Der 9. November
Kapitel 8
mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und Ordensauszeichnungen, das
war alles, wonach diese Offiziere trachteten.
Die Lampen eines Automobils blendeten durch die finstere Straße, und die
Schneeflocken jagten gleißend durch den Lichtkegel. Plötzlich aber stockte
Hedis Schritt, in dem gleißenden Lichtkegel flatterte ein weiter, heller Mantel. Er
mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um plötzlich vor ihr erscheinen zu
können, oder war es ein Zufall? Ihre Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel
kam näher, und sie bemerkte, daß er die Richtung seiner Bewegung änderte. Sie
bog rasch ab und stürmte die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott,
sie war falsch gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun war sie an
der Friedrichstraße angelangt.
Der gelbe Mantel erschien auf der Treppe der Station. Er war nur einen
Augenblick sichtbar, dann verschwand er, er kam nicht herunter.
Hedi atmete erleichtert auf.
Nein, sie brauchte Otto nicht, sie brauchte ja nur die Hand auszustrecken und
soviel Finger sie hatte, soviel . . .
Der Zug fuhr in die Station. —
Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den Blicken
suchte, war sie schon verschwunden. Übrigens fesselte gerade eine Dame seine
Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend und glitzernd die
lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause. Er warf sich in
Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit hatte er sich umgezogen. Er
knöpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe herabsprang. Er hatte nicht
die geringste Lust, den Abend zu Hause zu verbringen und alle möglichen Dinge
über Siedelungsgebiete, Kolonien und strategische Sicherungen zu hören.
An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit einem kleinen Herrn im
Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im geringsten
ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte Entschuldigungen.
„Herr Oberleutnant —“ Offenbar kannte er ihn. Irgendein Hausmeister der
Nachbarvillen.
Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran.
In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde Zeit zu versäumen, eilte
Otto der Friedrichstadt zu.
8
Kälte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung betrat. Er bewohnte
das Parterre eines einstöckigen grauen Hauses an der Tiergartenstraße, dicht am
Kemperplatz, nicht weit von Doras Backsteinvilla entfernt. Kälte und Stille —
die Wohnung war erfüllt von Winter, von Tod.
Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem .
. . Die Ehe des Generals war in den späteren Jahren nicht glücklich gewesen,
übrigens hatte die Generalin nie diese Wohnung in der Tiergartenstraße betreten,
damals — wieviel Jahre sind es her! — wohnten sie in der Margaretenstraße.
Auch sein Sohn Kurt, der älteste — er war nicht mehr. Gefallen an der
Somme.
Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung — und augenblicklich
versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens hatte
der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. Ruth arbeitete
zurzeit in ihrer Küche, früher in einem Lazarett, und Otto, wenn er einmal auf
Urlaub in Berlin war, war selten zu sehen — ein Leichtfuß . . . Es gibt in dieser
Hinsicht keine Kompromisse: entweder lebt eine Familie glücklich, oder sie
zerfällt.
Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch die Ordonnanz rasselte.
Sie brachte die Mappe mit den Akten, die am Abend bearbeitet werden mußten.
Nur Soldaten lebten im Hause des Generals — und eine Wirtschafterin, Therese,
die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und die man nie sah. Soldaten
gingen ein und aus, solange der General lebte. Sein Vater war als Oberst
gestorben. Es rasselte von Waffen, und sie brachten den Geruch aus den
Kasernen mit.
Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand schon da
und fing ihn auf.
Ja, Kälte — trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln
Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen falsch oder
ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu verbreiten — wie
warm war es doch bei Dora! — verbreiteten sie feindselige Grelle und
haßerfüllte, pechschwarze Schatten. Dunkle Täfelungen, schwere Barockmöbel,
Gold — die Parkettböden schrien, wenn man sie betrat, es war ein altes Haus.
In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu Hause.
Er atmete auf, seine Haltung wurde um etwas lässiger.
Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein kleiner
gelber Kanarienvogel hauste.
„Nun, Niki — Niki!“ Er steckte den Finger durch die Stäbe — er sprach mit
dem Vogel genau so, wie er früher mit seinen Kindern gesprochen hatte, mit veränderter, komischer Stimme — als sie noch ganz klein waren, klein, lieblich
und voller Vertrauen.
„Aber das Apfelschnitzchen — es ist ja heruntergefallen, nun wollen wir aber
das Apfelschnitzchen — und das Wasserchen, wieder alles verspritzt — du
Schlingelchen —“
Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu Stäbchen.
„Ja, siehst du — das Herrchen —“
Es klopfte. Eine laute Stimme rief: „Es ist serviert, Herr General!“ Das war
Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch noch
einen Wangel, der aber war mehr für den Dienst außerhalb des Hauses. Die
Uhren schlugen. Es war acht.
Punkt acht — Punkt, immer Punkt! Der General war für peinlichste
Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe — zehn
Minuten, zwanzig Minuten — mit der Sekunde mußte er geweckt werden. Die
Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder mit Köchinnen klatschen, aber
ihre Uhren mußten genau gerichtet sein. Punkt ein halb acht Uhr morgens erhob
sich der General, Punkt ein viertel nach acht nahm er sein Frühstück, Punkt ein
Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum
Abendessen. Auch im Felde hatte er die gleiche Einteilung des Tages
eingehalten und wenn die Welt unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den
Tagesplan des Generals vermochte sie nicht zu verrücken.
Zeit, Zeit — jede Minute war kostbar — der Dienst —
Nun gut . . . Punkt acht Uhr begab sich der General ins Speisezimmer.
Ruth sagte „Guten Abend“ und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen Augen,
die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine Hecht-Babenberg,
sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des Hecht-Babenbergschen
Blutes gefolgt, das große, solide Knochen, breite Schädel mit etwas slawischen
Backenknochen baute, sie war eine Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die
einer süddeutschen, fränkischen Familie entstammte. Sie war nicht groß,
schmalschultrig, eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich,
daß es sich schlecht frisierte und die Frisur häufig etwas nachlässig aussah.
Zuweilen rügte der General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen Blick. Ruth
glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen.
Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die
Abendzeitungen, die er durchflog, während er die Suppe schlürfte. Wann sollte
er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, daß diese Burschen
geschlagen wurden, und es war nicht nötig, daraufhin die Zeitungen zu
studieren. Auf Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es so weit war. Noch
war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte er ganz genau.
„Na, da haben sie wieder mal —“ murmelte der General.
„Wie Papa?“
Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert die Suppe, die vom
Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung.
„Jakob? — Es zieht.“
Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbüfett, wo er sich
gewöhnlich verbirgt, und geht zu sämtlichen Fenstern und Türen, auf den
Fußspitzen, obwohl er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob bedient
auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform auch zu Hause
bedient zu werden — es ist wie im Felde. Er haßt weibliche Dienstboten.
Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee — und
obgleich der Tisch nicht um vieles größer ist als ein gewöhnlicher Eßtisch,
scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses Schneefeld zu sein.
Ganz am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine Tochter, fern, klein —
zuweilen scheint es dem General, als ob die Menschen mehr und mehr in die
Ferne glitten, mehr und mehr, täglich mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und
dünn, wie aus großer Entfernung. Oft hört er sie gar nicht mehr, so dünn klingen
sie. Es kommt daher, daß er überarbeitet ist.
„Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.“
Jakob wechselte die Teller, geräuschlos.
Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, daß Otto bei Tisch fehlte.
„Otto ist eingeladen, Papa.“
„Am letzten Abend —?“ Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine
Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete über Ruths Gesicht.
Dieses Gesicht war zart, blaß und von einer ungewöhnlichen Reinheit des Teints.
Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein. Eine träumerische
Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, und ein Lächeln lag auf den
etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fühlte den Blick, ihre Lider zitterten —
aber schon war der Blick des Generals wieder zu seinem Teller zurückgekehrt.
Der General liebte es nicht, dem Blick seiner Tochter zu begegnen — es hatte
seinen Grund, seine Gründe, über die er niemand Aufklärung schuldig war.
„Viel Arbeit in der Küche?“
„Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.“
„Sapperlot!“ Der General wischte sich den grauen, dünnen Schnurrbart ab und
rückte den Stuhl zurück. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln sie stets kitzelten) und
legte einen Augenblick die Hand sanft an den grauen Kopf des Vaters. Diese Art
des Gutenachtkusses hatte sich aus ihrer Mädchenzeit erhalten. Der General
fühlte den sanften Druck ihrer Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend
erwachte bei dieser Berührung die Liebe zu seiner Tochter, die während des
Tages verblaßte, schlief, ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an
Ruth, und wenn sie ihm in den Sinn kam, zufällig und selten, so geschah es ohne
jedes Gefühl, fast mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser Berührung
zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam es sogar vor,
daß der General spät abends an Ruths Türe lauschte, um zu hören, wie sie
atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb, das Ohr gegen ihre Türe
gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe.
Am Tage aber — Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar!
„Gute Nacht, Papa!“ Weich und fein klang Ruths Stimme.
„Gute Nacht.“
Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln. Plötzlich
sagte der General im Befehlston: „Wenn mein Sohn nach Hause kommt, ich
möchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht mehr gestört
werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!“
„Jawohl, Herr General!“ Und Jakob stürzte zur Türe. Er wußte, daß der Herr
Oberleutnant erst gegen Morgen zurückkehren würde wie jede Nacht. Er hatte
ihm schon befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden, wenn er nicht
wach werden sollte.
Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme „Guten Abend“ und
schlüpfte in ihr Zimmer.
— — — — — — — —
Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer etwas in
Unordnung und — sowohl am Tage wie am Abend — in Dämmerung gehüllt.
Kleidungsstücke, Bücher und Schreibpapier lagen verstreut umher. Der kleine
Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in blauen und weißen Farben
gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat von senkrechten blauen und
weißen Streifen überzogenen Fauteuils, zeigten schon allenthalben feine Risse
und waren gelblich geworden. In die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein
Medaillon mit dem Wappen der Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine
rote Rose hielt. (Diese rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt eine
große Rolle.)
Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths Mantel und Hut lagen,
hing in einem ovalen weißen Rahmen das Porträt einer jungen Dame: Margarete v. Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der Manier