Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 48 von 87

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Der 9. November

Kapitel 3

Heute nacht . . .

Heute nacht also . . .

Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie lachte.

Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . .

Heute nacht — die Tänzerin, die Neger, die Vermummten — alles wirbelte

vor ihren Augen.

Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen.

Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden gerichtet.

Vielleicht war er schon tot —

Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich

langsam mit Tränen.

Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie verzeihen, daß

er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere. Immerhin, ein Mann,

der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie sentimental war und nie

eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei

Gott, das tat er nicht. Der spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand

vor ihr.

Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen Gedanken

konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem Augenblick bitter

haßte — leiden sollte er nicht! Und doch, ein abscheuliches, verruchtes Gefühl

triumphierte in ihr, ganz wider ihren Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch

dich hat die Granate zerrissen!

Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.

Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit strahlte.

Dann klingelte sie eilig der Zofe.

 

3

 

Und nun los, Heinz!“

Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz.

Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein.

Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze,

und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen entgegen.

Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag unter der linken

Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine, kaum zu merken, ganz

wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden.

Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der

Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke des

rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird langsamer und

langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich plötzlich rückwärts zu

bewegen.

Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern den

Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.

Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und

Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein

Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den

Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte Teppich da

unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen kleine, verwehende

Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt, oft in Gruppen,

milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve drängen sie sich dicht

zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen sie ohne Pause auf — das

sind die Gräben.

Merkt er etwas?

Morgen, morgen, geht das Gerücht!

Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!

Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter

Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die

den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden

feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther.

In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab. Meerheim

patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine Maschine, wenn

sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war die Front kaum noch

zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur zuweilen warf der Gürtel der

Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken aus. Am Horizont ringsum blitzten

die Messer der feindlichen und deutschen Batterien. In der großen Weite war

kein Flugzeug zu sehen, nur nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von

Maschinen, die aber bald verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein,

und er wünschte nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen.

Er glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch

ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm dahin.

Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein schimmerndes

Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee brodelten ihm entgegen,

Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten seiner Maschine jagte über

glitzernde Gletscher.

Heinz begann zu singen.

Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen. Laut

und inbrünstig hingegeben sang er: „Deutschland, Deutschland über alles.“ Er

sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der Schule berauscht hatte.

Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und Brausen des Motors seinen

hellen Tenor.

Dann sang er die „Vöglein im Walde“.

Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.

Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor seinen

Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den Äther

dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu schildern.

Ja, heute, heute — vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen, einen

Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran, als Sieger aus

diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er war kühn, er

fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester Liebe für sein

Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein?

Dort? Dort? Schon jagte er hin —

Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu

seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein persönliches Pech,

daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte.

Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der Sekunde

wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in eine der

schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis und kalten

Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu werden. Wieder

lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich, und Heinz nahm den

Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont.

Was aber gibt es? Was ist geschehen?

Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig pendeln die

Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet. Die Maschine

stürzt . . .

Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel ein

Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich in die

Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen wie ein

furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende Maschine des

Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu bringen.

Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich löst

sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper — verschwindet rasch, wie ein Punkt

in der Tiefe.

Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die Wolke zurück. —