Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 47 von 87

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Der 9. November

Kapitel 2

zu sprechen. Dann brannte es plötzlich — wie? — ein Vorhang. Wie leicht hätte

ein Unglück geschehen können! In Doras Haus, wo es nichts als Vorhänge und

Teppiche gab. Und dann — dieser Unbekannte und Dora — auf der Diele? Wer

mochte dieser Unbekannte — diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine

Rittmeister, dieser Beduine, der so heftig schwitzte — wie hieß er doch? — was

für merkwürdige Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General

forschte in seinem Gedächtnis . . .

Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick ruhte

auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den Schnurrbart,

und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und Köpfe streichen.

Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . .

Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an dieser

Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den Bleistiften,

tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre Fingernägel. Der gütige

Greis — peinlich säuberlich gekleidet, wie für die Aufbahrung — schien zu

schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er

in die durchsichtigen Kinderhände und erhob sich.

Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.

Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . .

 

2

 

Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen.

Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in einer

Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es bezaubernd.

Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der herrlichsten

Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten in ihr Coupé herab.

Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit einem langen, weißen

Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen hatte. Merkwürdigerweise trug er

eine orangefarbene Schärpe quer über der Brust, und alle Welt schien ihn mit

Neugierde und Respekt zu betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen

Ponys gezogenen Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen

bombardierte. Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute

abend — aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand in

einem Regen von Blüten. „Aber Helene“, sagte der Herr mit dem weißen Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig, und sie

begann laut zu lachen.

Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten

gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in köstlicher

Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.

Sie klingelte. „Ich werde im Bad frühstücken.“

Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, ließ sich den

himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend und

trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer war, wie

schon erwähnt, ein kleines Treibhaus — Blüten, Wärme, Düfte — weich und

schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin stand ein kleiner

Tisch mit dem Frühstück, den Zeitungen und der Post. Und Blumen, Billetts,

eine Menge Aufmerksamkeiten — das Tischchen war völlig bedeckt davon.

Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht in den Sinn.

Was für ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene Schärpe, wie

unendlich komisch!

Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber sprechen — über die

Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, und die beiden Neger — ja, es kam nur darauf

an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen Winter. Dank für

das Fest! Alle dankten, alle waren glücklich gewesen — ein paar Stunden. Eine

drollige Liebeserklärung von Hauptmann Feuerwalze. Endlich hatte sie nach

langer Zeit wieder fröhliche Menschen um sich gesehen, und so war es nun

einmal: Dora konnte nicht leben ohne Freude. Aber — sie schrak zusammen,

indessen voll spitzbübischen Vergnügens — wie leichtsinnig war sie doch

gewesen! Der Sekt — sollte es der Sekt gewesen sein —? Wie leicht hätte

jemand sie beobachten können!

Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren — eine

Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute nachher

nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über eine Reihe

ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen möchte in ihrer Erinnerung.

Wunderbar — und niemand, niemand . . .

Nur einer, oder ein paar Vertraute —

Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange bei

diesen Abenteuern zu verweilen.

Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte den

Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein — sie langweilten sie

momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später.

Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß

befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei Ströbel beschlossen hatte.

Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen begann. Ach, wie bezecht müssen sie

gewesen sein —!

Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt hatte,

gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und gerade, als sie

das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke gegangen war, leider,

abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken stachen durch die

zusammengezogenen Vorhänge.

„Ah, da bist du ja!“ sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die

Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten gesehen,

wo sie einen schamlosen Tanz aufführte, und es gab keine Worte, die ihre

Verachtung ausdrücken konnten.

„Ja, hier bin ich!“ erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen Auflachen.

Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet.

„Wo warst du eigentlich?“ fragte Klara, während sie neugierig und überrascht

die Schwester beobachtete.

„Ich?“ Wieder lachte Hedi leise und heiter. „Du hast ja nicht gewartet. Bei

Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen Kaffee,

Weißbrot, sogar Sahne!“

„Ströbel? Wer ist Ströbel?“

„Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.“

„So, und da also —?“

„Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?“ fragte Hedi lachend. „Ich,

zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause, obschon

er so reich ist — um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben den Kaffee

gebraut — und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! — aber niemand

fiel es auf.“

„Was fiel niemand auf?“

Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. „Was sagte ich? Nun — niemand fiel

es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es war einfach

schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus Kaffeetassen. Wir haben

alle Bruderschaft getrunken!“

Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch

Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr

weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas vom

Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen.

Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand.

„Nun,“ sagte Hedi triumphierend, „dieser Herr Ströbel ist nicht nur reich,

sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.“ Dies fügte Hedi ein, um Klara

zu reizen.

Aber Klara schwieg.

„Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!“ fuhr Hedi fort. „Nun, mein Liebling,

es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein Kind, und was

solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja, siehst du, auch das ist

mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft gesagt, daß ich dieses Leben hier

satt habe, diese ewige Langeweile, und eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die

ewige Kontrolle! Nein, mein Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine

Braut? Ja, natürlich hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen

. . .“

„Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark im

Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit — ein kleines Bureau werde ich haben,

und einen kleinen Empfangssalon — du staunst, wie? — und bei Ströbel selbst.

Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir gefällt. Ich bin jung, ja

Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du darfst mich besuchen, kleine Braut,

und vielleicht schenke ich dir ein Paar seidene Strümpfe —“

Ganz plötzlich schlief Hedi ein.

Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren Körper.

Klara beobachtete sie.

Was war geschehen?

Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das Leben. —

—

Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme

Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste, die

ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude zu machen.

Sie wartete nur darauf.

Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem

Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen.

Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las — nur zwei

Zeilen — und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die Aschenschale warf.

Eine feine Röte flog über ihre Wangen.

Dann trank sie ein Täßchen Kakao.

Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu

zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam, ganz

langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben? Nichts, gar nichts.

Plötzlich aber saß Dora ganz still.

Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte — ihr

schwindelte.