The Hodded Boy I forgot

Annika Ha · Kapitel 49 von 62

PDF-Seiten

The Hodded Boy I forgot

49 ◊ Forgot the „E“

 

Die Rückkehr mit dem Ballon hatte ziemlich an Reiz verloren. Das unglaubliche Gefühl von Fliegen hatte sich gelegt. Mein ganzer Körper fühlte sich einfach nur noch ausgelaugt. Die Luft war kalt, so dass ich allen Übels auch noch zitterte. Wie ein kleines Kind, sehnte ich mich augenblicklich einfach nur nach einer Umarmung meiner Mutter. Als wir endlich landeten, fragte Lou: »Was wird mit dem Ballon passieren?«

Ich musste nicht lange überlegen, sondern ließ ihn einfach los. Er stieg auf und flog davon. So einfach war das. »Er wird seinen Weg zurück finden. Das tut er immer«, meinte David.

»Aber nicht zu uns. Wir alle sollten mit der ganzen Sache eigentlich nichts am Hut haben.« Auch wenn ich es ihr nicht wünschte, war es mir andererseits auch egal, wenn er zurück zur verrückten Frau kehrte.

»Dann sehen wir morgen in der Schule – so wie immer«, verabschiedete ich mich. Im Moment wollte ich nur noch Nachhause. »Ihr kennt alle noch die Geschichte, die wir unseren Eltern und der Polizei auftischen werden, oder?«

Sie nickten.

»Ich denke, ich werde bis heute Abend mit meiner Heimkehr warten. Ist ja nicht mehr lange hin. Wenn ich Glück habe, schlafen meine Eltern dann schon. Dann muss ich mir nicht die Vorwürfe mitanhören, die sie einander an den Kopf werfen«, erklärte Lucas.

Ich bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. In der Schule würde ich mit ihm reden müssen – mich entschuldigen. Aber das hatte Zeit bis Morgen. Ich winkte den anderen noch einmal kurz zum Abschied und überquerte dann die Wiese, die zu meiner vertrauten Luxusvilla führte, die ich gleichzeitig liebte und hasste.

Nur schwach nahm ich noch die Worte von Jess wahr: »Keine schlechte Idee. Ich überlege die ganze Zeit, was ich meiner Mum gleich sagen soll. Nicht, was mit dir passiert ist, sondern auch-« Den Rest verstand ich nicht mehr. Egal. Ich konnte sie ja noch Morgen fragen.

Als ich dann die Klingel unserer Haustür drückte, musste ich mich um Tränen nicht mal bemühen. Die liefen mir von ganz alleine über die Wangen. Während ich wartete, tippelte ich ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich dann endlich die Tür. »Poppy?!«, meine Mum starrte mich sprachlos an, als wäre ich eine Art Geist.

»Mum!« Sofort fiel ich ihr in die Arme und zog sie ganz fest an mich. Verdammt, jetzt musste ich nur noch mehr schluchzen. »Wir haben dich überall gesucht. Wo bist du nur gewesen?« Und dann erzählte ich ihr meine ausgedachte Geschichte, die sogar zum Teil der Wahrheit entsprach. Vermutlich viel zu undeutlich, als dass sie es verstanden hätte. »Wir wurden entführt. Erst ich, dann auch meine Freunde. Es war schwer, aber irgendwie gelang es uns dann zu entkommen.«

»Oh Gott! Entführt?! Kannst du denjenigen beschreiben, der euch das angetan hat?«

»Nein, keine Ahnung. Er trug eine Kapuze, die sein Gesicht verdeckte. Und… Am Ende erschien das Entkommen fast zu einfach. Fast so, als wollte er, dass wir irgendwann wieder entkommen. Das würde seine geheime Identität erklären.«

»Schätzchen. Das ergibt nicht wirklich Sinn. Ich würde vorschlagen, dass du erstmal rein kommst.« Ich nickte und klopfte meine Schuhe ab.

»Habe ich mir das nur eingebildet oder-« Kaum zu glauben, aber wahr. Da stand wirklich Dad in der Türschwelle. Ohne Telefon am Ohr oder Aktenkoffer – und im Büro hielt er sich auch nicht auf. »Poppy! Du bist es ja wirklich.«

Als er mich dann auch noch in die Arme zog, glaubte ich zu träumen. »Sie wurde entführt, Keith. Kannst du dir das vorstellen?« »Nein. Ich kann mir generell nicht vorstellen, dass meine Poppy einfach vom Erdboden verschwindet.«

»Ach? Du hast es also bemerkt?«, entfuhr es mir. Auch wenn es mir im Anschluss Leid tat.

»Die letzte Woche war die schlimmste meines Lebens. Ich habe mir die Schuld für all das gegeben. Ich dachte… tut mir Leid… aber ich dachte, du seist abgehauen, damit ich dir mehr Aufmerksamkeit schenke.« Ich entzog mich seiner Umarmung. Toll, was er von mir dachte.

»Es war ein Fehler. Ich habe es vermutlich nur gedacht, weil es wahr ist. Ich bin nicht genug für meine Prinzessin da.«

Prinzessin. Als ob ich noch sechs Jahre alt wäre. »Was hältst du davon, wenn ich für uns alle ein Drei-Gänge-Menü zubereite?«, fragte er, immer noch mit Schuld im Blick. »Du kannst kochen?«, fragte Mum verwundert. »Es ist schon Ewigkeiten her, aber früher konnte ich das ziemlich gut. Das ist sicher wie Fahrrad fahren.«

»Okay, mach das«, murmelte ich. Die Situation gerade überforderte mich, ehrlichgesagt. Also tat ich das, was ich immer tat. »Wenn ihr mich sucht, ich bin oben.«

Ein gemeinsames Familienessen. So richtig, wo Dad nicht noch halb mit Gedanken bei der Arbeit ist. Wie lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet? Ich sollte gerade glücklicher sein.

Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen, startete meinen Laptop und legte den komischen Brief direkt daneben. Mein Blick fiel auf die Schublade unter meinem Schreibtisch. Ich seufzte ich öffnete sie. Es lag immer noch dort. Natürlich tat es das. Meine Finger griffen danach und schlugen die letzte beschriebene Seite auf: Mama meint nämlich, dass es auf die inneren Werte ankommt. Bis zum nächsten Mal.

Es entsprach meiner Einbildung. Dass Mum mir so etwas je gesagt haben sollte, daran konnte ich mich nicht mehr erinnern. Ich holte das Feuerzeug aus meinem Rucksack, das ich gelegentlich auf Partys benutzte. Ja, Gruppenzwang war schon eine gemeine Sache. Sauber trennte ich die Seiten aus dem Tagebuch und hielt sie ans Feuer. Die Tinte verbrannte, als wäre sie nie da gewesen.

Schon auf der Treppe hörte ich Gelächter durch meine Ohren dringen, das nicht in dieses Haus gehörte. Von der Küchentür aus konnte ich beobachten, wie Mum gerade etwas aus der Schublade kramen wollte. Dad stand hinter ihr und die Arme um ihre Taille gelegt. Mum wirkte glücklich wie schon lange nicht mehr. »Es tut mir Leid, dass du deine Dummheit, was Schule betrifft, von mir vererbt zu haben scheinst. Aber das macht nichts, Schätzchen. Alles, was du brauchst, ist ein reicher Mann.« Ihre Worte nach der misslungenen Matheklausur.

Nein, wir waren ganz sicher keine perfekte Familie. Nicht wegen Mums Worten oder Dads langen Arbeitszeiten. Das gerade war ein Schauspiel, was mich für einen Moment glücklich machen sollte. Im Moment war mir das egal und ich ließ mich einfach erneut kontrollieren.