The Hodded Boy I forgot
61 ◊ Forgot the „R“
-10 Jahre später-
Mein Blick fixierte ungewollt den Boden. Es bildete sich eine verdammte Pfütze.
Ein und Ausatmen, Poppy. Es ist ganz simpel. Mein ganzer Körper begann zu zittern. Jetzt war es zu spät. Ich würde nie wieder die Poppy werden können, die ich mal war. Wer war die neue Poppy? Ich wollte gar nicht daran denken. Meine Beine gaben unter mir nach, obwohl ich krampfhaft versuchte dagegen anzukämpfen. Die Pfütze durchtränkte meine Jeans. Als ich dann so an mich herunter sah, begann ich zu weinen.
Man denkt nie wirklich über seine Persönlichkeit nach. Keiner hat nur eine Facette an sich. Wir haben alle eine dunkle Seite, so wie wir auch alle eine helle Seite in uns tragen. Das wurde mir erst jetzt wirklich vor Augen geführt. Trotz allem, was passiert war, würde ich mich hier nicht als Bösewicht ansehen. Aber wer tat das schon? Keiner würde von sich behaupten er wäre böse, außer vielleicht ein richtiger Psychopath.
Hatte ich einen Fehler gemacht? Nein, versuchte ich mir immer wieder einzureden. Wäre das hier ein Film und man würde mich hier blutdurchtränkt vor einer Leiche knien sehen, in der rechten Hand noch das tropfende Messer, dann wäre ich zweifelsfrei der Bösewicht in der Geschichte. Aber das hier war kein Film, sondern die Realität. Manchmal musste man Opfer bringen, wenn man für eine Sache kämpfte.
Meine Sicht war vor lauter Tränen total verschwommen, trotzdem hörte ich noch einwandfrei – die Stimme von Dusk. Er zeigte sich mir offensichtlich durch dieses Gedankenoffenbarungsdingens. Unmöglich hätte er mir so schnell folgen können. Die andere Option wäre, dass ich verrückt wurde, doch ich wollte lieber Möglichkeit Nummer eins für wahr erklären.
»Ich bin gerade aufgewacht, Poppy. Du warst weg, bist es immer noch.«
»Ja, ich bin weg«, erwiderte ich, obwohl er meine Antwort eh nicht verstehen könnte.
»Keine Ahnung, was du vorhast – oder bereits hinter dir gebracht hast-« Letzteres. Definitiv. »-aber ich dachte wir hatten einen Plan.«
Der Livenus sollte immer die Lösung für alles sein, doch das war idiotisch. Der Plan, den sich die anderen so optimistisch ausgedacht hatten, war scheiße. Alles hatte dort seinen Preis. Das, was ich getan hatte, nicht. Zwar musste ich jetzt mit der Sache leben können, doch wenigstens zahlte nur ich dafür – und nicht wir alle womöglich.
»Komm zurück. Es gibt da etwas, was du wissen solltest. Ich ahne nämlich, was du glaubst tun zu müssen… und ich schwöre dir, wenn du-« Der Zorn in seiner Stimme stieg bis ins Unermessliche. »Wenn du davon wüsstest, dann hättest du es nie in Betracht gezogen. Ich kann nur für dich hoffen, dass du noch nicht so weit warst, denn falls doch, dann werde ich es dir erzählen. Du wirst mit dir selbst nicht mehr leben können, was ohne diese Info womöglich auch schon der Fall sein wird. Doch dann ist es noch eine Stufe extremer.«
Ich schluckte. Er machte mir keine Angst. Nichts, egal welche Info, hätte mich daran hindern können, das einzige Vernünftige zu tun. Natürlich wusste ich, dass es falsch war. Man hätte vorher alles Erdenkliche versuchen sollen, was nicht hier mit enden würde. Mord sollte man generell nie in Erwägung ziehen. Doch umso länger wir brauchten, desto mehr gerieten die Leben Unschuldiger in Gefahr.
Was sollte als nächstes passieren? Meine blutdurchtränkte Kleidung wechseln würde die Tat nicht ungeschehen machen. Sie würden früher oder später davon Wind bekommen. Weglaufen könnte klappen. Nur würde es dann so rüberkommen, als ob ich mich dafür schämte. Sie sollten es ruhig wissen: Ich mochte ein Leben genommen haben, doch ein anderes war dafür gerettet.
Der Rückweg fühlte sich an wie Ewigkeiten, denn ich bezahlte den Preis bereits. Wortfetzen flogen mir durch den Kopf, die ich plante laut auszusprechen. Doch keiner ergab davon irgendeinen Sinn. Ich überlegte, wer von ihnen mir wohl am ehesten verzeihen konnte. Und das war das größte Problem. Mir fiel kein Name ein. Ich sah nicht nur aus wie eine Mörderin, ich war auch tatsächlich eine.
Ich drehte mich um. Nein, immer noch regungslos. Das sollte eigentlich ein gutes Zeichen sein, doch gerade wünschte ich mir, dass wenigstens der kleine Finger kurz zu zucken begann.