The Hodded Boy I forgot
52 ◊ Forgot the „E“
-Jess’ Sicht-
Hi Mum. Schön dich endlich wieder zu sehen. Ich habe dich so sehr vermisst. Und wenn du mit diesem Arschloch von Mann zusammen sein willst, der deine Tochter abgrundtief hasst, dann ist mir das auch egal. Werde für einen Monat glücklich. Danach hast du eh wieder einen Neuen. Nein, so konnte ich das nicht sagen. Die letzten zwei Sätze musste ich streichen.
Ich hob den Kopf und blickte direkt in zwei braune Paar Augen. Doch es waren nicht die, die ich gehofft hatte zu sehen. Wohnte der jetzt etwa schon bei ihr oder was machte er hier? »Jessica.« Ja, so heiße ich. Er war ja sehr schlau. Allerdings sollte er seinen Mund schließen. Das ließ ihn irgendwie dumm erscheinen. »Du hättest nicht gleich weglaufen müssen.«
Ehrlich jetzt?! »Ich bin nicht weggelaufen!« Ich habe meiner Freundin geholfen. Etwas, wovon Sie keine Ahnung haben. »Ich wurde entführt. Von demselben Unbekannten, der auch Poppy entführte. Aber… darum wird sich die Polizei schon kümmern. Oder was waren Ihre Worte? Aber nun raten Sie mal: Es hat uns niemand gerettet. Das mussten wir selbst tun.«
Ist das etwa Sprachlosigkeit, Mr. Fell? Sonst wissen Sie doch auch auf alles eine Antwort. Am liebsten hätte ich ihm das an den Kopf geworfen, doch im nächsten Moment erschien meine Mutter an der Türschwelle und all mein Ärger war schlagartig verflogen. Ich gab es nicht gerne zu, aber sie sah furchtbar aus. Ihre Augen waren geschwollen. Vermutlich hatte sie eine ganze Weile nicht richtig durchgeschlafen. Ihre roten Haare waren total zerzaust. Wenn ich sie so ansah, brach es mir das Herz. Sie hatte nur wegen mir so gelitten.
Jetzt quollen ihr erneut Tränen aus den Augen, dieses Mal waren es – Gott sei Dank – Freudentränen. Sie fiel mir in die Arme und hielt mich eine ganze Weile lang fest. Ich genoss ihre mütterliche Wärme. Sie hatte mir früher schon immer Trost gespendet, als ich noch keine Freunde dafür hatte. Sie war die einzige Konstante in meinem Leben.
»Ich muss dir noch so viel erklären, Schatz«, schluchzte sie. Ich wollte ihre Erklärungen eigentlich gar nicht hören, aber da sie so aufgelöst war, nickte ich und folgte den beiden ins Haus. »Wohnt er jetzt bei uns?«, fragte ich die Frage, die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge lag.
»Was? Nein. Also… Ja, er war hier. Aber nur weil du weg warst und ich mich so furchtbar einsam fühlte – dich vermisste. Er versuchte meine Laune zu heben, Jess.« Dafür war ich ihm zwar irgendwie dankbar, aber trotzdem wollte ich es nicht hören. Er sah darin doch nur eine Chance Mum näher zu kommen. Zu Mitgefühl war dieses Arsch sicher nicht fähig.
»Trotzdem verstehe ich es nicht. Es gibt so viele Männer auf der Welt. Musstest du dir gerade meinen Biolehrer aussuchen?« »Ich habe mir das nicht ausgesucht. Aber beim Elternsprechtag-« »Erspar mir die Details! Trotzdem wundert es mich doch, wie du dich in ihn verlieben konntest, während er über die schlechten Noten deiner Tochter herzog.« Und an Liebe auf den ersten Blick glaubte ich nicht. Vielleicht, wenn das Gegenüber besonders attraktiv war, was bei Mr. Fell eindeutig nicht der Fall war. Ihm fielen sogar schon Haare aus.
»Aber das hat er gar nicht. Er meinte, du wärest nicht dumm, nur fehlt es dir an Motivation.«
»Richtig. Deshalb war ich immer so streng zu dir. Ich wollte doch nur, dass du dich besserst«, wollte er sich jetzt rechtfertigen. »Ich habe ihm erzählt, dass du als Kind Meeresforscherin werden wolltest. Dass du dich allgemein sehr für den Ozean interessiert hast, und du am liebsten mit deinem Stofftier Nemo gekuschelt hast.«
»Mum!« Ich schnaufte empört auf. So was hatte sie nicht an meine Lehrer weiterzugeben. Auch, wenn sie inzwischen mit ihnen ins Bett stieg. Mich schüttelte der Gedanke. »Das ist außerdem schon lange her. So bin ich schon lange nicht mehr. Der Ozean interessiert mich nicht im Geringsten.«
»Weil dich jetzt mehr interessiert, was die anderen von dir denken. Interesse für Biologie zu zeigen, das findet deine Clique garantiert zu uncool.« Ach so. Dann war er neuerdings auch Psychologe, anstatt Horror-Lehrer.
»Wenn Sie von etwas keine Ahnung haben, dann sollten Sie sich daraus halten«, fauchte ich.
»Jess! Entschuldige, ich weiß auch nicht, was gerade mit ihr los ist.« »Oh, keine Sorge. Diese Seite an Jessica ist mir sehr wohl vertraut. Damit kann ich aber umgehen.«
Er konnte damit nicht umgehen! Kam mir jemand blöd, dann wurde ich wild. Man legte sich nicht mit Jessica Clancy an, ohne ungestraft davon zu kommen. Nicht mehr. Diese Zeit lag hinter mir. Ich wollte ihm gerade den nächsten Vorwurf an den Kopf werfen, da kam Mum mir zuvor. Ihr Blick sagte mir, dass ich Verständnis zeigen sollte. »Bitte, Jess. Er bedeutet mir sehr viel. Ich fände es schön, wenn du wenigstens versuchen würdest damit klarzukommen.«
Ich atmete langsam aus. Es war ihr wichtig und es würde sie glücklich machen. »Also gut. Ich werde es versuchen, wenn er sich auch Mühe gibt.« Bald würden sie sich eh wieder trennen. Dann war ich ihn wieder los.
»Danke, Schatz! Das bedeutet mir so viel… und… Oh Gott! Wir haben so viel über so eine unwichtige Sache diskutiert, wo du doch-«
Ich unterbrach sie schnell. Das war der perfekte Moment. »Nein. Nein. Schon gut. Ich will, ehrlichgesagt, gar nicht über die ganze Sache reden. Dann kommt alles wieder hoch. Es war so schon schwer genug.«
»Jessica, es tut mir wirklich leid«, meinte Mr. Fell plötzlich. Etwas spät, fürchte ich.
»Das mit dem Nett sein muss nicht jetzt sofort sein. Fangen Sie in der Schule an. Das würde ich eher zu schätzen wissen.« Gute Noten natürlich auch, aber das sprach ich selbstverständlich nicht laut aus. Dafür war Mr. Fell nicht der Typ.
»Ich werde jetzt gehen. Ihr zwei braucht Zeit für euch.« Wow. Das hätte ich nun nicht erwartet. Ich dachte, er hätte es sich hier schon gemütlich gemacht. Diese Art von Nett sein wusste ich auch zu schätzen. »Danke«, murmelte ich so leise, dass er es am liebsten gar nicht hören sollte. Hatte er aber.
»Nein. Ich habe zu danken. Dann bis Morgen.« Bis Morgen. Das hatte alles ruiniert. Bio. Morgen. Kotz.
»Ich werde uns Kaffee kochen. Dann können wir die Folge von Grey’s Anatomy nachholen, die wir verpasst haben.« Und die Laune stieg wieder.
»Gerne«, sagte ich grinsend. In meinem Leben hatte sich ziemlich viel geändert. Doch das ist mir geblieben.