The Hodded Boy I forgot
16 ◊ Forgot the „R“
-Lucas Sicht-
Ich schätze, jetzt ist es offiziell. Jeder einzelne von denen war verrückt. Glaubten sie wirklich an diese Poppy-ist-in-einer-anderen-Welt-Sache? Ich tat das nicht. Ab und zu fragte ich mich wirklich, warum ich überhaupt bei der ganzen Aktion mitmachen wollte. Die Polizei würde ihre Aufgabe schon meistern.
Ja, weil sie ja immer alles richtig machen, sprach da tief in mir diese ironisch-angehauchte Stimme. Gut, vielleicht traute ich der Polizei nicht gänzlich. Deshalb war ich ja überhaupt erst auf die Idee gekommen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wir redeten hier schließlich nicht von irgendeiner Vermissten, sondern von Poppy.
Was machte ich mir vor? Alleine könnte ich sie niemals finden. Und da diese Lackaffen die einzigen waren, die Poppy auch finden wollten, musste ich mich wohl oder übel mit ihnen zusammen tun. Wenn wir erstmal bei diesem komischen Haus angekommen waren, das uns überall aber sicher nicht in eine andere Welt führen würde, werden sie ihren wunderbaren Plan schon in den Sand setzen und endlich auf mich hören.
Du hast doch selbst noch keinen Plan. Ja, weshalb ich sie bislang erstmal machen lassen hatte, aber am Ende würde ich schon noch den Einfall überhaupt haben, um Poppy zu retten.
»Ich dachte du hasst Poppy. Warum willst du sie retten?« Plötzlich ertönte neben mir die Stimme von Lou. Oder wie ich sie immer gerne nannte: Miss Unschuldig. Sie war eben die Unschuldige, neben ihrer zweiten Hälfte Zoe. An sich waren sich die beiden vollkommen gleich. Außer wenn du einen Spaß haben wolltest. Dann gingst du zu Zoe, nicht zu Lou. Im Nachhinein wunderte es mich, dass ich noch nichts mit Zoe gehabt hatte - bei ihrem Ruf.
»Nur weil wir uns zerstritten haben, heißt das doch nicht, dass ich sie wer weiß wo verrotten lasse.« Aber mich überraschte es nicht, dass Lou so was dachte. Seitdem Poppy mich für diese Sorte von Kerl hält, darf es der Rest auch.
»Irgendwie kommt mir der Ort hier bekannt vor«, überlegte Lou laut.
»Ja, kein Wunder. Bestimmt hat Poppy dich hier auch schon mal mit hin geschleppt. Hat sie bei mir ständig. Das ist quasi ihr Lieblingsort«, erklärte Erin.
Dass Erin in letzter Zeit so viel an diesem Nerd klebte, gefiel mir gar nicht. Nicht, dass ich irgendwie Gefühle für sie haben würde. Tief in mir wusste ich selbst, dass sie nur ein notdürftiger Ersatz für Poppy war. Die beiden waren sich wirklich ziemlich ähnlich. Es war eher deshalb, weil Erin für David einfach zu schade wäre. Die Traumfrau schlechthin an unserer Schule ist und bleibt nun mal Erin Moore. Wenn sie mich nicht will, dann soll sie eben wen anders von meinen Kumpels nehmen. Aber doch nicht diesen Schlappschwanz!
In Gedanken versunken zog ich an den Bändern meines Rucksacks herum. Ich wollte Abstand zwischen Erin und mir bringen, die momentan nichts Besseres zu tun hatte als mit diesem Loser zu flirten. Jetzt bildete ich die Spitze - zusammen mit Jess und Zoe.
Neben mir hörte ich Erstere missmutig auf schnauben. Nicht, dass ich diese schlecht gelaunte Jess nicht gewöhnt war, doch dieses Mal schien die Maus, die ihr über die Leber gelaufen war, etwas größer zu sein.
»Jess, was ist denn mit dir los?«, fragte ich, einfach um höfflich zu sein. Hätte ich nur meine Klappe gehalten! Wenn es überhaupt möglich war, dann wurde der Ausdruck auf ihrem Gesicht sogar noch finsterer.
»Für dich heiße ich immer noch Jessica.« Ich lachte auf. »Was?! Niemand nennt dich so.« »Tja, du schon. In der Vergangenheit hast du mir schon genug Spitznamen gegeben.«
Jetzt wurde es gefährlich. Wenn ich nicht aufpasste, dann hatte ich ihre langen Fingernägel in meinem Gesicht, wie sie mir die Augen auskratzten. »Kannst du die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen? Meine Jungs und ich haben sich schon tausend Mal bei dir entschuldigt.«
»Ja, wegen meinem Ruf.« Da hatte sie nicht ganz Unrecht. Das und die Tatsache, dass einige meiner Kumpels sie einfach nur in die Kiste kriegen wollten.
»Ausnahmsweise brauchst du Jess Worte nicht persönlich nehmen«, kam es links von Zoe. »Sie ist so drauf, weil wir ihr verboten haben ihre Schminksachen mitzunehmen.« An Jess gewandt fügte sie hinzu: »Du brauchtest den Platz einfach für wichtigere Sachen, Süße.« Als Antwort bekam Zoe nur ein Grummeln.
Was regte sie sich so wegen ein wenig fehlender Schminke auf? Sollten wir wirklich eine andere Welt betreten, dann wäre da eh keine Zeit zu. Zu meinem Leidwesen hatte ich schon erfahren, dass wir dann in Zelte schlafen würden. Oder... Moment mal! Was wenn... Ich würde meinen Arsch darauf verwetten, dass Jess ihre Hautprobleme gar nicht gelöst hatte, wie sie allen immer erzählte. Das Mädchen hatte lediglich gelernt sich richtig zu schminken.
Bei dem Gedanken, dass ich von nun an etwas gegen sie in der Hand hatte, musste ich grinsen. Das wird mir irgendwann bestimmt von Nutzen sein. »Hör auf so dämlich zu grinsen. Weißt du, Lucas. Du bist hier ganz alleine - ohne deine bescheuerte Gang. Sie werden hier alle zu mir halten.« Meine Güte!
»Jess, ich habe doch gar nichts gesagt. Entspann dich mal.« »Aber du hast dir deinen Teil gedacht.« Konnte ich nicht bestreiten. Aber vermutlich würden sie Jess sowieso weiter anhimmeln, auch wenn ich ihnen erzählen würde, dass sie in Wahrheit immer noch das hässliche kleine Entlein war. Dafür war sie mit Schminke einfach viel zu heiß.
Als wir die schöne, dennoch zugewachsene Holztür erreicht hatten, hämmerte Zoe mit voller Wucht dagegen. Eine Klingel war der komischen Frau wohl kein Begriff.
Es dauerte eine ganze Weile bis sich etwas regte, aber schließlich öffnete sich die Tür einen Spalt breit. »Wer- Wer ist da?« Ihr Gesicht wollte sie uns anscheinend nicht zeigen. Also wenn jemand den Eingang in eine andere Welt kannte, dann wohl diese abgedroschene Frau. Außer sie würde uns einsperren und bei lebendigen Leibe kochen. Himmel, ich hätte schon längst von hier verschwinden sollen.
Hilfe suchend blickte ich den Rest von uns an. Ich persönlich hatte nämlich keinen blassen Schimmer, was ich der Verrückten antworten sollte, ohne dass sie uns die Tür wieder direkt vor der Nase zu schlug.
Zum Glück hatte sich Erin die passenden Worte zurechtgelegt: »Hören Sie, unsere Freundin gilt als vermisst. Wenn wir ihr Reden für wahre Münze nehmen, dann steckt sie gerade in einer vollkommen fremden Welt fest. Laut unserer Freundin hätten Sie wohl etwas mit all dem zu tun.«
Gerade wollte sich die Tür wieder schließen, doch in letzter Sekunde schob ich meinen Fuß zwischen die Tür, sodass sie offen blieb. »Ich kann euch nicht weiterhelfen.« Jedes Kind hätte herausgehört, dass das eine schlechte Lüge der Frau war.
»Sie ist verschwunden, okay?! Wenn nicht sogar schon tot! Was für ein Unmensch wären sie, wenn sie uns in dieser Situation nicht weiterhelfen würden?« Eigentlich hatte ich nicht beabsichtigt, dass meine Stimme so schroff klang. Aber in kritischen Augenblicken gelang es mir noch nie entspannt zu bleiben.
Der Spalt weitete sich etwas, jedoch nicht genug, um das Gesicht der Frau zu erkennen. »Akzeptiert einfach die Tatsache, dass eure Freundin von euch gegangen ist. Ihr dort hin zu folgen wäre nur lebensgefährlich.« Die Warnung ihrerseits klang fast verängstigt, als könnte man sogar Mitleid mit ihr haben.
»Ich weiß ja nicht wie es mit den anderen aussieht, aber ich gehe dieses Risiko für meine beste Freundin ein.« Dabei stemmte Erin ihre Hände an die Hüfte. Von überall kam zustimmendes Gemurmel, also nickte auch ich. Jetzt bin ich schon zu weit gekommen, um einfach aufzugeben. Verrückt hin oder her.
Die Tür öffnete sich nun komplett und offenbarte eine Frau mittleren Alters. Ihre Haare hatten einen schönen Braunton. Wären sie gekämmt, würde sie allgemein mehr auf ihre äußere Ausstrahlung achten, könnte sie unter Umständen sogar richtig hübsch sein. »Dann wollt ihr also Helden spielen? Von mir aus. Aber ihr könnt mir nicht vorwerfen, ich hätte euch nicht gewarnt. Vielleicht weicht er dann ja endlich von mir.«
»Entschuldigung, aber weicht wer von Ihnen?«, fragte der nervige Kerl aus der letzten Reihe.
»Der verdammte, sicherlich verfluchte, schwarze Luftballon mit dem ihr diese Welt betreten könnt, wo sich eure Freundin befindet. Ich habe schon alles ausprobiert: Ihn einfach platzen lassen, bis hin zu vollständigem Verbrennen. Aber irgendwie hat er seinen Weg immer zu mir zurück gefunden. Vermutlich ist er daran schuld, weil er auch noch existiert.« Da haben wir es doch: Offiziell verrückt.
So verrückt, dass sie nach einer Weile tatsächlich mit einem tief dunklen Luftballon wiederkam. So was sollte gar nicht erst an den Markt gelangen. Das verschreckte doch die armen Kinder -zugegeben, sogar mich etwas. »Nehmt mir das Ding endlich weg. Wehe ihr bringt es zurück zu mir. Jetzt habt ihr den Mist am Hals.«
Und so kurzweilig wie die Tür geöffnet war, ging sie auch schon wieder zu. Tja, da standen wir nun. Ein Haufen fast erwachsener Jugendliche, die einen Luftballon bei sich trugen, in der Hoffnung, er würde sie ganz weit weg bringen. Das durfte keiner meiner Jungs je erfahren. Mein Ruf wäre ruiniert.
Innerlich verfluchte ich dieses Mädchen wieder. Warum brachte sie mich dazu solch verrückte Sachen für sie zu tun, wo ich doch genau wusste, dass sie sich nie bei mir revanchieren wird?
»Kommt alle her und umfasst diesen Ballon«, befahl uns Erin. Natürlich gehorchten wir auf Anhieb. Eine Weile standen wir alle im Kreis, in der Mitte ein großer schwarzer Ballon. Sag mal, war ich hier etwa der einzige, der das affig fand?
Als Jess dann auch noch verzweifelt »Warum funktioniert es nicht?« fragte, hätte ich am liebsten laut los gelacht. Äh hallo? Lag der Grund dafür nicht auf der Hand?
»Wir müssen alle daran glauben, dass uns der Ballon jetzt zu Poppy in eine andere Welt bringt«, erklärte Lou, als wäre ihre Idee offensichtlich. Für mich war es eher offensichtlich, dass er genau das nicht tun würde.
Aber was soll's? Dann würde ich eben für einen Moment wieder das Kind in mir hervorkramen, wenn sie dann glücklich sind. Oder ich tat es, weil es immer noch eine minimale Chance für Poppy war... Okay, mehr als minimal. Aber wenn es um Poppy ging dann tat ich wohl unüberlegte Dinge. Sonst hätte ich mich gar nicht erst mit ihrer möchte-gern-Clique eingelassen. So war es zumindest früher. Zu meinem Erschrecken hatte sich das anscheinend noch nicht geändert.
Damals wäre ich mit ihr an Orte gegangen, viel zu weit weg. Doch das wäre egal, wenn sie es nur gewollt hätte. Sie hatte es gewollt, wie sie mir höchstpersönlich mitgeteilt hatte. Diese Fantasien hatten wir damals beide gehabt. Aber die Realität sah nun mal anders aus. In der Realität hatte Poppy mich schon lange verlassen, weil es diese Fantasiewelt nun mal nicht gab. Aber es wäre schön gewesen.
Und da gab es diesen Teil in mir, der immer noch davon träumte. Einfach aus meinem beschissenen Leben rauszufliegen. In einer Welt, wo es nur uns beide gab - frei von unseren bescheuerten Eltern. Dann, als hätte der Ballon meine Gebete erhört war da nicht mehr nur dieser einzelne, sondern Tausende, die uns tatsächlich von hier weg trugen. Ein paar Jährchen zu spät, findest du nicht?