The Hodded Boy I forgot
39 ◊ Forgot the „C“
Mit gesenktem Blick betrachtete ich den Kuchen, direkt vor meinen Augen. In meiner Hand die Gabel, doch irgendwie wollte sie ihren Weg nicht in meinen Mund finden.
»Du hast sie also nicht in den Kindergarten geschickt, weil du eh Zuhause bist?! Mitten in der Woche! Wie soll das werden, wenn sie erst zur Schule gehen. Das dauert nicht mehr lange. Sicher dürfen Lucas und Rick dann auch einfach so die Schule schwänzen. Wie unverantwortlich von dir!«
»Du kannst Schule und Kindergarten doch nicht miteinander vergleichen!« Der Appetit war mir spätestens in dem Moment vergangen, als Mrs. und Mr. Bagehot sich wieder zu schreiten anfingen. Ich hätte einfach bei Lucas bleiben können. Aber Mrs. Bagehot machte einfach den besten Kuchen überhaupt! Da konnte man nur schwer wiederstehen.
Rick tippte mir vorsichtig an die Schulter. Mit seinem Daumen deutete er hinter sich. Anscheinend wollte er auch wieder zu Lucas. Ich nickte und schob den Erdbeerkuchen von mir weg. Dann verließen wir den Raum. Lucas’ Eltern hatten es nicht mal bemerkt. »Tut mir Leid. Ich dachte wirklich, dass sie sich beherrschen würden, wenn du da bist.«
»Das muss dir doch nicht leidtun, Rick«, sagte ich lachend und klopfte an Lucas’ Zimmertür. Ich wartete auf kein Herein, sondern öffnete die Tür einfach so. Hier war mein zweites Zuhause, deshalb verhielt ich mich auch dementsprechend.
»Wow, habt ihr schnell gegessen«, begrüßte uns Lucas. »Du kennst uns doch. Will jemand mit mir Schaukeln gehen?«, fragte Rick. Fragend schaute ich in Lucas’ Richtung. Ich würde nur mitkommen, wenn er auch ging. Rick ist mir ab und zu einfach zu anstrengend mit seinem Batzen an Energie.
»Ich wollte diesen Turm hier eigentlich noch fertig kriegen«, meinte er zu seinem Bruder. Dieser nickte und verließ das Zimmer. Auf meine Antwort hat er gar nicht mehr gewartet. Er wusste, dass ich nicht mitkommen würde, wenn Lucas hier blieb.
Wie er da mit seinen Bauklötzen saß, erinnerte er mich so sehr an mich selbst. Deshalb verbrachte ich meine Zeit so gerne mit ihm. Auch ich konnte mich stundenlang mit einer einzigen Sache beschäftigen. Meine Mum verstand nicht, wie ich in der Badewanne sitzen konnte, in der Hand nur eine Ente. Klar, wie denn auch, wenn sie Ernie und meine Abenteuer gar nicht kannte. Wir waren schon an so vielen verschiedenen Orten.
Apropos…
»Lucas, was wäre, wenn wir die Chance hätten zusammen von hier zu verschwinden?«
»Rede keinen Blödsinn. Unsere Eltern würden uns eh finden.« »Nein. An diesem Ort nicht. Vertrau mir.«
»Was ist das für ein Ort?«, wollte er wissen. »Ein Besserer. Vielleicht treffe ich auf Einhörner und du besitzt dein eigenes Schloss. Eines, was du allein gebaut hast.« Er schaute neugierig von seinen Bauklötzen hoch. »Das hört sich fast zu schön an, um wahr zu sein.«
»Ist es aber! Ich kann es dir sogar beweisen. Du musst nur mit mir mitkommen. Nach draußen.«
Er zögerte. »Vertraust du mir nicht genug, um mit mir zu kommen?« »Das ist es nicht. Ich würde dir überall hin folgen. Aber… was wenn wir am Ende enttäuscht sind? Wenn es dort gar nicht so schön ist.«
»Dann können wir doch immer noch Heimkehren, Lucas.« Ich nahm seine Hand und zog ihn von seinen Bauklötzen weg. »Also gut. Wo soll’s hin gehen?«
Ich öffnete die Vordertür und blickte auf die Wiese, die vor dem Haus der Bagehots stand. Jetzt gerade, im Sommer, blühten die gelben Blümchen besonders schön. »Da! Von dort werden wir starten. Warte dort auf mich.«
»Wo willst du hin?«
»Wir brauchen doch jemanden, der uns in diese Welt bringt, Lucas. Nur ist er etwas schüchtern. Wenn wir dort zusammen aufschlagen, zeigt er sich womöglich nicht. Aber ich werde anschließend mit ihm zu dir kommen.«
Lucas wirkte etwas verunsichert. Trotzdem hatte er nichts dagegen und ging rüber zur Wiese. Ich umrundete die Villa der Bagehots, denn hinter dem Haus befand sich noch eine andere Wiese, die wo ich Hodded finden würde. Die Wiese, die unser Haus von Lucas’ Familie trennte.
◊
»Da bist du ja endlich! Aber wo ist unsere Reisebegleitung?« »Reisebegleitung?! Warum sollte ich mit dir irgendwo hin wollen?« Lucas Augen weiteten sich. In ihnen lag plötzlich eine unendliche Traurigkeit. Es war fast so, als würde ein Teil von Lucas in Zwei brechen.
Nein! Schnell setzte ich einen großen Schritt auf ihn zu. »Nein! Dieses Mal verlasse ich dich nicht. Ich bin schuld! Ich allein! Wegen mir bist du so geworden, wie du bist. Ich dachte die ganze Zeit, du hättest unsere Freundschaft beendet. Aber ich habe dich vergessen, weil ich ihn vergessen habe. Natürlich nicht vollständig, denn ihr seid ja nicht ein und dieselbe Person. Doch als kleines Mädchen konnte ich euch zwei nicht richtig auseinander halten. Wie denn auch, wenn ich zu Hooded kein Gesicht parat hatte. Kann schon sein, dass ich ihn ab und an mit dir verwechselte.«
»Wurde aber auch Zeit, dass du dich erinnerst«, grinste er. Das war das Problem. Ich erinnerte mich eben nicht. Den Teil, den ich wirklich vergessen sollte, die Vergangenheit mit Hooded, war mir immer noch fremd. Ich hatte nur gelernt, diese von der mit Lucas zu trennen.
»Und wie es Zeit wurde. Aber weißt du was? Dieses Mal werde ich dich nicht verlassen. Jetzt sollst du die Chance auf eine Zukunft bekommen, die du wirklich verdient hast.«
»Eine Zukunft mit dir?«, fragte er mich, woraufhin ich nickte. »Nein. Eigentlich verdienst du sogar etwas Besseres.« »Aber ich will nichts Besseres, Poppy, sondern dich.« Wie hatte ich das all die Jahre nicht bemerken können? Lucas war es eigentlich gewesen, den ich hätte retten müssen.
Ich tippelte auf ihn zu und zog ihn ganz fest an mich. »Dieses Mal werde ich dich nicht verlassen. Ich bleibe hier. Für immer. Wir werden gemeinsam alt und grau werden.« Er lächelte und das Messer, was ihn zu einem bösen Jungen gemacht hatte, löste sich endlich auf. Wir waren endlich frei.