The Hodded Boy I forgot
41 ◊ Forgot the „T“
-Davids Sicht-
»Ist es okay, wenn ich zu dir komme? Ich ertrage es nicht länger bei den beiden Streithähnen.« Es war die Frau mit dem riesen Schädel. Oder Mädchen, das Alter konnte ich bei ihrem Aussehen irgendwie ganz schlecht einschätzen. An sich schien sie ja einen sympathischen Eindruck zu machen. Jedenfalls sympathischer als die anderen drei Gestalten, die ich kennenlernen durfte. Also nickte ich einfach.
»Du gibt wenigstens zu, dass du zu ängstlich bist, um zum Livenus zu gehen.« Was sollte das denn heißen? Dieser Satz hatte ihr gerade ein paar Sympathiepunkte gekostet. »Ach? Und du wärest natürlich gegangen?« »Nein, gebe ich offen zu. Einfach, weil ich nie im ganzen Leben den Livenus um Rat fragen würde. Eher würde ich sterben.«
»Könnt ihr das überhaupt? Sterben meine ich. Dusk hat uns erzählt wie alt er ist…«
»Natürlich können wir sterben. Dass wir unsterblich sind, heißt lediglich, dass wir nicht an Altersschwäche oder durch Mord sterben werden. Durch Unfälle oder Selbstmord und so weiter… können wir dennoch sterben. Obwohl der Livenus Waffen in sich tragen soll, mit denen man jemanden umbringen kann. Ist vielleicht auch nur ein Gerücht.« Ihr Blick senkte sich. Anscheinend hatte ich einen Nerv getroffen. Am besten sollte ich dieses Thema wohl meiden.
»Dann würdest du dort auch nicht reingehen, um jemanden zu retten, der dir viel bedeutet?«, harkte ich neugierig nach. »Nein, weil … sorry, aber wer zum Livenus geht hat selbst schuld und muss mit den Konsequenzen leben.« Ich konnte nicht wirklich beurteilen, ob ihre Meinung weise oder einfach nur herzlos war. Ich kannte diesen Baum schließlich nicht.
»Denkst du, sie werden wieder kommen?« Eigentlich wollte ich diese Frage nicht stellen, weil ich Angst vor der Antwort hatte. Jetzt konnte ich irgendwie nicht anders.
»Ehrlich? Vermutlich nicht, nein. Deine Freunde sind keine Profis in Sachen Livenus. Sie werden ihre Absicht sicher nicht überlisten können.« Ich schluckte. Hätte sie nicht lügen können?
»Ich hätte nie mitkommen sollen. In diese Gruppe passe ich sowieso nicht rein.«
»Und warum bist du dann mitgekommen?« Ja, gute Frage, nächste Frage. Wegen Erin? Wegen meinen Schuldgefühlen, dass ich Poppy nie mochte und sie plötzlich vom Erdboden verschwand?
»Ich wollte mir etwas beweisen. Doch am Ende habe ich nur vorgegeben jemand zu sein, der ich nicht bin.« »Wie meinst du das?«
»Naja, das hier. Ich bin kein Held. Ich rette niemanden. Ich habe meine Bücher und gut.«
Sie lachte. »Niemand wird als Held geboren. Wir werden Helden, wenn uns eine Sache so viel bedeutet, dass wir dafür kämpfen müssen.«
»Tja, dann bin ich wohl zu gefühlskalt, um ein Held zu sein.«
»Das dachte ich früher auch. Meine Schwester, sie war so tapfer, im Gegensatz zu mir. Vermutlich wird sie immer tapferer sein. Jeder wird das, dachte ich mir. Ich bin schließlich nur die kleine Resi. Meine Eltern gaben mir den Namen nur, weil ich nie das machte, was sie von mir verlangten. Inzwischen hat mich dieser Name jedoch stark gemacht und ich habe angefangen an mich zu glauben.«
Interessant. »Ich weiß ja nicht mal was David bedeuten soll. Sicher wurde der ganz zufällig von meinen Eltern gewählt.« »Bestimmt haben sie dir diesen Namen gegeben, weil sie dich lieben.« Oh, wie weise. Natürlich lieben mich meine Eltern, aber was hat das mit mir zu tun?
»Irgendwann wirst du schon eine Sache finden, die dich zu einem Helden macht.« Mein Vater war ein angesehener Professor. Das machte ihn irgendwie zu einem Helden. Dass mein Ding auch irgendwie in diese Richtung ging, stand außer Frage. Was also hatte ich hier zu suchen? Mein Platz war bei den Büchern. Die würden mich irgendwann zu einem Helden machen… indirekt. Hoffentlich.
Eigentlich wollte ich darüber gar nicht weiter nachdenken. Über meine Zukunft und was damit in Verbindung stand. Stattdessen kreisten meine Gedanken wieder zu dem Satz hin, den Resi eben ausgesprochen hatte: Obwohl der Livenus Waffen in sich tragen soll, mit denen man jemanden umbringen kann. Er ließ mich einfach nicht mehr los. Ob sie aus Erfahrung sprach?
»Denkst du, in bestimmten Situationen ist es gerechtfertigt jemanden zu töten? Wenn es der Feind überhaupt ist… von allen und jeden«, setzte ich vorsichtig an.
Sie lachte. »Du denkst, ich habe jemanden umgebracht.« Ich wollte wiedersprechen, aber es wäre wohl sinnlos, also nickte ich zögernd und setzte ein »Möglich ist immerhin alles.« hinzu.
»Ich habe niemanden umgebracht. Klar, es gibt Personen, da würde es einem leichter fallen als bei anderen. Aber… schlussendlich ist es immer falsch – aus welchem Grund auch immer.« Natürlich ist es das, klar. Trotzdem fragte ich mich ab und an, ob Leute, die selber töteten, nicht auch unter die Erde gehörten.
»Themenwechsel.« Irgendetwas verschwieg sie mir doch. Was genau, würde ich wohl nie erfahren.
»Ich hab’s leider nicht so mit Gesprächsthemenfindung, weißt du? Mit meinen Freunden ist das einfach: Wir reden ständig über Schule, Wissen und was mich sonst so interessiert.« »Für was interessierst du dich denn?«, wollte sie wissen.
»Selbstverständlich lese ich gerne. Aber noch lieber schreibe ich oder spiele Poker.« Sie wusste sicher nicht mal was das ist. Sonst hätte ich es auch nicht verraten. Keiner aus meiner Familie wusste, dass ich pokere. Wenn dann würden sie es mir sicher verbieten.
»Wirklich? So richtig mit Geld und so?« Verdammt. Warum musste diese Welt unserer nur so ähnlich sein? »Ich bin ziemlich gut. Warum sollte ich dann ohne spielen?« Wahrscheinlich stellte sie sich gerade einen Haufen Nerds vor, die miteinander pokerten – war ja auch so. Deshalb musste sie jetzt auch lachen, vermutlich.
»Die Frage war nicht ernst gemeint, beziehungsweise diente nur der Konversation. Wenn wir keine Gedanken lesen könnten, würde es dieses Spiel bei uns vielleicht auch geben, aber so ist es ziemlich langweilig.« Ach ja. Schon fast wieder vergessen. Aber diese Resi gab einem, anders als Same, auch nicht das Gefühl als könnte sie Gedanken lesen. Deshalb war sie mir auch symphytischer.
»Dieses Pokern würde ich unglaublich gerne mal ausprobieren.« »Aber nicht mit mir. Dann gewinnst du ja eh.« »Das ist doch der Sinn.« Grinsend schüttelte ich den Kopf. Was für eine Frechheit!
Oh Gott! Das durfte doch nicht wahr sein! Da war man einmal unachtsam und schon rutschte mir der verdammte Ballon aus den Fingern. Schnell sprang ich auf, um ihn zu greifen, doch er war bereits zu weit oben. Ach du Scheiße! War meine einzige Chance je nach Hause zu gelangen, gerade einfach davon geflogen?
»Keine Angst. Der kommt wieder. Er kommt immer wieder«, sagte der Kapuzenjunge, der jetzt hinter mir getreten war.