The Hodded Boy I forgot

Annika Ha · Kapitel 58 von 62

PDF-Seiten

The Hodded Boy I forgot

58 ◊ Forgot the „N“

 

 

Es war fast so, als würde man ertrinken. Ungewöhnlich war es nicht gerade, dass mir so etwas durch den Kopf geisterte. Immerhin zählte es zu meinen größten Ängsten überhaupt. Der See war so schwarz, man konnte nicht mal mehr die eigene Hand vor Augen erkennen. In meinen Ohren dröhnte ein heller Schrei, eindeutig weiblich. Meine Kehle schnürte sich immer weiter zu. Wann erwachte ich endlich aus diesem Albtraum?

Das Licht ging an. »Poppy? Alles okay? Du hast geschrien.« Zwar hörte ich die Stimme meiner Mum, doch war ich zu sehr mit Husten beschäftigt, als dass ich nach ihr Ausschau halten konnte. Hatte ich tatsächlich die Luft angehalten? Anders konnte ich mir den plötzlichen Sauerstoffmangel nicht erklären. »Es war nur ein Albtraum«, flüsterte ich.

◊

Vorsichtig beobachtete ich Camille durch den Spiegel. Sie war hübsch, keine Frage. Ihr blondes, lockiges Haar sah nicht aus wie blondiert. Ob es jetzt ihre Naturhaarfarbe war oder nicht, das konnte ich nicht genau sagen. Ihre blauen Augen strahlten und waren viel wacher als meine. Meine Wimperntusche bröckelte bereits und hatte dunkle Schatten unter den Augen hinterlassen.

Mit jedem Schnitt fühlte ich mich besser, irgendwie befreiter. Es kam mir so vor, als wären meine langen Haare eine Last gewesen, die nun endlich von meinen Schultern fiel. »Du hast so schöne Haare. Ich denke, die würden sich verkaufen lassen.« Ich wurde hellhörig. »Echt? Wie viel bekomme ich denn dafür?«

»Um die hundert Euro würde ich denken. Hättest du noch ein bisschen länger gewartet, wäre der Betrag vielleicht höher geworden.« Nein. Sie hatten jetzt ab gemusst. »Ich kenne da eine Firma, die unter Umständen Interesse hätte«, sagte sie und zückte einen Zettel samt Kugelschreiber. »Wenn du mir deine aktuelle Nummer gibst, dann kann ich mich melden.« Warum denn nicht?

Meine Handynummer hatte ich zu Papier gebracht und starrte nun wieder in den Spiegel. Ich mochte mich mit kurzen Haaren, auch wenn es fremd wirkte. Während sie den letzten Schliff tat, nutzte ich die Zeit, um flüchtig die Schatten unter meinen Augen zu entfernen. Wasserfeste Wimperntusche war echt die Hölle. Ich gab auf.

Nachdem sie den schwarzen Kittel entfernt hatte, kam wieder mein pinkes Shirt mit der weißen I-care-Aufschrift zum Vorschein. »Fünfzehn Euro macht das dann.« Ich griff in mein Portemonnaie und bedankte mich noch mal, dass sie das mit der Firma für mich regelte. Zwar war sie irgendwie mit mir verwandt (Cousine zweiten Grades, oder so was), trotzdem war es ja nicht selbstverständlich mir diesen Gefallen zu tun. »Wir sehen uns, Camille«, verabschiedete ich mich.

»Ja. Zum nächsten Frisörtermin.« Mehr Kontakt hatte ich mit meiner Cousine zweiten Grades eigentlich auch nicht, außer dass sie mir die Haare machte.

Ich bog links in die Fußgängerzone ein, wo sich Young Happiness, mein absoluter Lieblingsklamottenladen, befand. Shoppen war gerade genau das Richtige, um auf andere Gedanken zu kommen. Mein Handy hatte ich heute extra im Stummmodus, um ja nicht gestört zu werden. Jeder Mensch brauchte mal Zeit für sich alleine.

»Hallo«, grinste mich die Verkäuferin entgegen. Sie kannte mich schon, weil ich hier so treuer Kunde war. »Heute mal ohne deine blonde Freundin hier? Dafür aber mit neuer Frisur. Steht dir«, sagte sie mit ihrem russischen Akzent.

»Danke«, lächelte ich zurück und begann mich im Sortiment umzuschauen. Leider wusste die Verkäuferin, dass ich nicht gerade sparsam war, was das Geld anging. Sie suchte mir gleich Kleider heraus, die extra kosteten, so meine Theorie.

»Was hältst du von dem hier?« Sie hielt mir einen pink-grau-verwaschenen Pullover hin, auf dem stand: Cute. »Äh, nein. Eher nicht. Ich dachte mir, ich wollte wohl was anderes ausprobieren.« Sie zog neugierig die Augenbraue hoch. »Ja? In wie fern denn? An was dachtest du?«

Ich zog die Bügel nach und nach beiseite, bis ich schließlich bei einem Oberteil hängen blieb, das mir gefiel. »Etwas in der Art.« »Kind, was ist denn passiert?« Sie war ziemlich schockiert, weil ich ihr eine pechschwarze Bluse entgegenhielt. »Nichts. Es ist nur Zeit für Veränderungen.« Ich hielte die Bluse über meinen rechten Arm und zog ein weiteres Oberteil hervor. Ebenfalls schwarz, mit den grauen Buchstaben: Me against the world.

»Die probiere ich mal an«, teilte ich der Verkäuferin mit. »Sicher. Aber wenn Sie eine Typerneuerung planen, dann brauchen Sie doch noch jede Menge mehr.« Klar, dass sie das jetzt ausnutzte, auch wenn sie Recht hatte.

»Vermutlich«, mit diesen Worten machte ich mich auf den Weg in die Kabine.

Ich hatte gerade mein Oberteil ausgezogen, da nahm ich plötzlich von draußen eine bekannte Stimme wahr. Jess! »Ich würde gerne dieses Oberteil umtauschen, was ich letztens bei Ihnen gekauft habe.« Cambridge war zwar nicht besonders groß, aber musste sie Young Happiness ausgerechnet dann aufsuchen, wenn ich gerade hier war?

»Haben Sie den Kassenbonn dabei?« Sie klang nicht begeistert. Umtausch bedeutete immer Geldverlust. Mich wunderte es überhaupt, dass Jess hier shoppen ging. Erin kaufte hier auch nicht gerne ein, weil es ihr immer zu teuer war. »Aber natürlich«, antwortete Jess.

»Darf ich fragen, warum Sie es umtauschen möchten?« »Es kratzt irgendwie. Ist mir erst hinterher aufgefallen.« Ob ich einfach rausgehen sollte? Das Oberteil hatte ich ja angezogen und sonst wunderte sich die Verkäuferin sicher warum ich so lange brauchte. Unsicher trat ich aus der Kabine. »Hi Jess«, begrüßte ich sie.

»Poppy. Wow, du hast deine Haare kürzer.« Ich zuckte mit den Schultern. »Ja, ich wollte mal was anderes probieren. Das Oberteil passt übrigens«, sagte ich an die Verkäuferin gewandt und legte es schon mal rüber zur Kasse. »Kannst du deine Freundin nicht überzeugen, dass das ein ganz wunderbares Oberteil ist, was sie da gekauft hat?« Die Verkäuferin schaute flehend zu mir rüber.

»Ich fürchte nicht. Jess hat da ihren eigenen Kopf.« »Seit wann trägst du schwarz?«, fragte Jess verdutzt. Seitdem mir pink zu quietsche fröhlich geworden ist. »Seit jetzt.«