Der 9. November
Kapitel 3
Heute nacht . . .
Heute nacht also . . .
Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie lachte.
Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . .
Heute nacht — die Tänzerin, die Neger, die Vermummten — alles wirbelte
vor ihren Augen.
Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen.
Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden gerichtet.
Vielleicht war er schon tot —
Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich
langsam mit Tränen.
Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie verzeihen, daß
er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere. Immerhin, ein Mann,
der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie sentimental war und nie
eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei
Gott, das tat er nicht. Der spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand
vor ihr.
Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen Gedanken
konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem Augenblick bitter
haßte — leiden sollte er nicht! Und doch, ein abscheuliches, verruchtes Gefühl
triumphierte in ihr, ganz wider ihren Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch
dich hat die Granate zerrissen!
Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.
Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit strahlte.
Dann klingelte sie eilig der Zofe.
3
Und nun los, Heinz!“
Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz.
Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein.
Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze,
und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen entgegen.
Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag unter der linken
Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine, kaum zu merken, ganz
wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden.
Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der
Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke des
rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird langsamer und
langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich plötzlich rückwärts zu
bewegen.
Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern den
Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.
Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und
Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein
Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den
Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte Teppich da
unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen kleine, verwehende
Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt, oft in Gruppen,
milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve drängen sie sich dicht
zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen sie ohne Pause auf — das
sind die Gräben.
Merkt er etwas?
Morgen, morgen, geht das Gerücht!
Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!
Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter
Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die
den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden
feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther.
In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab. Meerheim
patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine Maschine, wenn
sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war die Front kaum noch
zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur zuweilen warf der Gürtel der
Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken aus. Am Horizont ringsum blitzten
die Messer der feindlichen und deutschen Batterien. In der großen Weite war
kein Flugzeug zu sehen, nur nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von
Maschinen, die aber bald verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein,
und er wünschte nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen.
Er glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch
ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm dahin.
Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein schimmerndes
Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee brodelten ihm entgegen,
Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten seiner Maschine jagte über
glitzernde Gletscher.
Heinz begann zu singen.
Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen. Laut
und inbrünstig hingegeben sang er: „Deutschland, Deutschland über alles.“ Er
sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der Schule berauscht hatte.
Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und Brausen des Motors seinen
hellen Tenor.
Dann sang er die „Vöglein im Walde“.
Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.
Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor seinen
Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den Äther
dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu schildern.
Ja, heute, heute — vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen, einen
Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran, als Sieger aus
diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er war kühn, er
fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester Liebe für sein
Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein?
Dort? Dort? Schon jagte er hin —
Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu
seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein persönliches Pech,
daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte.
Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der Sekunde
wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in eine der
schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis und kalten
Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu werden. Wieder
lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich, und Heinz nahm den
Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont.
Was aber gibt es? Was ist geschehen?
Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig pendeln die
Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet. Die Maschine
stürzt . . .
Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel ein
Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich in die
Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen wie ein
furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende Maschine des
Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu bringen.
Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich löst
sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper — verschwindet rasch, wie ein Punkt
in der Tiefe.
Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die Wolke zurück. —