The Hodded Boy I forgot
13 ◊ Forgot the „H“
Wir erreichten eine Art Tümpel, der von Fröschen bewohnt war, die eindeutig eine zu große Stirn besaßen. Ihr Quaken hörte sich allerdings ziemlich normal an. Vielleicht eine Oktave zu tief, aber nichts Weltbewegendes. Die Gräser, durch die wir durch mussten, störten aufgrund ihrer Länge ziemlich. Zu unserem Übel waren sie auf noch messerscharf, sodass sie mir prima in die Haut schnitten. Hätte ich mir nur längere Kleidung angezogen...
»Könntest du die Halme vor dir vielleicht noch gründlicher platt treten? Einige streifen mich immer noch«, informierte ich den Kapuzenjungen.
»Tut mir Leid, aber ich nehme keine Sonderwünsche entgegen.« Da hatte wohl jemand schlechte Laune. Ob es daran lag, dass er gleich seinen Vater sehen musste?
»War ja nur eine Bitte...«
»Du solltest dich daran gewöhnen nicht immer das zu bekommen, was du möchtest. In deiner heilen Welt mag das anders aussehen, hier herrschen aber andere Gesetze.« Da verstand wohl jemand keinen Spaß.
»Vergiss es einfach«, murmelte ich vor mich hin.
Inzwischen hatte ich das Seitwerts gehen für mich entdeckt. So berührten meine nackten Arme nicht ganz so viele Grashalme. »Es tut mir Leid«, kam es schließlich vorne weg vom Kapuzenjungen. »Du bist so nett und willst mir helfen. Was mache ich? Kann für dich nicht mal den Gehweg breiter machen. Eigentlich schulde ich dir viel mehr.«
Na bitte. Wer sagt's denn? Er konnte ja doch höflich sein. »Schon okay...«
»Ist es nicht. Aber manchmal bin ich meinem Vater einfach zu ähnlich.«
»Kann ich zwar nicht wirklich beurteilen. Du planst aber dich gegen ihn zu stellen, um zu dir selbst stehen zu können. Um dich irgendwann vielleicht irgendwo wie zuhause fühlen zu können. Das zeugt von Stärke... Und das, was ich bislang über deinen Vater weiß ist sicherlich nicht stark.«
Er blieb kurz in seiner Position stehen. »Danke. Warum bist du nur so nett zu mir? Da bist du irgendwie die einzige...« »Gerade deswegen vermutlich.«
Unschlüssig ob er sich damit zufrieden geben sollte, zögerte er noch einen kurzen Moment, setzte sich dann aber wieder in Bewegung. Sein Finger schnellte nach schräg rechts auf ein gemütlich wirkendes Haus. Es sah fast wie eines dieser Landhäuser aus, die Grimms-Märchen entsprungen waren. Könnte ich hier leben, dann würde sicherlich ein kleiner Traum von mir in Erfüllung gehen.
»Da vorne ist es. Wir sind gleich da«, erklärte mir der Kapuzenjunge. Da ist er also aufgewachsen? Nicht schlecht. Wirklich nicht schlecht. Ich meine, klar unsere kleine Villa hatte auch was. Wenn dein Dad Chef einer Milliarden schweren Firma ist, dann bist du an einem Luxuspool im Hintergarten gewöhnt. Aber das hier kannte ich nicht. Gemütliche Ecken konnte unsere Villa nicht wirklich viele vorweisen.
Aber meine Oma hat mir damals als Kind immer Märchen von Schneewittchen vorgelesen, wie sie mit den sieben Zwergen im Wald lebte. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich das tief in mir auch immer gewollt. Die zwitschernden Vögel um einen herum... All das stellte ich mir unglaublich schön vor. Eine Schönheit, an der unser neues Cabrio niemals ran kam... auch wenn es natürlich auch seine Vorzüge hatte.
Ach ja. Wie ich Oma vermisste... Mit acht Jahren war ich damals unglaublich traurig gewesen als Mum mir erzählte, dass sie tot sei. »Kommst du denn jetzt, oder willst du da Wurzeln schlagen?«
Die tiefe Stimme des Kapuzenjungen holte mich aus meinen Gedanken. Er war bereits vorgegangen. Schnell lief ich zu ihm rüber.
»Auch wenn du glaubst, dass das Haus einem Märchen entspringt, solltest du wissen, dass das hier aber kein Märchen ist.« Ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass er meine Gedanken lesen konnte.
Ich nickte nur, während ich hinter ihm her schlenderte. Eher für mich, da er meine Geste natürlich nicht sehen konnte. »Ich weiß. Ist ja nicht so, dass meines das ist, nur weil meine Eltern viel Geld haben.« Ich wusste, dass ich ihm das eigentlich nicht erklären brauchte. Was vermutlich auch der Grund ist, warum meine Stimme so ruhig blieb. Wenn mich sonst jemand wegen meinem glamourösen Leben angesprochen hätte, wäre ich vermutlich deswegen total abgegangen.
Der Zaun zum Haus war mit einer ganzen Menge Efeu versehen. Es gab sogar ein Vogelhäuschen, in dem Spatzen fröhliche Lieder anstimmten. Man konnte sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass hier böse Leute leben sollten.
An der Tür gab es noch diesen altmodischen Griff zum Klopfen, anstatt einer elektronischen Klingel. Das Schlagen aufs Holz konnte man aber trotzdem durch das ganze Haus hören, da sie im nächsten Moment geöffnet wurde. Vor uns stand ein Mann, dessen Stirn (so wie eben schon beim Frosch) viel zu riesig war. Da sein Gesicht in meinen Augen entstellt war, konnte ich sein Alter nicht genau deuten. Aber wer weiß, in dieser Welt war das vermutlich normal und alle sahen so aus. Augenblicklich fragte ich mich, ob der Kapuzenjunge wohl auch so eine hässliche hohe Stirn hatte. Immerhin war er ja noch zur Hälfte Mensch.
Da sein Haar noch braun war, da es noch nicht an Farbe verloren hatte, tippte ich jetzt einfach mal, dass das der Vater von dem Kapuzenjungen war. Als er uns erblickte breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Du musst Poppy sein. Hodded hat schon so viel von dir erzählt. Komm doch rein.«
Äh... Ja. Ich hatte mit vielen Reaktionen gerechnet, aber diese hier war keine davon. Fragend schaute ich zu dem Kapuzenjungen rüber. »Hodded?«
Er verharrte noch an der Türschwelle, anstatt seinem Vater nach drinnen zu folgen. »Ja, so nennt man mich.« Jetzt verstand ich gar nichts mehr. »Dann hast du ja doch einen Namen.« Zugegen, einen ziemlich merkwürdigen. Man nannte ihn Kapuze? Aber warum hatte sein Vater das D so komisch falsch betont?
»Ja, ein ganz toller Name.« Die Ironie in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Die falsche Schreibweise soll mich jedes Mal aufs Neue daran erinnern, dass ich ein Fehler bin.« Ich schluckte. Okay, das war dann wirklich kein schöner Name. Kein Wunder, dass er mir ihn nicht verraten wollte.
»Warum ist so ein Name überhaupt zugelassen? Auf der Erde würde den keiner dulden.«
»Wir sind hier aber nicht auf der Erde, Poppy. Hier heißen wir direkt und geradeaus wer wir sind. Wenn sich im Laufe unseres Lebens unsere Persönlichkeit ändert, dann auch unser Name.«
»Wie heißt denn dein Vater?«, fragte ich neugierig. Wenn es nach mir ging, dann müssten alle Bewohner dieser Welt Bad heißen. Zumindest dann, wenn man dem Glauben schenkte, was ich von Hodded wusste. Verdammt! Nannte ich ihn etwa gerade so wie sein Vater? Wo er diesen Namen doch über alles hasste. Aber irgendeinen Namen brauchte er doch. Nannte ich ihn eben Hooded, so wie die Schreibweise richtig wäre.
Allerdings hatte der Typ an der Tür gerade ganz nett gewirkt. Ob das nur Show war?
»Sein Name ist Dusk«, erwiderte er, während er nun doch durch die Türschwelle trat. Anscheinend wollte er nur nicht, dass sein Vater mitbekam wie schrecklich er seinen Namen fand. Obwohl das irgendwie selbstverständlich sein sollte.
»Dusk? Wie Abenddämmerung? Warum das?« »Früher hieß er mal Sun. Aber als ich geboren wurde, änderte sich das.«
»Wie kann jemand wie er den Namen Sonne getragen haben? Gut zu wissen wie leichtsinnig sie in dieser Welt Namen vergeben.« »Wir kannten ihn früher beide nicht und sollten deshalb auch nicht urteilen. Ich habe gehört, dass er in der Vergangenheit einer der einzigen war, die andere nicht aus Eigennutz kontrolliert hatten.«
»Das hat sich offensichtlich geändert.«
»Offensichtlich.« Augenblicklich stieg mir durch den Kopf, dass er das nur getan hatte, um eine Familie mit einer Frau aufzubauen, die ihn nicht kontrollieren konnte. An sich etwas Verständliches. Wäre er an die Sache nur anders herangegangen... Aber in dieser Welt war das ja etwas ganz normales. Deswegen wurde man nicht verurteilt, denn es lag in der Natur der In-thoughts. Das ist es, was sie nun mal waren.