The Hodded Boy I forgot
23 ◊ Forgot the „Ö“
-Zoes Sicht-
Ich hatte nicht vermutet, dass man in einem engen Zelt tatsächlich passabel schlafen konnte. Mehr als passabel, denn ich hatte geschlafen wie ein Baby. Als ich den Vorhang aufgezogen hatte, musste ich feststellen, dass ich sogar am längsten geschlafen hatte. Alle anderen saßen bereits zusammen, um zu Frühstücken. Es gab den Proviant aus unseren Rucksäcken – und sogar Äpfel? Wo waren die denn her? Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass wir welche mitgenommen hatten.
»Guten Morgen. Es gibt Äpfel?«, begrüßte ich den Rest von meinem Team.
»Jep. Lou und ich haben die ein Stück weiter gefunden. Irgendwie lustig, dass es hier auch Äpfel gibt, oder?«, meinte Jess. Wow, okay. Eine ungeschminkte Jess. Auch wenn ich es nicht wollte, kamen plötzlich wieder die Bilder der damaligen Jess in meinen Kopf, die dieser hier sehr ähnelten.
Um ja nicht zu lange zu starren setzte ich mich schnell in Bewegung, damit ich auch noch eine Kleinigkeit essen konnte, bevor es weiter ging. »Das ist wirklich lustig. Aber noch lustiger wäre es, wenn ihr hier auch Pizza am Baum finden würdet«, meinte ich grinsend.
»Oh ja! Das wäre geil. Pizza oder Döner«, stimmte Lucas mir zu.
»Das ist hier doch nicht das Schlaraffenland«, tadelte David. So leise, dass nur ich und Erin es verstehen konnten, da wir neben ihm saßen, murmelte Lucas: »Stimmt. Sonst wärest du nicht hier.«
Ich weiß, dass diese Bemerkung von Lucas gemein war, aber ich kam nicht drum herum kurz in meine Hand zu grinsen. Erin auf der anderen Seite, rammte ihn dafür ihren Ellenbogen in die Seite. Sein anschließendes Stöhnen hielt er aber gekonnt zurück.
»Wie kann es eigentlich sein, dass dich Lou und Jess nicht wachgemacht haben? Ihr Gelächter hätte man selbst aus einer einen Kilometer weiten Entfernung vernommen«, fragte mich Erin. Perplex starrte ich Lou und Jess links von mir an. »Wieso? Was habt ihr ausgefressen?«
»Ausgefressen?! Wir hatten Spaß, Schwester. Solltest du auch mal versuchen«, neckte mich Lou. Haha. »Du und Spaß? Ich bin ein Profi was Spaß angeht. Manchmal werde ich auch Queen of fun genannt, weißt du?« Zumindest dann, wenn ich unter meinen Freunden war.
»Keiner nennt dich so. Das hast du dir gerade ausgedacht.« Tja, Lou kannte mich eben zu gut.
Das war nicht mal gelogen. Den einen Teil von mir kannte sie wirklich so gut wie kein anderer. Besser kannte mich vermutlich nur noch meine eigene Mutter.
»Wir haben übrigens beschlossen Land einwärts zu gehen. Alle haben das Gefühl, dass es nicht mehr bringt wenn wir weiter am Wasser entlang laufen«, teilte mir Jess mit.
»Land einwärts? Da, wo’s dunkel ist?« Ich hatte nicht wirklich Angst vor der Dunkelheit. Könnte mir vorstellen, dass andere da größere Probleme mit hatten, ohne jetzt irgendwelche Namen zu nennen.
»Ja, aber wir haben ja eine Taschenlampe«, sagte Lou und hielt mir das Ding vor die Nase.
»Oh, dann bin ich aber beruhigt«, meinte ich mit jeder Menge Sarkasmus in meiner Stimme.
»Hast du überhaupt vor etwas Angst?«, fragte mich David, was Lucas wieder reichlich amüsant fand. Ich konnte mir wohl vorstellen, was er gerade dachte.
»Natürlich, David. Jeder hat vor etwas Angst.« Dabei bedachte ich Lucas mit einem strengen Blick, der sagen sollte: Ja, auch du.
»Nur fürchten die meisten von uns Sachen, die auch wirklich zum Fürchten sind. Dunkelheit gehört für gewöhnlich nicht dazu«, wollte Lucas klarstellen. Okay, langsam ging mir dieser Krieg zwischen den beiden gehörig auf den Keks. Erin sollte sich verdammt nochmal für einen der beiden entscheiden! Oder hatte sie das schon?
»Wollen wir dann?«, fragte Erin, um diese komische Situation weg zu kaschieren. Das war doch mal eine Idee. Poppy wurde in der Zeit, wo wir hier dumm rum saßen, auch nicht gerettet.
So machte ich den Anfang, indem ich mich erhob und zurück zu meinem Zelt ging. Es packte sich ja nicht von selbst zusammen. Es dauerte nicht lange, bis Lou zu mir kam und mir dabei half. Während sie die Stangen löste, grinste sie mich an. »Ich glaube, David wünscht sich gerade, dass er so taff wie du wäre.«
Ich drehte mich zu dem Zelt der Jungs um. Was ich da war, war zu erwarten. David, der stumm die ganze Arbeit erledigte, während Lucas daneben stand, um David auszulachen. Äh, hallo? Das ging jetzt aber zu weit. Bislang hatte ich das alles eher mit Belustigung betrachtet, aber bei Arbeitsverweigerung hörte bei mir der Spaß auf.
Energisch warf ich ihm meinen Rucksack vor die Füße. »Hier. Du kannst gerne unser Zelt einpacken, wenn du nichts zu tun hast.« Der Blick, den er mir daraufhin zuwarf, war ziemlich verdutzt. Wiederspruch seinerseits blieb zumindest aus und er half Lou tatsächlich dabei das Zelt zusammenzufalten.
Ich hatte mich bereits zu David gewandt, um ihn stattdessen unter die Arme zu greifen. Dies schien allerdings nicht mehr nötig zu sein, da er bereits alles zusammengepackt hatte. »Danke, Zoe. Aber das wäre echt nicht nötig gewesen. Wenn Lucas wieder seine testosterongesteuerten Phasen hat, dann sollte man ihn vermutlich einfach ignorieren.«
Wow, da kannte sich aber einer aus. »Wenn du meinst«, erwiderte ich lachend.
Anschließend dauerte es nicht mehr lange, bis wir starten konnten. Auf Jess‘ Kommando ging es weiter mit unserer Suche nach Poppy. Neuerdings dabei: Erins Taschenlampe. Gut, dass wir eine mitgenommen hatten. Hier konnte man wirklich kaum etwas sehen.
»Du brauchst gar nicht so zu tun. Dass David ein Schisser ist, siehst du genauso.« Ich schreckte kurz zusammen, als ich plötzlich jemanden hinter mich vernahm, jedoch nicht erkennen konnte. Der Stimme nach handelte es sich aber mehr als eindeutig um Lucas.
»Das tut nichts zur Sache. Du hättest ihm trotzdem helfen sollen.«
»Hätte, hätte, Fahrradkette. Ist jetzt auch egal«, motzte er. Über seine Bemerkung verdrehte ich belustigt die Augen.
Anscheinend plante er mich mit seiner Anwesenheit noch eine Weile weiter zu beeren, da er immer noch neben mir her ging. Nachvollziehbar. War mal was anderes, als ständig hinter Erin her zu trotten. »Zoe Bonson, weißt du eigentlich, dass die Gesamtheit aller Jungs über dich spricht?«
»Ja, ist mir flüchtig zu Ohren gekommen.« »Warum hatten wir eigentlich nie etwas miteinander?« Das hatte er gerade nicht wirklich gefragt, oder?
»Schätze, du bist nicht so mein Typ«, meinte ich schlichtweg. »Ach komm. Als hättest du einen bestimmten Typ.«
»Naja, ist ja nicht so als hättest du es mal darauf angelegt. Du bist wegen Poppy hier, beziehungsweise wegen ihrer besten Freundin. Aber wenn es nur darum geht, dass du vor den Jungs damit angeben kannst, dann tue es. Ich habe damit kein Problem«, ratterte ich wie gewohnt runter. Ups. Vermutlich ein Fehler.
»Was?!«, stieß Lucas verwundert aus.
»Psst!«, machte ich nur, damit das hier nicht noch weiter ausartete. »Warum solltest du damit kein Problem haben?« Jap, es würde definitiv nicht mehr lange dauern bis er von alleine darauf schloss. Drei, zwei, eins… »Warte… Das ist es, was du zu den anderen Jungs sagst. Natürlich! Sonst hättest du mit mehreren was am Laufen als ich – und das will schon was heißen, da es quasi unmöglich ist.«
»Würdest du bitte leiser reden! Es wäre echt klasse, wenn du das für dich behältst.« Warum zum Teufel hatte ich das gerade nur gesagt? Jetzt wusste Lucas davon. Ich könnte ihn sicher wie den Rest erpressen, nur würde es schwerer werden, weil er mehr als genug Geld besaß. Ich hatte echt nicht nachgedacht. »Sag mir einfach was du dafür willst.«
Er lachte auf. »Das könntest du dir eh nicht leisten. Aber hey, ich kann trotzdem dicht halten. Sag mir nur, warum. Wer könnte wollen, dass jeder von einem dachte, er wäre eine kleine Schlampe.« »Hey! Das denkt keiner!«
»Da wäre ich mir nicht so sicher…« Musste er denn alles kaputt machen?
»Okay, aber Schlampen sind bei den Jungs für gewöhnlich nicht so beliebt wie die Unschuldigen.«
»Das würde ich nicht zwangsläufig behaupten.« Er hatte Recht. Ausnahmen gab es immer, aber im Allgemeinen war es doch so. Erin lieferte mir da das beste Beispiel, wenn ich an ihre Vergangenheit zurückdachte.
»So als Tipp: Weder dein Streber- noch dein Schlampen-getue wird dir auf Dauer etwas bringen. Was hast du eigentlich gegen das Eingehen einer Bindung?«
»Das hat dich nicht zu interessieren. Du gehst doch selber nie etwas Ernstes ein.«
»Na und? Wir sind doch noch jung. Das ist völlig normal. Bei dir allerdings-« Schnell unterbrach ich ihn, damit wir endlich von diesem Thema wegkamen: »Was ist das jetzt eigentlich genau zwischen Erin und dir?«
Überrascht starrte er zu mir rüber. »Keine Ahnung. Eigentlich nahm ich an, dass sie an mich interessiert sei, aber seit neustem hängt sie ständig am Rockzipfel dieses Losers.«
»Wenn ich dir einen Rat geben soll, dann lass die Finger von ihr. Ich will ja jetzt nichts sagen, aber sie ist schon eine ganze Weile von dir besessen. Allerdings erst, als Lexi sie darauf ansprach, dass sie die heißen Jungs nicht mal mit dem Hintern angucken würde, dass sie nicht mal bei dir ein kleines bisschen schwach werden würde. Für mich sieht das eher so aus als wollte sie sich damit selbst etwas beweisen.«
Ich bin davon ausgegangen, dass Lucas das zumindest etwas treffen würde. Es prallte stattdessen auf ihn ab als wäre er ein Stein. »Na und? Dann geht es ihr eben darum. Das zwischen uns ist doch eh nichts ernstes.« Ich sagte ja, kalt wie ein Stein. Zumindest wenn es um Erin ging. Poppys Verschwinden schien ihn tatsächlich getroffen zu haben.