Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 41 von 87

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Der 9. November

Kapitel 4

„Wie herrlich — wie wunderbar!“ Sie konnte sich gar nicht beruhigen.

„Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne ich

dich?“

„Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.“

Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel.

 

4

 

Plötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen nach dem Geländer der

niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei einem

Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes Nichts. —

Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm die Brust

zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! Aber plötzlich trieb ihn ein

Verlangen, sich unter diese fremden, unverständlichen Menschen zu mischen,

die sich in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte, Dora, ein paar

Worte mit ihr sprechen!

Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die

unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja auch

sehr unwahrscheinlich geworden, daß jene hochgestellte Persönlichkeit, mit der

er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das Fest noch mit ihrem Besuche

beehren würde. Der General bedauerte es aufrichtig. Jene hochgestellte

Persönlichkeit war niemand anderes, als der Bruder der Gräfin Heller, dessen

Name man nur ehrfürchtig zu flüstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit

begrüßt, in den Gesichtskreis einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr

des Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr

war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen.

Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen, grauen

Augen glitt über den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte bei der

Bemühung, die Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese sorglosen,

heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust zu wecken,

kaum daß Doras Lächeln, das ihn traf, so oft sie vorbeitanzte, eine flüchtige

Wärme in seinem Herzen anfachte.

Nein, fremd, unverständlich!

Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute

gelangweilt ein belegtes Brötchen.

Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte.

Andächtig schob sich am Büfett ein befrackter Rücken entlang, von Schüssel zu

Schüssel.

Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den der

Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten völlig hypnotisiert hatte. All die

Kriegsjahre hindurch hatte er sämtliche Vorschriften und Gesetze, die die

Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde es ihm beschwerlich,

eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis schwand, er schlief vor Schwäche die

Hälfte der Zeit in seinem Bureau im Auswärtigen Amt, schlief, schlief, aber

befolgte die Vorschriften, denn schließlich gehörte er ja zur Regierung, die sie

erließ. Und hier, war es möglich, hier gab es ganze Schinken, man denke sich!

Es gab hier ganze Puten, ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange

Braten, man denke! Das Fett troff von den Schüsseln, es gab hier Sardinen,

woher denn, beim allmächtigen Gott, sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt

waren. Es gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege.

Es gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Käse. Der

Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er nahm

hier ein Stückchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein Stückchen

gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen Schinken. Auch ein

Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei

Jahren hatte er nicht mehr ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen,

und, wie gesagt, die ganze Reihe der Käse und der Kuchen lag noch vor ihm.

Andächtig schob er sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die

Brille gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet.

Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen, Stickereien,

das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurück.

„Herr General“, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller

geschickt auf der Hand.

Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe und knarrte irgend

etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit.

„Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.“

Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn Vertreter

der hohen Generalität und Angehörige des Auswärtigen Amtes sich begegneten.

Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn allen Beamten des

Auswärtigen Amts gegenüber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte allen

Militärs gegenüber — äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen, er fürchtete

sie, offengestanden.

„Ich bin allerdings etwas mager geworden“, sagte der Geheime Rat mit

nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals. „Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.“

„Es geht uns allen nicht besser“, antwortete der General. „Wie beurteilen Sie

diese Sache?“ Und der General langte nach einem Lachsbrötchen.

Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart.

„Ich bin,“ begann er, „ich bin hoffnungsvoll. Es ist natürlich schwer zu sagen,

aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militärischen Situation für, ich

möchte sagen, ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken ist — England —“

„Wie, bitte?“ Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den kleinen

Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab.

Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurück.

„Ich spreche natürlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne keineswegs —

ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation beurteilt. Ich habe den

Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.“

„Sie sprechen von der politischen Lage?“

„Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.“

„Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.“

„Oh — Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem

Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha ha!“

„Après nous le déluge!“ sagte in diesem Augenblick ein heftig schwitzender

Beduine zu einer zierlichen Schleierfee.

Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser

Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von Bewunderung

mußte er in diesem Moment an den französischen Ministerpräsidenten denken,

der all diese Schwätzer und Kleinmütigen ohne viel Umstände — an die Wand

stellte!

Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese

Hypnose des Schreckens, die unter allen Umständen nötig war, auf das Volk

ausübte? Wo hier —?

In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als wolle

er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der meldete, daß

Seine Exzellenz gekommen waren.

Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht.

Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras

trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslächeln auf dem

langgezogenen, völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne schmale Ohr

aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein Ordensstern blitzte auf

seinem Frackhemd.

Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes.

„Wer ist es?“