The Hodded Boy I forgot
51 ◊ Forgot the „V“
-Lous Sicht-
Als Mum mit Tränen in den Augen vor mir stand, liefen sie mir auch automatisch über die Wange. »Du bist es wirklich.« Sie drückte mich fest an sich. »Liam! Lou ist wieder da!« Es dauerte nicht lange, da war Dad auch schon an der Türschwelle. Stürmisch zog ich ihn ebenfalls an mich. Ich hatte die beiden so sehr vermisst. Wie sehr, wurde mir erst jetzt bewusst.
Und dann, ich folgte meine Eltern ins Wohnzimmer, begann ich ihnen nach und nach die Lügengeschichte zu erzählen, die ich den ganzen Weg hier her wieder und wieder durchgegangen war. »Ich wollte an diesem Tag ja eigentlich bei Zoe zelten. Und … naja, dazu kam es dann nicht mehr.«
»Ich hoffe, die Polizei findet den Verantwortlichen bald, damit sie ihn einsperren können. Von wo seid ihr geflüchtet? Wo hat er euch festgehalten? Vielleicht-«
»Der dunkle Wald, ganz in der Nähe der Schule. Ich weiß, ärgerlich, aber wir haben keinen Schimmer, wo diese Person wohnt.«
»Die Polizei könnte DNA-Spuren entdecken«, sagte mein Vater. Er wollte mir damit Hoffnung machen, mich beruhigen. Leider bewirkte er damit eher das Gegenteil, was er natürlich nicht wissen konnte.
»Er trug Handschuhe und all das. Ich kann es mir nicht vorstellen«, meinte ich. Um glaubhafter zu klingen, fügte ich hinzu: »Aber vielleicht haben wir ja Glück. Ein Versuch ist es sicherlich Wert.« Ich hasste es zu Lügen. Nur würde uns die Wahrheit sowieso niemand glauben. Wenn wir Pech hatten, hielten sie uns für verrückt und schickten uns in die Klapse.
»Ähm, da ist noch etwas, was ich euch sagen möchte«, begann ich vorsichtig. »Vorweg solltet ihr aber wissen, dass das nichts mit dem, was mir passiert ist, zu tun hat. Noch weniger mit euch beiden. Ihr seid die besten Eltern, die man haben könnte. Aber ich denke, dass ich gerne Kontakt zu meiner leiblichen Mutter aufnehmen würde.«
Mit der anschließenden Stille hatte ich schon gerechnet. Mum griff nach meiner Hand. »Natürlich kannst du das. Uns wundert es nur, dass du deine Meinung so abrupt änderst. Sicher, dass es nichts damit zu tun hat? Sonst, als wir darüber gesprochen haben, meintest du, dass du kein Interesse daran hast. Immerhin hätte sie dich verlassen.«
»Ja.« Ich war erleichtert, dass ich hierbei nicht lügen musste. Sie verdienten die Wahrheit. »Aber diese Träume werden nicht weniger. Möglicherweise, wenn ich ihr zeigen könnte-« Meine Stimme brach. »Ach, Schätzchen. Du bist wundervoll. Wer das nicht erkennt, der hat selbst schuld.« Auch wenn sie es nicht ahnte, Mums Worte verstärkten das Gefühl eher, dass ich sie kennenlernen wollte.
Einfach, weil ich schon immer das Gefühl hatte, dass meine Eltern einfach zu gut für mich waren. In der Schule waren sie beide zwar nur mittelmäßig, aber sie hatten sich beide sozial arrangiert. Auch wenn ich meine Freunde inzwischen nicht austauschen wollte, mich Jess’ Clique angeschlossen zu haben, hat mein Sozialverhalten sicher nicht sonderlich verbessert.
Sie bedeuteten mir alles, doch trotzdem wollten wir einfach nicht zusammen passen. In der Erziehung hatten sie alles richtig gemacht, aber ein Teil von mir hatte sich hier schon immer fremd gefühlt, gleichzeitig aber auch daheim. Es war echt komisch. »Danke für euer Verständnis. Ich weiß, dass ihr Recht damit habt. Nur würde ich es trotzdem gerne wissen, warum sie mich nicht wollte.«
»In den meisten Fällen sind die Eltern einfach noch viel zu jung, um sich für solch eine Aufgabe gewachsen zu fühlen.« Ich schüttelte mit dem Kopf. »Nein. Dann hätte sie mich nicht noch fast drei Jahre bei sich behalten.«
»Weil sie erst dann bemerkte, dass sie es nicht gebacken kriegt«, erklärte Mum. Natürlich hatte sie Recht. Das ist der Grund. Nur warum wollte irgendwas in mir die Schuld bei mir selbst suchen?
»Ich habe Zoe versprochen, mich kurz zu melden, wenn ich Zuhause bin«, informierte ich die beiden und verließ das Wohnzimmer, um kurz in mein Eigenes zu gehen. Schon wieder eine Lüge. Die Ähnlichkeit zwischen meinen Eltern und mir schwand immer mehr. Ob ich langsam anfing wie meine leiblichen Eltern zu werden? Noch ein Grund für eine Kontaktaufnahme. Ich musste es herausfinden.
Nervös wählte ich Zoes Nummer. Sie hatte nicht von mir verlangt, mich zu melden. Ich musste es dennoch. Und ihre Reaktion darüber, was wir zu besprechen hatten, machte mir große Angst. »Zoe Bonson«, meldete sie sich. Nanu? Zeigte ihr Handy denn nicht an, dass ich sie anrief? Vermutlich hatte sie einfach vergessen nachzugucken.
»Ja. Hi Zoe. Ich bin’s Lou.«
»Und? Wie haben deine Eltern all das aufgenommen?« Ich ignorierte ihre Frage schlichtweg und kam sofort zum Punkt. »Wir müssen uns darüber unterhalten, was im Livenus passiert ist.« Sie atmete erleichtert aus. »Gut, dass du es von selbst ansprichst. Ich will jede Kleinigkeit erfahren. Wir alle glaubten, es wäre das Ende. Wir konnten doch nicht einfach wie durch ein Wunder entkommen – nicht ohne triftigen Grund.«
»Ich möchte nicht über mich reden, Zoe. Du willst wissen, was mir darin passiert ist? Ich bin so frei und spreche mit dir darüber, weil du meine beste Freundin bist. Ich habe gesehen, was du gesehen hast. Deine Eltern haben sich nicht einfach nur scheiden lassen. Warum konntest du mir diese Sache nicht anvertrauen?«
Im Moment wusste ich nicht, ob ich Mitleid mit ihr haben sollte. Eigentlich war ich dafür zu wütend. Ich dachte, wir konnten uns alles erzählen. »Kannst du dir vorstellen, was mir gerade durch den Kopf geht? Ich beginne echt an unserer Freundschaft zu zweifeln. Warum sind wir überhaupt befreundet, wenn wir so verschieden sind.«
»Nein, stopp. Lou, du brauchst keine Zweifel haben. Ich gebe zu, anfangs fand ich es lästig, dass du mich ständig angequatscht hast. Ich hatte mich, meine Mum, das reichte. Aber du ahnst nicht, was ich alles für dich auf mich genommen habe.« »Dann bist du wegen mir mit zum Livenus gegangen, in dem Wissen vielleicht nie wieder nach Hause zu können?« Das ergab hinten und vorne keinen Sinn.
»Natürlich nicht. Okay, indirekt vielleicht. Du hast mir beigebracht, dass es vielleicht doch besser ist, nicht alleine durchs Leben zu gehen. Ich wollte keiner dämlichen Clique beitreten. Aber dieser dämliche Haufen ist gar nicht so dämlich, wie ich anfangs dachte. Vielleicht könnten sie meine Probleme sogar verstehen, aber… wie ich nun mal bin, wollte ich damit selbst fertig werden.«
Ich musste schlucken. Ich hatte geplant sie anzuschreien, doch gerade viel mir das ziemlich schwer. »Du hast dich also nie jemanden anvertrauen können.« Es sollte eigentlich keine Frage sein, doch Zoe antwortete dennoch: »Naja… Ich will dich nicht anlügen. Das habe ich, schätze ich, zu oft getan.« Was kam denn jetzt?
»Aber Lucas ist da irgendwie hinter gekommen.« »Was, Lucas? Hinter gekommen? Wie das denn?« »Naja. Er hat nicht speziell das herausgefunden. Etwas, was damit zu tun hatte und so habe ich ihm dann den Rest auch erklärt.«
Jetzt kam die Wut doch wieder zum Vorschein. »Schön, dass du es ihm erklärt hast. Er, der sich vielleicht für drei Sekunden gefragt hat, was mit dir los ist. Ich frage mich das mein ganzes Leben und habe nie eine Antwort gekriegt.«
»So ist das-«, wollte sie sich noch rausreden, doch ich legte einfach auf. Ich hatte lang genug nach der Nase anderer getanzt.