Der 9. November
Kapitel 2
Krachend stürzt die Front, die Erde hört es — und noch immer kämpft die
Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß
alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen und
Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des Ackers, die
Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß von drei
Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden Geschlechtern — alles
verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen Schoßes — dahin, Millionen von
Säuglingen — eine Beute des Hungers. Alles — dahin! Das Gehirn unter der
Schädeldecke, der Schlaf der Nächte — dahin! Ausgespielt die hohe Karte,
gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit — und noch immer kämpft die
Armee.
Die Angebeteten und Vergötterten — bis zum letzten Einsatz! — und dann, ja,
dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.
Auf Gnade und Ungnade.
Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen, Atem
schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch etwas
entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. Er wird in
den Archiven und Bibliotheken wühlen — nein, es ist Ihnen nichts entgangen,
fahren Sie ruhig fort. —
2
In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein, die
seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die vierzig
Räuber — ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen könnte! Ohne
jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher Orden das ganze
Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der Nacht, gegen drei Uhr,
der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung gehabt. Die Lokomotiven
blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke liegen, man hatte die kupfernen
Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen und sie durch eiserne ersetzt.
Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem
längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester herausbitten.
„In großer Eile, Adele!“ sagte der hohe Herr — auf englisch, die Geschwister
sprachen nur englisch zusammen — „Ich komme, um zu gehen. Ich habe die
ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin erkältet, und einen kleinen Imbiß.
Und dann, keine Störung, bitte, nicht die geringste — sehr wichtige Geschäfte
— fahre mit dem Mittagszug wieder zurück . . .“ Trocken und hastig klang seine
Stimme.
Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von
Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein ungebärdiger
Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 geboren, gestorben
1553, begraben in Bologna — ungebärdig, er hatte das Tischchen in Stücke
gerissen. Zurzeit aber — größtes Ereignis aller Sitzungen des Jahres! — hatten
sie Verbindung mit dem Geiste eines erhabenen Verblichenen, dem Geiste
Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen, Prophezeiungen der größten Tragweite . .
. vielleicht interessiert dich das Protokoll?
Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die
Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen — ganz im Gegenteil. So schnell ihn
die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu seinen
Gemächern empor.
Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick
deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: „Ich bitte Durchlaucht,
unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .“
Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn eingeschlafen
in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber erwachte er. „Die Koffer?“
„In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.“
„Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück“ — und er
verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen waren.
Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen,
Skulpturen, herrliche alte Möbel — die Wohnung war ein Museum! Selbst in
dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der hohe
Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken Wachsschicht
überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten sich rasch über
den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die kleinen wächsernen
Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen, steifen Schrittchen ratlos
über das gleißende Parkett des Museums, immer hin und her. Er schlürfte eine
Tasse Tee, dann flüsterte er: „Und nun wollen wir anfangen!“ Und seine steile
Glatze verschwand zwischen den Portieren des Arbeitszimmers.
Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel, den er
bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische Renaissance-Truhe. Ihr
entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er einen Mahagonisekretär auf,
ein herrliches Stück, Empire, französisch, schwarze Ebenholzsäulen, von
goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen auf, Schubladen öffneten sich.
Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.
„Anfangen, ja anfangen —!“ Aber wie, wo? „Richelieu sagt einmal —“
Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im letzten
Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.
Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa — in den
Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden, gänzlich
unscheinbar — in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in den Koffer. Eine
Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die Zerstörung Jerusalems, mit
Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem Kruzifix, Gold und Email — in
den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis zum Rand gefüllt mit Ordenssternen —
in den Koffer. Die Mappe mit Handzeichnungen, drei kleine Niederländer —
herrlich eigneten sich die alten Brokate zum Einhüllen — wieder ein Schluck
Tee. Eine Börse voller Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben —
weshalb nicht? Sie nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das
Prunkstück an die Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar,
spanisch — außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen,
eingehüllt, in den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen — wie?
Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte zwischen
Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie fettig, aber das war
der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt verschwand sie in das
Ankleidezimmer — kam zurück, entstellt, fast doppelt so lang, die Wangen
eingefallen, die Lippen faltig — das Gebiß hatte geschmerzt.
Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von
vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin, als ob
er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem Empiresekretär. Aber,
nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach eingeschlossen hatte, nahm
er es wieder heraus — in den kleinen Koffer.
Briefe, Schriftstücke — das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie
gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand einzuschlagen,
zu umschnüren — prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte im Feuerschein, als
schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände . . .
Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix und
fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen geschlossen —
nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!
Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der eine
Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die kleine Exzellenz
schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem Gesäß gegen den Deckel
— so, siehst du, alles geht.
Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil — mit einem
unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch von der
Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß die Wachsmaske
in dem Abteil voller Koffer — das solid verschnürte, große, flache Paket in
gelbem Packpapier nicht zu vergessen — die Augen und schlief ein . . .
Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme
Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons! Der
Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und rauchender
Nebel.
Da! Ei, ei — was ist das?
Schüsse?
Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte — oder?
Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete die
Türe des reservierten Abteils.
„Ich bitte — Schaffner?“
Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in Pumphosen.
„Ich bitte sehr — wir halten?“
„Ja, der Bahnhof ist besetzt.“
„Besetzt —?“
„Ja, besetzt.“
„Aber — von wem besetzt?“
„Von den Aufständigen.“
„— von den Aufständigen?“
„Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.“
„— übergegangen, so, so.“
„Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.“
„— Waffen ab.“
„In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.“
„Danke, liebe Frau — ich bitte!“ Und der vornehme Reisende drückt der
Schaffnerin ein Goldstück in die Hand — ohne Übertreibung, ein Goldstück! —
und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück.
„So, so!“ Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar
große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes Batisttaschentuch tastet
nach ihnen.
Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem
schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße Teller fort.