The Hodded Boy I forgot
4 ◊ Forgot the „K“
»Wirklich? Also ich denke ja, dass unsere Eltern tief in ihrem Inneren genau gleich sind«, brachte Erin unter dem Kauen ihres Brotes hervor.
»Denkst du, weil ich nicht zu der Party durfte? Ach, das war doch nur wegen Mathe. Mein Taschengeld würde sie mir trotzdem nie streichen. In Wahrheit ist sie nämlich froh, dass ich mir all diese schicken Klamotten kaufe. Ich soll doch auf den Rest der Gesellschaft einen perfekten Eindruck machen. Dass ich jetzt in der Schule so abkacke, passt ihr einfach nicht in den Plan einer perfekten und wohlerzogenen Tochter.«
»Wenn du meinst…« »Also ich meine ja immer noch, dass Poppy sich einfach rausschleichen müsste. Bei der Party hat sie echt was verpasst«, hörte ich Jess sagen. Die anschließende Diskussion an unserem Mittagstisch bekam ich nur mit halbem Ohr mit.
Noch vor der Schule hatte ich den Brief unter der Schaukel mit einem Stein drapiert. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als daran, ob er am Mittwoch nach der Schule wohl auf mich warten würde.
Ich holte mein Handy aus der Hosentasche und öffnete unter dem Tisch das WhatsApp-Chatfenster von Erin und mir.
13:06_Erin? Ich habe ihn ja gestern getroffen! :o
Oh, Erin! Sie hatte vergessen ihr Handy auf lautlos zu schalten und jetzt ertönte ein lautes Pling aus ihrer Tasche. Die anderen an unserem Tisch fingen an zu lachen. Vermutlich konnten sie sich vorstellen, dass die Nachricht von mir war, da ich meinen Kopf im selben Moment wieder angehoben hatte.
»Wisst ihr, wir würden auch gerne erfahren, was ihr für geheime Sache zu bereden habt«, meinte Lou. »Und das ist der Grund, warum ich dir ständig sage: Schalte dein Handy auf lautlos!«, maulte ich sie an. Erin zuckte mit den Schultern. »Lou und Zoe tuscheln auch ständig. Dann dürfen Poppy und ich das auch.«
Damit hielt sie ebenfalls ihr Handy unter den Tisch, um mir zu antworten. Kurz danach blinkte mein Handy weiß auf.
13:07_ Was? Wer? Hattest du etwa ein Date mit Sebastian? ;)
Ich verdrehte die Augen. Hörte sie mir überhaupt zu, wenn ich ihr etwas erzählte? Oder hielt sie die Sache für zu lang her als dass ich die meinen könnte?
13:08_Unsinn! :/ Ich rede von dem Jungen mit der Kapuze. Ich bin rüber zu der Wiese, wo ich ihn laut meinem Tagebuch immer getroffen habe. Und da war er! Nach all den Jahren! :o Heute Morgen habe ich ihm einen Brief hinterlassen, damit er mich am Mittwochnachmittag trifft.
Nachdem sie meine Nachricht gecheckt hatte starrte sie ungläubig vom Tisch hoch. Schnell antwortete sie:
13:08_Geh da nicht hin! Ein gruseliger Kapuzenjunge? Das gefällt mir ganz und gar nicht :(
13:08_Dann ist es ja gut, dass du nicht meine Mutter bist, Erin.
Sie schaute mich mit wütenden verengten Augen an.
»Oh, oh. Die geheime Nachricht hat Erin wohl gar nicht gefallen«, lachte Jess. »Sieht wohl so aus…«, entgegnete ich. Doch Erin hatte ihren Blick bereits wieder unter den Tisch gerichtet und kurz danach blickte mein Handy auf.
13:09_Dann komm ich eben mit… zur Sicherheit.
Ich fand Erins Besorgnis ja ziemlich süß, nur leider passte mir das überhaupt nicht in den Kram.
13:09_Nein! Wenn ich nicht alleine auftauche, dann zeigt er sich sicher gar nicht erst.
13:10_Okay… Dann werde ich mich halt im Gebüsch verstecken und nur herauskommen, wenn es hart auf hart kommt. :D
13:10_Ich liebe dich auch ♥
Mit gesenktem Blick lächelte Erin ihr Smartphone an.
13:11_War das jetzt ein ja? :)
13:11_Habe ich die Wahl, Erin? :D
13:11_Nein! :D Also dann! Mittwochnachmittag… notiert!
Okay, dann hatten wir das ja geklärt. Oder… Erin hatte das geklärt.
◊
Wie konnte ein Schultag schneller rumgehen als mit einer schönen Mathematikstunde? Richtig. Mit fast allem. Unser geliebter Mathelehrer sah das allerdings anders. Hatte ich Mathe gelernt als meine Mutter es von mir verlangte? Natürlich. Für zehn Sekunden. Dann hatte ich ja das Diddltagebuch entdeckt.
Zum Glück war ich hier nicht die einzige, die durch das ganze Thema nicht durchblickte. Mr. Stewart war nämlich dafür bekannt, dass er sich immer spezielle Opfer für eine Stunde aussuchte. Die, die er dran nahm, obwohl sie es nicht wussten. Er quälte sie dann so lange bis sie ihm irgendeine richtige Antwort lieferten. Klingt simpel, wenn man dann mal eine richtige Antwort wusste…
Vorgestern, die Stunde direkt nach der Rückgabe der Mathearbeit, war ich das Opfer. Ich vermutete mal, dass meine schlechte Note dazu bei getragen hatte. Heute hatte ich Glück. Jeder hier im Raum hatte bemerkt, dass der gute Lucas dran war. Meine Schadenfreude ließ sich nur schwer unterdrücken. Lucas konnte Mathe nicht. Das heißt… vielleicht ja schon. Nur lernte und interessierte er sich generell nicht für die Schule.
»Lucas, was würden Sie mal von Nachhilfe halten? Ich denke nämlich nur, dass sie Zuhause selber nie zum Lernen kommen. Hätte jemand Interesse?«, fragte Mr. Stewart in die Runde. Natürlich nur an die Streber unter uns gerichtet. Aber selbst wenn ich den Durchblick hätte, was ich eindeutig nicht behaupten konnte, würde ich ihm nicht mal im Traum Nachhilfe geben.
Zu meiner Überraschung schoss plötzlich Erins Finger nach oben. Nicht, weil ich es mir nicht vorstellen könnte. Oh nein, Erin würde Lucas liebend gern Nachhilfe geben, wenn das bedeutete in seiner Nähe zu sein. Aber…
»Verstehen Sie mich nicht falsch Erin, aber ich glaube nicht, dass sie dafür geeignet sind. Sie blicken doch selber kaum durch.« Ganz genau. Zum ersten Mal waren Mr. Stewart und ich mal einer Meinung.
Jetzt schien sie selber zu begreifen, dass das ein Fehler war. Ihr Gesicht färbte sich so rot wie eine Tomate, während sie vor sich hin stammelte: »Äh, nein. Ich wollte… nicht… also. Ich habe mich nicht deshalb gemeldet. Ich wollte sagen… Wie wäre es denn mit einer Lerngruppe? Ich meine Lucas ist hier ja nicht der einzige, der Nachhilfe gebrauchen könnte.«
»Da haben Sie nicht ganz Unrecht. Und wie ich das jetzt verstehe möchten Sie gerne dabei mitmachen?« Daraufhin nickte sie schüchtern. »Na fein. Dann wird das jetzt für alle Schüler Pflichtprogram, die schlechter als vier stehen.« Puh! Ich hatte eine vier minus! Erin zwar auch, aber die wollte wegen Lucas ja anscheinend freiwillig mitmachen.
»Allerdings habe ich dafür keine Zeit. Würde sich dafür vielleicht ein guter Schüler bereit erklären? Selbstverständlich wird das später im Zeugnis besonders anerkannt.«
Sofort flog die Hand von David in die Luft. Er war der Streber überhaupt, wenn auch ein ziemlich hübscher Streber musste ich zugeben. Allerdings mochte ihn keiner, weil er total der Lehrerliebling war.
»Wunderbar. David, teilen Sie den speziellen Schülern dann bitte mit, wann es ihnen in der Woche passt. Die Schüler mit einer fünf oder schlechter haben zu erscheinen. Sonst wird das als Fehltag angerechnet. Ich habe die Schnauze von dieser faulen Klasse gestrichen voll!«
Erin neben mir atmete hörbar schwer aus. »Verdammt. Nicht der…«, murmelte sie so leise, dass ich es fast nicht gehört hätte.