was? Die gruselige Frau war seine Mutter? Okay, das mochte seine Art erklären. Er war ja auch ziemlich eigen. Wollte ich den Rest wirklich hören? Wenn diese Frau einen Sohn hatte, wollte ich den sicher nicht kennenlernen, oder?
Aber ich war neugierig auf diesen Jungen. Ich brauchte unbedingt erst alle Antworten, um mir ein Gesamtbild bilden zu können. Also löcherte ich ihn weiter: »Aber offensichtlich lebst du nicht bei ihr. Wundert mich ehrlich gesagt überhaupt nicht. Sie ist eine echt grässliche Frau.«
Daraufhin wand er sich vollständig von mir ab. Seine nächsten Worte klangen total traurig und ich bekam Mitleid mit ihm. »Ich weiß. Dabei ist sie noch das Beste an meinem Leben.« Ich musste mich wohl verhört haben. Wie konnte so jemand das Beste im Leben sein? Was musste er für ein Leben führen?
»Warum schleppst du immer diesen schwarzen Luftballon mit dir herum?« »Er bringt mich Nachhause.« Es ist dann wohl offiziell: Ich bin voll und ganz verwirrt. Gerade wollte ich die nächste Frage stellen, da fiel mir eine viel wichtigere ein, die ich noch gar nicht gestellt habe. »Wie heißt du eigentlich?«
»Ich habe keinen Namen.« »Was? Natürlich. Jeder hat doch einen Namen.« »Ich nicht. Einen Namen zu erhalten bedeutet Zuneigung… wenigstens ein bisschen. Wenn deine eigene Mutter aber Angst vor dir hat, dann ist das etwas schwierig.«
Jetzt stand ich völlig auf dem Schlauch. Ich hatte nicht gedacht, dass Mrs. Freak überhaupt so etwas wie Angst kannte. Wenn selbst dieses Monster Angst vor dem Kapuzenjungen hatte… sollte ich dann nicht lieber über alle Berge verschwinden? Stattdessen fragte ich: »Was ist mit deinem Vater?«
»Er… ich denke er hasst mich. Akzeptiert mich nicht als seinen Sohn… und obwohl ich bei ihm lebe, habe ich mich dort nie wirklich Zuhause gefühlt.« Das hörte sich echt hart an. Aber hinter der Geschichte musste mehr stecken. Sonst hätte die gruselige Frau in diesem Haus keine Angst vor ihm.
»Mir gehen die Fragen aus. Den Rest musst du mir schon erzählen. Wie sieht dein Leben aus? Das hört sich für mich alles zu fremd an.« »Weil es fremd ist. Eigentlich sollte es mich gar nicht geben. Unsere Welt und diese Welt… dazwischen sollte es keine Verbindung geben.« Äh… ja. Andere Welt?
»Ich komm nicht mehr mit.« »Ich lebe nicht auf der Erde, Poppy. Ich lebe in einer Welt wo es keine Menschen gibt, sondern Wesen namens In-toughts.« »In Gedanken? Sind meine Erinnerungen an dich deshalb nicht mehr vorhanden?«
»Jein. In-toughts sind die Herren der Gedanken. Sie können sie lesen, aber auch kontrollieren. Dass jeder Mensch, der mein Gesicht sieht, es anschließend wieder vergisst, hat mein Vater so eingefädelt. Das kann ich ihm auch gar nicht übel nehmen. Ich halte mich zu oft auf der Erde auf. Wenn mein Gesicht ein Mensch sehen würde, wäre er schreiend über alle Berge gelaufen.«
Das waren zu viele Infos für mich. Ich konnte sie gar nicht richtig alle verdauen. »Und du bist auch ein In-toughts? Weißt du was ich denke? Kannst du meine Gedanken kontrollieren?« Der Gedanke daran versetzte mich in Angst und Schrecken.
»Und wieder muss ich mit Jein antworten. Mein Vater ist ein In-toughts, meine Mutter ein Mensch. Ich bin Halb-halb. Etwas, was es eigentlich nicht geben sollte. Um deine Frage zu beantworten: Ja, Gedanken lesen kann ich. Allerdings bin ich nicht dazu in der Lage sie zu kontrollieren.«
Langsam dämmerte bei mir was. Deshalb hatte er Erin im Gebüsch bemerkt, obwohl sie sich so gut versteckt hatte. Weil er ihre Gedanken gehört hatte.
Tja. Und in diesem Moment wusste er auch was ich dachte. Verflucht! Ich musste hier verschwinden. Ich setzte meine Füße rückwärts, wobei ich stolperte – so ungeschickt wie ich war. Schnell erhob ich mich wieder von der Erde. Weg hier, Poppy. Schnell weg.
Ich drehte mich um, dachte er würde mir folgen, mich aufhalten wollen. Immerhin kannte ich sein Geheimnis, das ich allen verraten könnte. Er hatte mein Gedächtnis mit seinem Blick ja noch nicht ausgelöscht. Da meine Überraschung in diesem Moment größer als meine Angst war, blieb ich stehen.
»Geh ruhig«, meinte er. »Wenn du deine Erinnerungen an mich behalten möchtest, behalte sie.« »Hast du denn keine Angst, dass ich dein Geheimnis verraten würde?« »Ich habe Zugang zu deinen Gedanken, Poppy. Ich weiß, dass du das nicht tun wirst. Selbst wenn… keiner würde dir glauben, wenn ich auf der Erde nicht mehr gesichtet werden könnte.«
»Du würdest aufgeben deine Mutter zu sehen?«, fragte ich verwirrt. »Eine Mutter, die Angst vor mir hat.« »Aber warum besuchst du sie denn überhaupt noch, wenn dir das bewusst ist?«
Er lachte kurz auf. »Weil du es mir gesagt hast, Poppy. Weil du mir gesagt hast, dass ich immer daran denken soll, dass ein Teil von mir auch ein Mensch ist.« Und dann, obwohl ich es eigentlich nicht vorhatte, trugen mich meine Füße wieder zu ihm… obwohl ich doch flüchten wollte.
Ich lehnte mich gegen den großen Stein. »Das ist kein Leben. Du weißt ja selbst nicht richtig wo du hin gehörst. Wie konnte das mit deinem Vater und deiner Mutter überhaupt passieren?«