Der 9. November
Kapitel 13
Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind
gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist schließlich
völlig egal!
Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen —
Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt, und es
war völlig unwahrscheinlich, daß das Glück ein siebentes Mal gegen sie war.
„Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?“ fragte Otto. Gewann er, gegen alle
Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so würde er es glauben, so war es sicher . .
.
Die Bank verlor ein siebentes Mal.
„Ich werde fallen, gut!“ — Otto zählte die Scheine, die man ihm zuschob, und
steckte sie in die Tasche.
„Und ich werde sie nie wiedersehen!“
Er stand auf.
„Viertausenddreihundert — erstes Geschütz —!“ kommandierte Hauptmann
Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde dalag,
die bleiche Stirn in Falten zerknittert.
13
Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen.
Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten, in
ihren Betten, trotz der eisigen Kälte der Wohnungen. Der kalte Schweiß stand
auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die Dunkelheit. Es war nicht
mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts aufschrie — weißt du noch, am
Anfang des Krieges? In jeder Nacht gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und
Höfen, furchtbares Jammern und verzweifeltes Schluchzen — die Depeschen
regneten herab auf die Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte,
dein Geliebter, der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen — und die
Riesenstadt schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, summte
noch in der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge und bärtige Männer
stürzten sich hinaus —
Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten Finger in die Brust
geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flüsterten — einen Namen.
Still lag die große Stadt und dunkel.
Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen emporloderten und den Himmel röteten, früher, nur noch scheue Lichtnebel über der
unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und winselnd rollten die
Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die Transporte, die des Nachts in
die Stadt schlichen, in die halbdunkeln Bahnhöfe, und die blutenden Menschen
von den Schlachtfeldern brachten. Dieselben, die mit Blumen geschmückt die
Stadt verlassen hatten. Der Tag durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten
schwankten über die hohen, verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten
hin und her, Automobile schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen durch die
Straßen, hin und zurück, hin und zurück. Dann erloschen die Bahnhöfe und
versanken in die Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe
sie . . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über die verstaubten
Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder schlichen die
Automobile auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und
zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht.
Schon winselt ein neuer Zug — und viele sind noch unterwegs, weit draußen
zwischen den Kartoffeläckern und Rübenfeldern, über die der Regen fegt. Viele,
Abertausende —
In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der Stadt.
Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten durch
die Vorstädte, immer weiter, bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten beladen. Darin
liegen sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne Kleider, ohne Stiefel,
ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr. Es ist Anfang Februar des
Jahres 1918 —
Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die
Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Häusern hängen windschief die
Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen sind nicht
mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In der finstern Nacht
kommen die Schatten zurück, sitzen an den Schreibtischen der Bureaus,
schleichen durch die leeren Magazine. Schatten wimmeln die Treppen herab,
Boten, Briefträger, gefallen. Straßenkehrer fegen die finstern Straßen, gefallen.
Schatten von Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten
dahin, die die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse
gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten in die tote
Riesenstadt zurück.
Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht, die
leichenhaften Riesenbuchstaben an den Häuserwänden starren auf ihn, sie
winken, sie lächeln so eigentümlich — ach!
Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, eilig. Ein Sturmschritt,
der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf: schauerlich hallt die Stimme