The Hodded Boy I forgot
3 ◊ Forgot the „H“
Auf dem Nachhauseweg sollte ich eigentlich an der zweiten Abzweigung rechts abbiegen. Stattdessen trugen mich meine Füße irgendwie nach links. Schuldig… Meine Gedanken kreisten einfach nur noch um diese besagte Wiese. Jetzt kam es ja noch so, dass ich mir genau vorstellen konnte von welcher Wiese mein jüngeres Ich gesprochen haben musste.
Verständlich also, dass ich jetzt nicht anders konnte als mich dort für den Nachmittag aufzuhalten. Mein letzter Besuch ist nämlich schon eine ganze Weile her. Und wer weiß? Vielleicht treffe ich ihn ja, den Kapuzenjungen.
Quatsch. Hör auf dir falsche Hoffnungen zu machen. Vermutlich wohnt er nach all den Jahren ganz woanders. Hatte ich ihn überhaupt jemals getroffen? Immerhin hatte ich keinen blassen Schimmer wie er aussah. Ich konnte mich nicht dran erinnern. Vielleicht war das nur ein ausgedachter Freund meiner Kindheit gewesen, den niemand außer mir sehen konnte.
Was machte ich mich deswegen überhaupt so verrückt? Naja, egal. Zu spät. Jetzt hatte ich die Wiese schon erreicht. Und wenn man schon mal hier war, könnte man sich hier ja auch eine Weile aufhalten.
Lächelnd ging ich zu der Schaukel rüber, die ich als Kind immer so geliebt habe. Ob es seltsam wäre, wenn ich mich noch einmal draufsetzte? Bestimmt nicht.
Das Gefühl, das ich beim hin- und herschwingen verspürte, fühlte sich befreiend an. Hier konnte man echt alle seine Probleme für einen kleinen Moment vergessen. Barfuß wäre es hier sicherlich auch nicht schlecht. Die nackten Füße im weichen Sand…
Seufzend stand ich auf und kniete mich runter in den Sand. Mit meinem rechten Zeigefinger malte ich Worte in die Erde.
Kapuzenjunge, wo bist du?
Klar. Als würde er mir antworten. Ich drehte langsam wirklich durch. Und warum? Wegen einem dämlichen Diddltagebuch. Schnell klopfte ich mir den Dreck von den Knien und setzte mich wieder in Bewegung.
Mein Blick fiel auf das alte Bauernhaus, das hier am Rande der Wiese stand. Es passte hier einfach her. Die Gegend wirkte dadurch total idyllisch. Sonnenblumen weit das Auge reicht, die Ställe (wo natürlich keine Tiere mehr drin lebten) aus Holz waren zwar schon leicht zerfallen, jedoch auf einer schönen Art und Weise.
Einziger Haken: Die Frau, die darin lebte. Sie war das Musterbeispiel für alle Omis, die Kleinkinder nach dem Klingelstreich mit einem Kochlöffel nachjagten. Nur dass sie gerade mal Mitte vierzig war. Sie lebte trotzdem allein und war deshalb irgendwie für jeden gruselig.
Doch deshalb beobachtete ich das Haus nicht. Ich hatte keinen Respekt vor ihr und Angst schon gar nicht. Ich ignorierte ihren Wahnsinn einfach. Aber dieses Mal konnte ich es nicht. Warum?
An der Hauswand lehnte jemand. Nicht irgendjemand, sondern ein Junge mit einer schwarzen Kapuzenjacke, die sein Gesicht verdeckte. In seiner Hand hielt er… was zur Hölle… einen schwarzen Luftballon? Was war er bitte für ein Freak? Kein Wunder, dass er bei dem Haus von Mrs. Freak lehnte.
Aber das war mir jetzt egal. Meine Neugier war größer. Ich musste ihn einfach sehen. Weshalb ich auch mit schnellen Schritten auf ihn zu lief. Mein Atem beschleunigte sich enorm. Doch jetzt machte sich meine Unsportlichkeit wohl bezahlt, denn bevor ihn überhaupt erreichen konnte, hatte er mich bereits bemerkt und lief davon… über alle Berge.
»Warte doch!«, rief ich ihn nach. Wo war er nur hin? Ich drehte mich einmal um meine komplette Achse. Allerdings war es bereits am Dämmern und seine dunkle Gestallt machten ihn damit nicht unbedingt zum hellsten Stern in unserem Sonnensystem. Verdammt!
Nachdem ich eine Weile die Gegend nach ihm abgesucht hatte, gab ich schließlich auf. Schleppend machte ich mich wieder auf den Weg zurück zur Schaukel. Gerade wollte ich mich hinsetzten, doch ich hielt inne. Mir stockte der Atem. Im Sand. Er hatte geantwortet.
Weg.
Damit war die Sache wohl offiziell. Unsere Bekanntschaft in der Kindheit musste wohl kein so gutes Ende genommen haben. Er hasste mich. Er wollte mich nicht sehen.
In der Hoffnung, dass er noch in der Nähe war, rief ich: »Okay. Du willst mich also nicht sehen. Aber es wäre nett, wenn du mir verraten würdest was ich damals falsch gemacht habe.« Nicht? Wirklich gar keine Reaktion? Vermutlich kein Wunder.
Aber zumindest gab es ihn. Es war keine Fantasie von mir gewesen. Jetzt würde ich nicht aufgeben. Morgen würde ich wieder kommen und ihm auf der Wiese irgendwo unter einem Stein einen längeren Brief als diese vier Worte hinterlassen. Vielleicht konnte ich ihn ja so irgendwie überzeugen sich mit mir zu treffen.
◊
Noch am selben Abend schrieb ich:
Lieber Kapuzenjunge,
ich weiß dass du mich nicht treffen willst. Kann sein, dass ich etwas verbockt habe. Ich verbocke ständig Sachen. Vermutlich hätte mir unsere Freundschaft damals mehr bedeuten sollen… das war mein Fehler. Dass ein albernes Tagebuch mich daran erinnern muss ist dämlich. Aber seitdem denke ich ständig an dich. Ich möchte es wieder gut machen. Mich zumindest kurz entschuldigen. Wenn du mich danach in die Wüste schickst, dann habe ich dafür Verständnis.
Könnte es sein, dass du in der Schule nicht sonderlich beliebt warst? Diese Art von Leuten vergesse ich nämlich leider zu oft. Aber das möchte ich gerne ändern.
Ich schätze wenn du mir keine Chance gibst, dann könnte ich mir das selbst nie verzeihen. Also… bitte! Treff dich mit mir. Am Mittwoch um sechszehn Uhr werde ich auf der Wiese auf dich warten.
Poppy