The Hodded Boy I forgot
42 ◊ Forgot the „D“
-Lous Sicht-
Wer hätte ahnen können, dass mich meine kleinen Füße so weit nach oben gebracht haben? Hatten sie das überhaupt? Ich konnte mich nicht daran erinnern, geklettert zu sein. Andererseits, ab dem Moment, wo ich die Kuppe betreten hatte, war sowieso alles total verschwommen. Es war, als konnte ich erst hier oben wieder klar sehen.
Dann jedoch, wickelten sich plötzlich die Äste dieses Baumes um meine Handgelenke, woraufhin ich definitiv Panik bekam. Du solltest keine Angst haben. Die, die Angst haben sollten, sind deine Freunde da unten. Sie stehen auf meinen Wurzeln und kontrollieren sie somit. Warum dachte ich das gerade? So einen Schwachsinn hatte mein Verstand lange nicht mehr zusammengebraut.
Weil du es nicht denkst, sondern ich – der Livenus. Moment mal… Livenus, wie der Gottheitsbaum Livenus, auf dem ich gerade hockte? Bäume können doch gar nicht sprechen! Können sie ja auch nicht. Oder sieht das hier wie sprechen aus? Du denkst nur das, was ich dir zu sagen versuche. Ich wurde langsam aber sicher verrückt. Sollten wir es je hier rausschaffen, dann sollte ich mich womöglich einweisen lassen.
Du wirst nicht verrückt. Dir passiert gerade nur etwas, was ich in der Regel nie zulasse. Du kannst mit mir kommunizieren, obwohl ich für die In-thoughts eine Gottheit bin. Und warum lässt du es zu, wenn sich das für Gottheiten nicht gehört? Totaler Schwachsinn, was hier gerade abgeht.
Du hättest nie herkommen dürfen. Das beantwortet meine Frage ja wohl nicht. Ich habe mir selbst geschworen, dich nie zu kontrollieren. Alles klar. Aber sicher. Mein dummer Verstand glaubte jetzt also noch, ich wäre was Besonderes. Die anderen durchlebten vermutlich gerade das gleiche Szenario.
Ich kann dich nicht kontrollieren. Du kannst also zu ihnen gehen und sehen, was sie durchleben. Allerdings solltest du dich für einen deiner Freunde entscheiden. Sie sind alle miteinander verbunden. Wird einer von ihnen in die Realität zurückgerissen, dann alle. Ich hatte ja schon immer gewusst, dass meine Fantasie grenzenlos ist, aber das – das war eine Spur zu abgedreht.
Gut, dann halte es eben für eine Einbildung deiner Fantasie. Soll mir am Ende egal sein. Mein Blick fiel nach unten. Dort standen sie wirklich alle, jeder einzelne von ihnen. Aufgestellt wie Figuren eines Schachfelds. Sie redeten, allerdings nicht miteinander. Sah eher so aus, als würden sie Selbstgespräche führen. Vermutlich sollte ich nicht darauf hören, was dieser Baum mir vorschlug. Er wollte uns alle sicher mit all seiner Kraft hier behalten.
Wo ist dieses Messer überhaupt? Das war vielleicht der Schlüssel. Poppy brauchte es und wenn ich es ihr übergab, dann könnten wir alle von hier verschwinden.
Du kannst das Messer nicht finden, weil es nie deine Absicht war. Schon vergessen? Du wolltest Poppy hier rausholen. Strenggenommen, wollte ich sie alle hier rausholen. Aber ich gab mich mit dem zufrieden, was ich kriegen konnte. Wir hätten wirklich nicht mit so vielen Leuten hier reinplatzen sollen. Was, wenn wir nicht mal die Hälfte wieder rausbekamen?
Zuhören scheint nicht ganz deine Stärke zu sein, oder? Ich sagte doch: Holst du einen in die Realität zurück, dann alle. Jetzt musst du nur noch entscheiden, wer von deinen Freunden sich am besten von Träumen lösen kann. Ich wurde nervös. Kannte ich sie wirklich so gut, um darüber urteilen zu können? Lucas zum Beispiel, kannte ich eigentlich gar nicht.
Entscheide einfach nach Bauchgefühl. Jetzt gerade konnte ich nicht mal sagen, ob dieser Satz von mir oder vom Livenus gedacht wurde. Trotzdem ging ich diesem Ratschlag einfach nach. Und wie gelange ich bitte nach unten, wenn dieser dämliche Baum mich an seinen Ästen festhielt?
Einfach springen! Oh, weiser Rat! Der kam ganz sicher nicht von mir. Ich hatte ohnehin Höhenangst und…
Ach verdammt, Lou! Hier geht es um Leben oder Für-immer-verloren-sein. Etwas mehr Mut würde dir jetzt gut stehen. Auch wenn diese Worte gut vom Livenus stammen könnten, wusste ich dieses Mal, dass es meine eigenen waren. Also gut…
Mit meinen Händen drückte ich mich vom Livenus weg. Langsam lösten sich nun auch die Äste, die meine Handgelenke vorhin noch fest umschlungen hielten. Mein Körper landete mit voller Wucht auf der Erde, dabei tat der Aufprall nicht mal weh.
»Wir könnten von vorne anfangen, als eine große und glückliche Familie. Dann wandle nicht nur ich mich zum Besseren. Du könntest endlich zu dir selbst stehen, ohne alle in deiner Umgebung anlügen zu müssen.« Verwirrt vom Klang der Stimme, rappelte ich mich auf. Wer war dieser Mann, der da neben Zoe stand? Und wo waren die anderen abgeblieben.
»Woher weiß ich, dass du dich geändert hast?« Zoes Stimme klang gebrochen. So hatte ich sie ja noch nie erlebt. Fühlte sich fast so an, als kannte ich meine beste Freundin gar nicht richtig. »Zoe!«, rief ich ihr schließlich zu. »Wer ist das?« Keine Antwort ihrerseits, dafür aber von dem Mann persönlich: »Ich bin ihr Vater. Ich werde endlich alles wieder gut machen, was ich verbockt habe.«
»Verbockt hast?! Seine eigene Frau schlagen, das ist nicht verbocken, das ist… Das geht einfach unter die Gürtellinie!« Warte… was?!
»Hör zu, Zoe. Deine Familie ist nun mal zerbrochen. Daran wird sich nie etwas ändern. Aber das macht nichts, weil du mich hast. Ich bin real und stehe wahrhaftig vor dir.«
Sie betrachtete mich eine Weile skeptisch. »Aber ich würde zu gerne…«
»Ich weiß, was du willst. Aber ich weiß auch, dass du der Realist in unserer Gruppe bist. Und das konnte uns allen jetzt den Arsch retten. Also bitte: Sehe der Realität ins Auge. Du hast vielleicht keine heile biologische Familie, ich doch auch nicht. Dafür hast du eine viel bessere Familie: Du hast uns.«