The Hodded Boy I forgot
15 ◊ Forgot the „I“
»Trinkst du Tee?«, fragte mich Dusk als wir die geräumige Küche betraten. Er hatte bereits heißes Wasser aufgesetzt. Das Wasser brodelte vor sich hin. All das wirkte fast schon normal. Wäre da nicht der Mann mit dem riesen Schädel.
»Ja, danke.« Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Irgendwas sagte mir, er würde nur diese Antwort akzeptieren. Er schüchterte mich ein, aber in diesem Fall war das wohl normal. Meine Füße tippelten unruhig hin- und her. Was sollte ich jetzt nur machen?
Dusk balancierte die drei Teetassen zum Tisch, nachdem der Beutel mit Wasser übergossen war. In der Regel trank ich keinen Tee, aber wenn der gruselige Mann mir welchen anbot, dann schon. Dann würde ich selbst Ameisenpipi trinken. Immer noch unsicher setzte ich mich zu den anderen beiden an den Tisch.
»Weißt du, bis ich dich gerade eben vor der Tür gesehen habe, dachte ich noch du existierst nur in Hoddeds Fantasie.« Da ich auf seine Worte nichts erwiderte, fuhr er einfach fort: »Du hast offensichtlich Angst vor mir. Dir ist aber schon bewusst, dass obwohl Hodded eine Kapuze trägt, er mir trotzdem ziemlich ähnlich sieht. Sein Kopf ist auch größer als gewöhnlich.«
»Das Aussehen spielt doch keine Rolle! Er sollte zu sich stehen dürfen, aber dank Ihnen kann er das jetzt nicht mehr.« Hooded stieß mich warnend unter dem Tisch an. Okay, meine Worte waren vielleicht wirklich etwas übertrieben. Vor diesem Typen sollte man Respekt haben.
»Süß. Du bist anscheinend noch nicht ganz erwachsen, Liebes. Aber wie stellst du dir das vor? Wenn er unter den Menschen leben würde. Bei dir etwa? Denkst du das mit euch könnte ein Happy End nehmen?«
Ich wurde rot. Was dachte er sich da? »Das hat doch mit uns nichts zu tun. Ich möchte nur, dass er eine Chance bekommt unter den Menschen zu leben, weil er da ganz offensichtlich leben möchte. Er ist schließlich ein Halbling und sollte somit eine Wahl haben wo er lebt.«
»Was glaubst du denn, warum er in dieser Welt leben möchte? Wegen seiner verrückten Mutter sicherlich nicht. Ihre Besuche sieht er nur als Pflicht an. Aber seit er dich damals kennengelernt hat, redet er die ganze Zeit davon, dass es jemanden gibt, der keine Angst vor ihm hat. Also wenn er dort leben sollte, dann verschanzt. Denn so human du sein magst, sind es die restlichen Menschen sicher nicht.«
Hodded schnaubte neben mir auf. »Als ob es hier anders wäre. Hier laufe ich doch auch ständig mit Kapuze rum, weil auch die In-thoughts anders nicht akzeptieren.«
»Ich erinnere mich daran, dass Menschen damals Leute, die irgendwie anders waren, ermordet haben«, meinte Dusk. Beinahe hätte ich den Tee, den ich gerade getrunken hatte, wieder ausgespuckt. »Die Zeiten sind längst vorbei. Das war im zweiten Weltkrieg.«
»Ja, aber ich kenne die Menschen trotzdem gut genug, um zu wissen, dass sie jemanden wie Hodded nie akzeptieren würden. Die In-thoughts würden das eher. Ich muss das wissen, schließlich habe ich euch quasi erschaffen.«
Bitte was? Ich musste mich wohl verhört haben. »Hatten wir nicht besprochen, dass wir ihr das nicht erzählen wollten«, erinnerte Hooded seinen Vater.
»Sorry. Ich konnte einfach nicht wiederstehen.« Sein breites Grinsen war kaum zu übersehen.
»Was meinst du mit erschaffen?« Ich war zwar nicht wirklich gläubig, glaubte nicht an diese ganze in-7-Tagen-erschuff-Gott-die-Welt. Aber dieser Volltrottel konnte es erst recht nicht gewesen sein. »Dann müssten Sie viel älter sein... Und außerdem hat man die Evolution wissenschaftlich nachgewiesen.«
»Ja, aber was glaubst du wer die Evolution erst in Gang gebracht hat? Und nur zur Info: Da wir, anders als die Menschen Kontrolle verleiht bekommen haben, können wir auch nicht sterben. Der Baum Livenus verleiht uns durch seine Wurzeln diese Kontrolle. Er ist der Meister der Kontrolle... sozusagen. Etwa wie bei euch ist er unser Gott. Solange er lebt, leben wir. Er hat mir dabei geholfen meinen Wunsch zu erschaffen: Euch Menschen, die einen nicht kontrollieren können. Natürlich hatte das seinen Preis, wie alles im Leben.«
An seiner Tonlage erkannte ich schon, dass er mir nicht verraten würde, welchen Preis er zahlen musste. Es war mir eigentlich auch egal. Er hatte jeden noch so schlimmen Preis verdient.
»Es gibt einen Grund warum Livenus für euch Menschen eine zweite Welt erschaffen musste. In-thoughts und Menschen können einfach nicht zusammen leben.«
»Das mag ja sein«, erklärte ich Dusk verärgert. »Aber wo soll Hodded leben? Er braucht doch auch ein Zuhause.«
»Tja, Schätzchen. Das Leben ist nun Mal unfair.« »Nur wenn wir es uns unfair machen.« Krieg, Hunger... All das war wirklich unfair. Aber sollte man nicht lieber für Gerechtigkeit kämpfen, anstatt sich lang und breit zu beklagen.
»Du sagtest, du würdest die Kontrolle, die auf mich liegt, rückgängig machen, wenn ich Poppy als Beweis mitbringe«, warf Hooded ein.
»Richtig, richtig. Aber hast du nicht zugehört? Alles im Leben hat seinen Preis.«
Hooded seufzte auf. Allerdings schien er sowas von seinem hinterhältigen Vater schon erwartet zu haben. »Was willst du?«
»Ein Messer. Aber nicht irgendein Messer. Es liegt im Livenus verborgen.«
Nachdem Hooded noch einmal kurz an seinem Tee genippt hatte, sagte er:
»Und warum holst du es dir nicht selbst? Du hast mehr Kontakt zu diesem Baum als irgendwer sonst.«
»Junge, glaubst du, das hätte ich nicht bereits versucht? Aber die Worte des Livenus waren eindeutig: Des Messers Kraft entwenden, darf nur der, der Personen wert schätzen kann, egal wie sie zunächst auch scheinen.« Jetzt spürte ich nicht nur Dusk Blick auf mich, sondern auch Hoodeds. Ich hatte schon bedenken, dass ich ihn gleich wieder vergessen würde, doch wie es aussah hatte er sein Gesicht unter der Kapuze auch vermummt. Hilfe, der hatte es echt nicht einfach!
»Ach. Und jetzt schaut ihr mich so an, weil die Beschreibung zu mir passt? Warum sollte ich Ihnen ein Messer besorgen, wenn ich keinerlei Vertrauen gegenüber Ihnen hege? Am Ende haben Sie da wer weiß was mit vor.«
»Tja. Es ist ein Angebot. Du triffst die Entscheidung. Aber wisse, dass es die einzige Möglichkeit ist, dass Hodded den Menschen sein wahres Gesicht zeigen kann.«
Gerade wollte ich erwidern, dass er sich sein Messer sonst wo hin stecken könnte und wir schon einen anderen Weg finden werden. Da zog Hooded mich vom Stuhl hoch und führte mich geradewegs aus dem Haus. Wir standen wieder auf den Kieselsteinen, die von einem wunderschönen Garten umpflanzt waren.
Dieses Mal ging ich aber dichter auf Hooded zu, da ich nicht mehr diese Angst verspürte ihn sofort zu vergessen, wenn ich ihm zu nah kam. Hätte er ja auch sagen können, dass er auf Nummer sicher gegangen ist. Oder hatte er es mir extra verschwiegen, damit da weiterhin dieser Abstand zwischen uns lag? Er glaubte also immer noch, dass er den Kontakt zu mir nicht verdiente.