Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 24 von 87

PDF-Seiten

Der 9. November

Kapitel 9

„Sie saßen doch gestern —?“

„Ich erinnere mich nicht.“ Hedis Stimme wich in weite Fernen zurück. Fern

und unwirklich wurde ihr Lächeln.

„Wir wollen nur hoffen, daß Herr v. Hecht —“

Hedis Augen wurden plötzlich kühl, das Leben erkaltete in ihnen.

Mit einer tadellosen Verbeugung, völlig ungezwungen, völlig Herr der

Situation, zog Ströbel sich zurück.

Der Geiger in seinem schwarzen Frack schwang sich in den Hüften und

blickte kokett lächelnd zum Tisch der Dunkeln, Tragischen, der das Mißgeschick

passiert war, ein Glas Wasser umzustoßen.

Hedi gab ihren Mienen einen träumerischen und harmlosen Ausdruck.

Niemand sollte auf den Gedanken kommen können, daß ein Wildfremder es

gewagt habe, sie anzusprechen. Die Weizenblonde mit den Brillanten in den

Ohren hatte die Szene beobachtet. Hedi streifte sie mit einem Blick, und in dem

kaum merklichen Aufatmen ihrer Brauen, mit dem sie über die Weizenblonde

hinwegsah, lag ihre ganze Verachtung.

Nein, nein, noch war sie lange nicht so weit! Was bildete er sich doch ein —?

 

9

 

Zögernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke und lenkte in seine

Straße, die Fabriciusstraße, ein — ganz weit da draußen.

Eine plumpe Eisenbrücke spannte sich zwischen den Häusern, und soeben

rollte donnernd ein Lastzug darüber. Der Qualm sank auf den Schmutz des

Pflasters herab.

Es half alles nichts, er mußte unter der Brücke hindurch, auch wenn sie

zusammenbrechen sollte. Die Angst des Trinkers schnürte ihm die Brust

zusammen.

Die große Stadt machte hier einen düstern und verwahrlosten Eindruck. Die

Straßen waren schnurgerade, überall die gleichen grauen Mietskasernen, die

gleichen Aufschriften, die gleichen Scharen von bleichen, zerlumpten Kindern.

Die gleichen hohlwangigen Weiber, die, mit einem kleinen Topf oder einer

Tasche in der Hand, in Tücher gehüllt, an den Häusern entlangkrochen und

husteten. Die gleichen mageren schwarzen Alleebäumchen, die in der sauren

Luft erstickten. Der Mörtel fiel von den Hauswänden, schmutzige Papierfetzen trieben in den Rinnsteinen. Vor den Nahrungsmittelgeschäften, die die

Wochenration an Fett, zwanzig Gramm, ausgaben, standen lange Reihen von

blaugefrorenen Frauen und vertraten sich die kalten Füße, während sie

schwätzten und keiften.

Sonst waren Geschäfte und Läden leer, gähnende Särge. Bäckerläden ohne

Brot, Fleischerläden ohne Fleisch, Schuhgeschäfte mit Holzschuhen und

Blechdosen voller Stiefelwichse. Auch in dieser Gegend gab es jene Läden, in

denen altes Metall gesammelt wurde, für die Kriegführung, Lampenfüße,

Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt aus den Wohnungen der Ärmsten.

Dann gab es hier noch das Delikatessengeschäft von Alfred Schustermann,

mit der Aufschrift: Mensch, was für ’ne Ware! Seemuscheln, Pfahlmuscheln,

waggonweise eingeführt, zu Gelee, Aspik, Pasteten, Würsten verarbeitet. Die

Professoren, die entdeckt hatten, daß Baumrinde nahrhaft war und man

Pilzkulturen in den Dachrinnen anlegen konnte, erklärten, daß diese Muscheln

selbst Ochsenfleisch an Nährkraft überträfen.

Immer näher aber kam die graue Mietskaserne mit der riesigen Aufschrift:

Leihhaus.

Der Schritt des Havelocks verlangsamte sich mehr und mehr, seine tränenden,

entzündeten Augen blinzelten unter dem steifen Hut. Er hatte fast jeden Mut

verloren.

Eine Weile holte er Atem vor der „Zoologischen Handlung“. Noch lebte er,

der kleine muntere Zeisig, sein Freund, der das Problem gelöst hatte, das

Körnerfutter bis zu fünfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern, die

kleinen grünen Papageien, die beiden Kanarienvögel, die Drossel, sie waren an

dem Problem nacheinander gescheitert und gestorben. Ja, gestorben. Auch die

kleinen weißen Mäuse, die ewig im Kreise liefen, waren plötzlich bei ihrem

spaßigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der vierte Kriegswinter hatte auch sie

vernichtet. Nur der Zeisig sprang noch munter in seinem kleinen Käfig hin und

her.

Zwischen der „Zoologischen Handlung“ und dem Leihhaus führten drei

ausgetretene Stufen zum „Löwen von Antwerpen“ empor, und schon war der

Havelock in der Gaststube.

Keine Vorwürfe — er mußte Mut sammeln für die Nacht. Denn die Nacht

würde kommen, so gewiß wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren

Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz bot. Der

Rausch, um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit.

Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn der

Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten, die in der

Kneipe verkehrten, der „Millionär“ genannt. Ja, hoho, so ein Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen kamen auch

Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie tranken — sollte man

es glauben, die Kleinen? — sie tranken Schnaps wie die Männer — ah, und sie

trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch etwas hänselten, es schadete nichts.

Sie lachten und hatten keine Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft,

alles war möglich, deshalb lachten sie auch so ausgelassen.

Endlich — es war schon finster draußen — kroch der Havelock die Treppe

des Leihhauses empor. Längst war die kleine Wolke, auf der er stundenlang

bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten vor Müdigkeit.

Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, daß man ihn kommen

oder gehen hörte. Drei Parteien wohnten hier, jede hatte ein Zimmer, und die

Küche gehörte ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche nie betreten. Schon

war er in seiner kleinen finsteren Stube, schon hatte er die Schuhe abgelegt.

Plötzlich zitterte er. Ah, wenn er nur nicht wieder von dieser Schaukel träumte!

Alles, nur das nicht! Träumte er doch neulich, er säße auf einer Schaukel, die

durch endlose schwarze Nacht dahinschoß. Angeklammert wie ein Affe saß er

auf dem schmalen, schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst — aber die Schaukel

schoß dahin in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade

pfiff sie in rasender Schnelligkeit dahin.

Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . .

Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund geöffneten

Mund. Den Havelock hatte er anbehalten.

 

Da! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. Seine dünnen Haare

sträubten sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze und

Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen Nacht.

Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr geschleudert, wie

Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in zwei Teile, hatte er es

nicht deutlich gehört? Die Balken splitterten. So deutlich!

Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach geraumer

Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Zwischen einer unbekannten,

ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er — seit jenen Ereignissen . . . Oft

hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche tagelang in seinem Bann, oft überfiel

es ihn urplötzlich am lichten Tage — aber wiederum hatte er auch seine klaren

Tage, wie er sie nannte. Da war alles so wie früher, und das andere erschien noch

unverständlicher und schrecklicher.

Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei Lob und Dank.

Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte eine

Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student Ackermann, zurzeit Soldat. Er

schrieb für Zeitungen, um Geld zu verdienen — er schrieb auch noch ganz

andere Dinge — Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er wußte mehr, als jener

ahnen konnte.

Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er lag, strich ein Schritt

vorüber, immer auf und ab, wie ein Tier, das rastlos in seinem Käfig hin und her

geht. Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit Soldat. Er wohnte in dem

Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und seinen beiden Kindern. Vor

kurzem hatte sie wieder geboren, aber das Kind war bald nach der Geburt

gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund. Und welches Geschrei hatte es

gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und zu beißen hatten! Hähnlein und

Ackermann waren früher beim gleichen Regiment, und Hähnlein hatte

Ackermann hierher in dieses Haus gebracht. Das alles hatte Herr Herbst

Gesprächen entnommen.

„Schlafe doch!“ zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt krachte, und sie

hüstelte.

„Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen“, entgegnete die heisere Stimme

Hähnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand.

Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden

Laut.

Die Frau wimmerte.

„Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann sagt“, tröstete sie

Hähnlein. Und deklamierend fügte er hinzu: „Die Völker der Erde werden sich

erheben gegen ihre Peiniger!“

Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, bis der Tag graute.

Herr Herbst hatte sich längst daran gewöhnt. In unruhigen Nächten beruhigte ihn

dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein Leidender, wie er, dicht nebenan.

Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns

klapperte eifrig. Es konnte noch nicht spät sein, denn im Haus summten

Stimmen. Türen wurden zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre ins

Schloß, daß das ganze Haus zitterte.

Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm.

Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins

Endlose verströmend. So würde er nun sitzen müssen die ganze Nacht und

lauschen auf jedes Geräusch — auch auf jene Geräusche, die aus dem

Unbekannten kamen.

Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt hatte! Der bucklige Wirt vom „Löwen von Antwerpen“ hatte es ihm empfohlen, damals, als er den

Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße zurückzukehren. Längst

hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu forschen, alles war Fügung. Jeder

Schritt im menschlichen Leben wurde gelenkt von unbekannten Gewalten, guten

und bösen. Sinnlos, sich dagegen zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr,

er forschte auch nicht mehr — er war in der Hand des Allmächtigen, der die

Haare auf seinem Haupte gezählt hatte. Sollte es so sein!

Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu

beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein Tier . .

. obschon seine Frau leidend war — ein Tier war dieser Hähnlein.

Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und mehr,

und nur noch die Schreibmaschine hinter der Türe klapperte.

Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich — um sich zu beschäftigen, die

Nacht war lang — „Deine Zettel, deine Reden, deine . . .“ Lange Wochen war

ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was trieb er, was tat er

in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim

Januarstreik, hatte er ihn plötzlich erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah

und hörte er, wie er zu einem Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei

den Laubengärten — und was er sagte, Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel

mehr, er war — ein Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die

Zeitungen schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf

einem Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmütze. Keine

Granate mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen — und auch er lief. So

schnell wie die andern — hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst hatten sie .

. .

Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden,

die laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernünftige,

Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein Haar

besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie haltmachten. Die

Minister, was waren sie? Nun — höchst einfach — Dummköpfe und Verbrecher!

Und die Generale — höchst einfach — geputzte Narren! Und die Diplomaten —

selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie, diese jungen Leute, sie waren viel klüger als

diese Minister und Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren

sie — nun, er würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die

feindlichen Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie — ganz das

gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt

einflößte. Hat man es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus

Anarchisten, die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche

Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar?

Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? — Heilige

waren sie, nicht mehr und nicht weniger.

Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf — und sie,

diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wußten, wie alles gemacht

werden mußte. Sie ganz allein.

Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll —

In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und

sagte: Man sollte es nicht für möglich halten —

Und wütend prasselte die Schreibmaschine.

Nicht für möglich halten?

Warte nur, du, du . . . he?

Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, daß die Haare auf

deinem Haupte gezählt sind — die Fügung hast du ganz vergessen.

An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte Nacht und debattierten,

schrien, sprachen durcheinander, daß man kein Wort verstand. Neu, völlig neu

sollte die Welt erstehen!

Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war ja selbstverständlich,

daß dieser, dieser — ein Mädchen hatte, aber, daß sie dabeisaß, während es

nichts Heiliges für sie gab? Nein, nein, es störte sie gar nicht, nicht im

geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee und sagte: Bitte, meine Herren — bitte.

Und so ging es den ganzen Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine

Herren — und sie qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten

mußte, obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte,

wilde, verwegene Worte.

Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen!

Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann verließ das Haus. Sein

Schritt eilte die Treppe hinab, die Haustüre wurde ins Schloß geworfen. Bis zum

grauenden Tag würde er nun fortbleiben.

Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett.

Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, rieselte in den

Mauern, die Wände seufzten.

Ja, ganz still und dunkel.

Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß der kleine alte Mann, und

plötzlich begann er zu flüstern. Leise, oh, so leise — nur er hörte es.

„Robert — mein Sohn — Geliebter, Teurer — mein Liebling —!“

Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit entgegen.