The Hodded Boy I forgot
44 ◊ Forgot the „I“
-Davids Sicht-
»Sie werden nicht mehr kommen.« Nicht nur Resi, jetzt auch Dusk, traten der ganzen Sache wenig optimistisch gegenüber. Ich blendete ihre Stimmen einfach aus. Sie mussten es einfach schaffen, sonst … keine Ahnung, was ich dann mit mir anfangen sollte. Wie sollte ich ihren Eltern unter die Augen treten, als der Feigling, der ihre Kinder ins offene Messer laufen ließ?
»Wenn du jetzt nicht ruhig bist, dann-«, drohte Hodded, verstummte aber, als von der unsichtbaren ein dumpfes Geräusch ertönte. Bitte, lieber Gott im Himmel! Eigentlich glaubte ich an die Wissenschaft, nicht an übersinnliche Dinge. Im Moment hätte ich gegen göttliche Hilfe jedoch nichts einzuwenden. Die Wissenschaft brachte mir Erin und die anderen nämlich nicht zurück.
»Schade. Ich dachte, wenn ich zurück komme, ist dieser Ort heller geworden.« Poppy! Ich glaube, ich war noch nie so erleichtert ihre Stimme zu hören. Den anderen drei schien es wohl genauso zu ergehen. Erleichterung, aber auch jede Menge Unglauben, spiegelte sich in ihren Gesichtern wieder. Vielleicht sollte ich doch öfter in die Kirche gehen.
»Ihr konntet entkommen? Aber wie-« Dusks huschte nach rechts. Ungefähr dorthin, wo Lou und Zoe standen. »Interessant.« »Was ist interessant? Vielleicht noch mal zur Erklärung für die, die nicht Gedanken lesen können«, sagte ich genervt, wissend, dass ich vermutlich auch für den Rest der anwesenden Menschen sprach.
»Es gibt leider keine Erklärung, warum sie entkommen konnten – zumindest keine Ersichtliche«, erklärte Dusk schlichtweg. Hodded ging nun einen Schritt auf Poppy zu. »Ich wusste, dass du es schaffst und du hast das Messer!«
»Nein, nicht ich habe es geschafft. Ohne meine Freunde säße ich immer noch da fest. Lous Stimme hat mich in die Realität zurückgeholt.«
Hoddeds Blick huschte Richtung Lou. »Danke.« Dann hatten wir es also geschafft! Wir konnten endlich Nachhause zurück. Poppy hatte gerade den selben Gedanken: »Und jetzt, bitte, bevor wir wieder gehen: Halten Sie ich an ihren Deal und heben Sie die Kontrolle, die auf Hooded liegt, wieder auf.«
»Aber natürlich«, lachte Dusk. Seine Antwort überraschte mich irgendwie. Ich hätte erwartet, er würde Poppy hintergehen. Poppys Vertrauen hatte sie am Ende also doch weitergebracht. Das sollte ich mir vielleicht für die Zukunft selbst hinter die Ohren schreiben. An sich war ich leider zu paranoid, musste ich zugeben.
»Sobald ich das Messer ausprobieren konnte. Selbstverständlich muss ich vorher wissen, ob es das Richtige ist.« Aber natürlich hatte die Sache einen Haken.
»Ausprobieren? Etwa an mir? Weil ich die einzige In-thought bin?« Resi klang etwas entsetzt, obwohl sie ihre Fähigkeiten doch sowieso nie einsetzte. Was würde sie vermissen?
»Tut mir Leid, Schätzchen. Ich habe keinen Schimmer, wie oft man dieses Messer wirksam einsetzen kann. Nehme es mir nicht übel, aber an dir wäre es eine Verschwendung. Ich habe mir bereits einen In-thought ausgeguckt.« Klasse, dann kamen wir also doch noch nicht heim?
»Wie lange müssen wir denn noch bleiben?!«, entfuhr es mir. Die hielten mich bestimmt alle für ein Kleinkind, das Heimweh nach Mami hatte.
»Keine Sorge. Wenn wir auf der anderen Seite des Ozeans sind, geht es ganz schnell«, sagte Dusk. Aha, also noch eine Übernachtung… wie wunderbar. Glücklicherweise setzten wir uns augenblicklich in Bewegung, anstatt Löcher in die Gegend zu stehen.
Aus Neugierde bewegten sich meine Füße zu Lou hin. »Du hast sie also gerettet? Wie das?«
»Habe ich nicht. Alle haben irgendwie dazu beigetragen.« Zoe neben ihr, legte stürmisch den Arm um ihre Freundin. »Jetzt sei nicht so bescheiden. Nicht nur Poppy hat deine Stimme gehört – ich auch. Irgendwas musst du gemacht haben.«
Lou entzog sich Zoes Umarmung. Nanu? Irgendwas hatte sie doch… »Tja, tut mir leid, Zoe, aber ich kann dir mein Geheimnis nicht verraten, weil ich es selbst nicht weiß.« Dann stapfte sie uns davon.
»Vielleicht hat sie ja ihre Tage«, überlegte ich. Sollte ein Witz sein, nur lachte Zoe nicht.
»Denkst du? Wenn ja, dann kann ich sie verstehen. Gerade in unserer jetzigen Situation. Ich meine, wir zelten…« Mit Mädchenproblemen kannte ich mich eindeutig nicht aus. »Aber nein, dann hätte sie mir das bestimmt gesagt«, fiel Zoe nach einer kurzen Überlegung ein.
»Sollte auch nur ein Scherz sein…« Vermutlich sollte man es einfach lassen, wenn man es nicht konnte.
»Ach, bestimmt überinterpretiere ich das gerade.« »Bestimmt. Wir sind ja auch schon eine Weile unterwegs.« Zoe grinste. »Genau und Lou hasst Bewegung.« Sie hielt kurz inne und wand sich dann direkt an mich: »Du hast es übrigens richtig gemacht, dass du nicht mitgekommen bist. Ich wurde im Livenus mit Problemen konfrontiert, an die ich gar nicht denken wollte. Andererseits hielten gerade diese mich davon ab zu gehen.«
»Ist das nicht immer so? Wir klammern uns an Probleme, in der Hoffnung sie lösen zu können.« Vielleicht machte das ja Helden aus. Das würde zumindest erklären, warum ich so ein Feigling bin. Problemen ging ich grundsätzlich aus dem Weg. »Da hast du wohl Recht. Das macht unser Leben erst so richtig spannend.«
»Ich hätte nichts dagegen, wenn mein Leben gerade etwas weniger spannend ist.«
Zoe lachte. »Aber David, das Abenteuer hat doch gerade erst begonnen!« Für euch vielleicht, aber nicht für mich. Diese Worte brachte ich allerdings nicht über meine Lippen. Mir war bewusst, dass Zoe mit Abenteuer nicht Ausflüge wie diese meinte. Bald schon hatte sich die Schose erledigt.
Trotzdem hatte sie Recht. Abenteuer gab es nicht nur hier, sondern auch auf der Erde. Das ganze Leben war ein reinstes Abenteuer, wenn man es so wollte. Erins Clique besuchte ständig irgendwelche Partys, da erlebte man sicher jede Menge. Für mich war das nichts. Ich brauchte keine Abenteuer, um ein erfülltes Leben zu führen. Einmal hatte ich es versucht. Heathers Party, meine erste Party überhaupt. Nie wieder! Man konnte ja sehen, wo mich das hingeführt hatte.
»Stimmt, das Abenteuer hat gerade erst begonnen. Aber ich arbeite nach Plan, um den Kampf zu gewinnen und lebend wieder rauszukommen. Wie gerade eben: der Plan nicht in die Kuppe zu gehen. Ich habe überlebt.«
»Wir anderen haben’s auch geschafft.«
»Stimmt, aber die Wahrscheinlichkeit war geringer als bei mir.«
»Och, David. Gut, dass du jetzt Erin hast. Du musst noch viel lernen.«
Ich starrte sie entgeistert an. Was dachte sie sich da? »Erin und ich sind nicht-«
»Zusammen?«, beendete sie den Satz für mich. »Ich weiß, noch seid ihr es nicht. Aber ich bin da ziemlich zuversichtlich.« Zwar hatte Erin es mir schon irgendwie angetan, nur wusste ich von ihr persönlich, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Da hatte ich vielleicht gerade noch mal Glück gehabt.