The Hodded Boy I forgot
19 ◊ Forgot the „I“
Im Nachhinein hätte ich daran denken können mir selber Proviant mitzunehmen. Schätze, die ganze Aktion war in dem Augenblick einfach zu überstürzt gewesen. Man konnte wohl von Glück reden, dass mir jetzt trotzdem etwas zur Verfügung steht. »War echt nett von deinem Vater, dass er uns die ganzen Sachen gegeben hat.«
»Wenn man bedenkt was wir für ihn tun, dann ist es das Mindeste.« Da hatte er wohl Recht. Er hatte wirklich an alles gedacht, nicht nur an Proviant. Dass auch ich eine Kapuzenjacke tragen sollte, darauf wäre ich im ersten Moment gar nicht gekommen. Jetzt erscheint es nur logisch, immerhin sind nicht nur Halblinge für diese Welt fremd, sondern auch Menschen. Keiner von uns wusste, wie die In-thoughts reagieren würden, wenn sie auf einen stoßen würden. Man musste vom Schlimmsten ausgehen.
Zum Glück besaß Hooded mehr als nur eine Kapuzenjacke. Sie war mir zwar einige Nummern zu groß, erfüllte aber ihren Zweck. Ich fühlte mich dennoch unbehaglich in seiner Jacke. Nicht, weil schwarze Kapuzenjacken das letzte wäre, was ich tragen würde. Einfach, weil seine Kapuze ihn immer zu etwas Besonderem gemacht hat. Zu wissen, dass sie auch ein Normalo wie ich tragen konnte, war eigenartig. Sollte es eigentlich nicht, ich weiß. Es war selbstverständlich, dass er auch nur normale Kleidung trug, aber trotzdem.
»Wir sehen komisch aus«, murmelte ich in seine Richtung, woraufhin er zu lachen anfing. Ich musste bestimmt besonders ulkig aussehen, mit meinem pinken Kleid unter der schwarzen Kapuzenjacke. Geiler Kontrast! Auf jeden Fall zogen wir alle Blicke auf uns. Sie drehten sich alle zu uns um mit ihren Megaköpfen. Ansprechen tat uns aber zum Glück einer.
»Als ich herausgefunden habe, dass du unter der Kapuze noch eine schwarze Maske trägst, dachte ich, dass das doch total unbequem sein müsste sie ständig zu tragen. Jetzt muss ich feststellen, dass sie ja total angenehm auf der Haut liegen. Man spürt sie nicht mal richtig.«
»Ja, das sind keine 0815-Masken. Dusk hat ziemlich viel riskiert als er sie besorgte… vom Gottheitsbaum.«
»Ist ja fast so als hänge euer Leben nur von diesem Baum ab.« »Ist ja auch so.«
»Mag sein, aber … Also bei uns glaubt man an Gott. Dass wir ihm unser Leben verdanken. Trotzdem hängt deshalb nicht unser gesamtes Leben von ihm ab.«
Daraufhin sagte er nichts mehr. Was hätte er auch sagen sollen? Er selbst hatte mit diesem Baum ja nicht viel zu tun, konnte also wenn dann nur für andere sprechen.
Langsam verließen wir die Siedlungen, die Anzahl der Häuser um uns wurde auch immer mickriger, stattdessen traten immer häufiger Sumpfgebiete auf. »Warum hast du es mir eigentlich nicht gesagt?« Ich brauchte nicht präziser werden. Er wusste genau, dass ich das Tragen seiner Maske meinte.
»Es ändert ja nichts. Du kannst mein Gesicht so oder so nicht sehen.«
»Ja, aber dann hätte ich nicht immer ständig auf Abstand gehen müssen, weil ich bedenken hatte dein Gesicht zu sehen.«
Er atmete einmal tief durch, bevor er mir antwortete. »Ich weiß es echt zu schätzen, dass du mir helfen möchtest. Jeder andere hätte längst das Weite gesucht. Aber ein wenig gesundes Misstrauen würde dir ganz gut stehen. Du kennst mich nicht.« »Ich weiß, aber bei einer Sache kann ich mir bei dir sicher sein. Bislang hat dir kaum einer vertraut, alles nur weil sie voreilig über dich geurteilt haben. Auf einer Unfair-Skala steht das ziemlich weit oben.«
Natürlich hatte ich Hooded nichts erzählt, was er nicht vorher gewusst hatte. Gruselig, dass er alles über mich zu wissen schien, ich jedoch nichts über ihn. »Ich würde dich gerne besser kennenlernen.«
Er fuhr sich mit der Hand über seine verdeckte Stirn. »Da wir noch eine Weile unterwegs sein werden, läuft es wohl am Ende darauf hinaus.« Eines wusste ich zumindest schon mal über ihn. Aufgrund mangelnder Liebe auf Seiten seines Vaters, hatte er einen Minderwertigkeitskomplex, der größer als ganz Amerika war.
»Der Baum liegt irgendwo auf der anderen Seite«, sagte er plötzlich und verharrte kurz auf der Stelle. »Auf der anderen Seite?« Welche andere Seite? Ich ließ meinen Blick dorthin gleiten, wo ihn auch Hooded hin fixiert hatte. Doch ich sah nichts, jedenfalls nichts Außergewöhnliches. Gut, natürlich warum Frösche mit riesigen Köpfen etwas eigen. Aber, … ihr wisst was ich meine. Sie waren zuvor auch schon dort gewesen.
Wenn ich es Recht bedachte, mag sein, dass es noch mehr Tümpel geworden sind. Nicht nur die Anzahl ging drastisch in die Höhe, sondern auch die Größe und Tiefe der Tümpel. Ich war mir echt unsicher, ob man das Wort überhaupt noch benutzen durfte oder ob es schon kleine Seen waren.
»Siehst du den Mond am hinteren Horizont nicht?« Jetzt wo er es erwähnte, da war tatsächlich ein Mond. Am Tag? Hä? »Auf dieser Seite ist immer finstere Nacht, egal welche Tageszeit wir haben«, erklärte er.
»Irgendein ungutes Gefühl sagt mir, dass wir dorthin müssen, um zu diesem Gottheitsbaum zu gelangen«, stöhnte ich. »Und dein Gefühl hat Recht.« War ja klar, dass das hier kein Kindergeburtstag war. Aber hey, ein bisschen Dunkelheit machte mir nichts aus. Nur… etwas sagte mir, dass diese Dunkelheit unser kleinstes Problem werden würde.
»Ja, es hat schon seinen Grund, warum der Ort Rund um die Uhr dunkel ist.« Toll. Musste Hooded jetzt auch noch Salz in die Wunde streuen? Sehr einfühlsam, wirklich. »Tut mir ja Leid, aber besser als wenn du dort dann böse überrascht wirst.« »Und was erwartet mich dort? Monster?«, fragte ich lachend. Natürlich glaubte ich nicht an Monster. Andererseits, bis vor kurzem hatte ich auch nicht an In-thoughts geglaubt.
»Nicht ganz. Dass der Baum gerade dort liegt, hat einen Grund. Wir In-thoughts sollten ihn nie finden. Die Wurzeln des Baums spenden uns genug Kontrolle, aber wie jeder in diesem Universum nun mal ist, war denen das nicht genug. Verzweifelte Leute, wie mein Vater, waren dämlich genug, um ihn trotzdem aufzusuchen. Seitdem musste der Gottheitsbaum einige Schutzmaßnahmen aufstellen, da er sich selbst schlecht wehren kann, ist er einmal gefunden.«
»Was denn für Schutzmaßnahmen?« Meine Gedanken malten sich gerade die bizarrsten Dinge aus. Hofften wir mal, dass sie sich irrten.
»Keine Ahnung. Sie sehen immer unterschiedlich aus. Als ich dort war-«, wollte er gerade erklären, doch die Frage, die auf meiner Zunge brannte, musste vorher entweichen: »Warum hast du dich überhaupt da aufgehalten?«
Er räusperte sich. War es ihm peinlich? »Also… naja. Da ist es so dunkel, dass man sich prima verstecken kann. Ich hatte einen Ort, außerhalb meiner vier Wände gefunden, wo ich ohne Kapuze rumlaufen konnte.« Oh. Jetzt tat er mir wieder Leid.
»Hm… Entschuldigung, dass ich dich unterbrochen habe. Was ist dir dort passiert?«
»Glücklicherweise nichts Schlimmes. Kann daran gelegen haben, dass ich den Baum nicht finden wollte. Da waren lediglich Stimmen in meinem Kopf, die mich zuflüsterten, dass ich etwas Besonderes bin, weil ich anders bin und dass Anders gut ist. Ganz sicher waren das nicht die Stimmen der In-thoughts, die hier leben. Die würden so etwas nämlich nicht sagen.«
Mit Stimmen konnte ich leben. Besonders, wenn sie mir Komplimente machten. »Da wir dieses Mal aber wirklich zu diesem Baum wollen, könnte die Sache anders ausfallen. Von Dusk weiß ich, dass er darin fast wahnsinnig wurde. Mag sein, dass ihn dort wirklich Monster heimgesucht haben.« Wie er es doch immer wieder schaffte meine Hoffnungen, meine kleine rosarote Wolke zu zerplatzen.
Gerade wollte ich mich wieder in Bewegung setzten, wäre dabei jedoch fast in den Tümpel/See vor mir gefallen. Mein Herzschlag beschleunigte sich bei dem Gedanken, noch einmal komplett dem Wasser ausgeliefert zu sein. Auf der Wasseroberfläche erblickte ich eine Fliege, die nicht so viel Glück wie ich gehabt zu haben scheint. Ihre kleinen Beinchen zappelten hilflos umher.
Als im nächsten Augenblick eine Biene des Weges kam, direkt über die Fliege hinweg flog, traute ich meinen Augen kaum, als die Fliege es plötzlich wieder schaffte sich aus dem Wasser zu befreien. Wie war das denn bitte möglich gewesen? Hatte die Biene etwa…
»Ja. Das ist eine andere Möglichkeit seine In-thoughts-Fähigkeiten zu benutzen. Die Bessere, offensichtlich«, erklärte Hooded das Gedankenwirrwarr in meinem Kopf.