The Hodded Boy I forgot
7 ◊ Forgot the „N“
»Kannst du dir das Mittlerweile nicht sogar denken?« Seine Stimme klang rau und auch ein kleines bisschen genervt. Tatsächlich konnte ich es mir wirklich ein Stück weit denken, nachdem was mir der Kapuzenjunge alles über seine Herkunft erzählt hatte. Er stammte von sogenannten In-toughts ab. Doch obwohl ich eine leise Vorahnung hatte, musste ich es hören, um es wirklich zu glauben.
»Erzähl es mir einfach«, forderte ich ihn auf. »Du musst wissen, dass mein Vater es schon immer gerne einfach mochte. Und wenn man die Gedanken von jemandem kontrollieren kann, dann ist das eindeutig einfacher. Da das aber alle In-toughts in unserer Welt können, ist es nicht ganz so einfach. Versucht man deren Gedanken zu manipulieren, können sie sich dagegen währen. Deshalb hat mein Vater lange nach Leuten gesucht, die nicht dagegen ankämpfen können. Wie er den Ballon schließlich gefunden hat ist mir immer noch ein Rätsel.«
Ich verzog mein Gesicht, weil mir klar wurde worauf das hinausführte. »Das ist doch krank.« »Für In-toughts ist sowas ganz normal. Und mein Vater hat sich nun mal irgendwann nach einer Familie gesehnt. Ohne Kontrolle wollte ihn anscheinend niemand so richtig.«
Die unheimliche Frau aus dem Bauernhaus tat mir jetzt einfach nur noch Leid.
»Aber er bemerkte irgendwann, dass er nicht dazu in der Lage war meine Mutter ein ganzes Leben lang zu kontrollieren. Es fing an mit Panikattacken in der Nacht, bis sie irgendwann völlig durchdrehte. Mein Vater sah ein, dass er einen Fehler gemacht hat und ließ sie gehen. Aber natürlich konnte sie mehr wie vor diesem Ereignis werden.«
»Und jetzt hasst er dich, weil du ihn an seinen großen Fehler erinnerst«, schlussfolgerte ich. »Ja und weil ich anders bin. Und anders ist nie gut.« »Nicht zwangsläufig. Ich finde es ganz gut, dass du meine Gedanken nicht manipulieren kannst.« »Aber was ist mit dem Gedankenlesen? Dieser kleine Vorteil in deiner Welt, macht mich in meiner Welt zu einem Schwächling.«
Ich atmete langsam aus. Unsicher, ob ich Mitleid mit ihm haben sollte. »Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein würde dir ganz gut stehen. Wenn du dich selber als Fehler siehst, dann werden es auch andere tun.« »Aber das bin ich! Du kannst es nicht abstreiten. Ich wurde nur wegen einem Fehler erschaffen.«
»Heißt aber noch lange nicht, dass du auch einer bist. Kennst du die Geschichte von Adam und Eva? Eva ist angeblich auch nur entstanden, weil Adam seine erste Frau nicht mehr wollte. Dann wäre die gesamte Menschheit doch ein Fehler.« Er starrte mich an als würde ich nur Bahnhof reden. Vermutlich hatte er nie was von einer Bibel gehört.
Ich erklärte trotzdem weiter: »Was ich damit sagen will: Du hast nicht mal einen richtigen Namen. Fast so als würdest du nicht existieren.« »Wenn niemand meinen Namen benutzt brauche ich auch keinen. Du kannst mir ja einen geben, wenn es dich glücklich macht.«
»Siehst du! Das ist genau das was ich meine! Ich werde das nicht tun, weil du dir selbst einen geben solltest. Pfeif auf die Einstellung von anderen!« »Das werde ich nicht tun.« »Weil…?«
»… Du die einzige Person bist mit der ich je vernünftige Unterhaltungen führen konnte. Einfach, weil ich mit den In-toughts nicht klar komme. Aber du kannst mir nicht mal in die Augen sehen!« Ich wollte etwas kontern, dass das doch nicht wichtig wäre, dass Aussehen nicht alles ist, aber dann wäre ich einfach nicht die Tochter meiner Mutter. Schon als Kind musste ich einfach perfekt sein. Das Aussehen, so die Worte meiner Mutter, zeigt erst dein wahres Selbst.
»Vermutlich hast du Recht. Das ist vielleicht das Problem. Wie kann man zu sich selbst stehen, wenn die Menschen… die Leute bei denen du sein möchtest, nicht mal sehen können wer du bist?« Er atmete erleichtert aus. Anscheinend glücklich darüber, dass ich endlich die Problematik erkannte.
»Du erkennst mein Problem.« »Ein Problem, das man sicherlich ändern kann.« »Mein Vater hat jeden kontrolliert, der mich ansieht. Kontrolle kann nur der rückgängig machen, der auch dafür zuständig ist.«
»Kannst du deinen Vater nicht dazu überreden, dass er es rückgängig macht?« Okay. Dumme Frage. Sonst hätte er es vermutlich schon längst getan. »Er hasst mich. Er würde das nie rückgängig machen, höchstens-« Abrupt brach er ab.
»Was? Wie könnte er nachgeben?«, fragte ich neugierig. »Nein. Das ist eine blöde Idee.« »Jetzt sag schon.« Genervt verdrehte ich die Augen. Der machte es sich auch nur unnötig schwer. »Naja. Menschen fand er schon immer toll. Vielleicht könntest du ihn überreden. Aber das will ich dir nicht antun. Du musst wissen, dass die Welt aus der ich komme nicht ganz ohne ist.«
Ich und in eine fremde Welt reisen? Das passte einfach nicht zusammen. Ich hatte die Vereinigten Staaten noch nie verlassen. Außerdem könnte ich auf Gedankenkontrolle verzichten. »Ne, danke. Lass mal stecken.«
Er nickte verständnisvoll. »Dachte ich mir schon. Wir stehen an dem gleichen Punkt wie damals.« Ich lachte bitter. »Als Kleinkind hätte ich da doch niemals hingehen können!« »Stimmt. Zum Glück warst du im richtigen Moment schlau genug, um das zu erkennen. Fast wärest du nämlich schon mitgekommen.«
»Also… Ist es jetzt wie damals? Nimmst du mir meine Erinnerungen?« »Gezwungen habe ich dich dazu nie. Du wolltest, dass ich sie dir nehme. Ich kann es wieder tun, wenn es das ist, was du möchtest.«
Ich überlegte eine Weile. Warum sollte ich ihn vergessen wollen? Wissenslücken können doch nur von Nachteil sein. »Ich behalte sie, herzlichen Dank.« »Okay«, murmelte er. Keine Ahnung, ob er sich über meine Entscheidung jetzt freute oder nicht. Seine Stimme war emotionslos. »Dann verschwinde ich jetzt wieder.«
»Für immer?« Ich kam einfach nicht drüber hinweg diese Frage zu stellen. »Natürlich nicht. Ich kann nicht ständig bei meiner sogenannten Familie sein. Nicht, wenn ich so bin wie ich nun mal bin.«
Bevor ich es mir anders überlegte, entfernte ich mich ein paar Schritte von dem Kapuzenjungen. »Tschüss.« Mit diesen Worten verschwand er hinter den alten Zaun, weshalb ich ihn nicht mehr sehen konnte.
Als ich über die Wiese zurück Nachhause sprintete, schwirrten die Gedanken in meinem Kopf wie wild. Ich konnte ihm nicht in seine Welt folgen. Selbst wenn ich das tat und mit seinem Vater reden würde, nachdem was ich über ihn gehört hatte, würde er mich einfach dazu zwingen nicht weiter rum zu betteln. Im bestmöglichsten Fall… wenn ich Pech hatte, würde er mich sogar zu Schlimmeren zwingen.
Auf der anderen Seite sah ich aber den Kapuzenjungen, der sich nach der Menschheit sehnte, sie aber nie bekommen könnte, weil jeglicher Kontakt mit ihnen die Menschen vergessen ließ. Er würde wohl nie glücklich werden. Tatsächlich lag es an mir, dies zu ändern. Verdammt. Denn dieser Versuch war mit jeder Menge Risiken verbunden.