Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 79 von 87

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Der 9. November

Kapitel 2

Krachend stürzt die Front, die Erde hört es — und noch immer kämpft die

Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß

alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen und

Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des Ackers, die

Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß von drei

Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden Geschlechtern — alles

verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen Schoßes — dahin, Millionen von

Säuglingen — eine Beute des Hungers. Alles — dahin! Das Gehirn unter der

Schädeldecke, der Schlaf der Nächte — dahin! Ausgespielt die hohe Karte,

gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit — und noch immer kämpft die

Armee.

Die Angebeteten und Vergötterten — bis zum letzten Einsatz! — und dann, ja,

dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.

Auf Gnade und Ungnade.

Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen, Atem

schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch etwas

entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. Er wird in

den Archiven und Bibliotheken wühlen — nein, es ist Ihnen nichts entgangen,

fahren Sie ruhig fort. —

 

2

 

In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein, die

seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die vierzig

Räuber — ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen könnte! Ohne

jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher Orden das ganze

Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der Nacht, gegen drei Uhr,

der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung gehabt. Die Lokomotiven

blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke liegen, man hatte die kupfernen

Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen und sie durch eiserne ersetzt.

Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem

längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester herausbitten.

„In großer Eile, Adele!“ sagte der hohe Herr — auf englisch, die Geschwister

sprachen nur englisch zusammen — „Ich komme, um zu gehen. Ich habe die

ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin erkältet, und einen kleinen Imbiß.

Und dann, keine Störung, bitte, nicht die geringste — sehr wichtige Geschäfte

— fahre mit dem Mittagszug wieder zurück . . .“ Trocken und hastig klang seine

Stimme.

Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von

Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein ungebärdiger

Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 geboren, gestorben

1553, begraben in Bologna — ungebärdig, er hatte das Tischchen in Stücke

gerissen. Zurzeit aber — größtes Ereignis aller Sitzungen des Jahres! — hatten

sie Verbindung mit dem Geiste eines erhabenen Verblichenen, dem Geiste

Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen, Prophezeiungen der größten Tragweite . .

. vielleicht interessiert dich das Protokoll?

Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die

Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen — ganz im Gegenteil. So schnell ihn

die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu seinen

Gemächern empor.

Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick

deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: „Ich bitte Durchlaucht,

unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .“

Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn eingeschlafen

in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber erwachte er. „Die Koffer?“

„In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.“

„Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück“ — und er

verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen waren.

Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen,

Skulpturen, herrliche alte Möbel — die Wohnung war ein Museum! Selbst in

dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der hohe

Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken Wachsschicht

überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten sich rasch über

den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die kleinen wächsernen

Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen, steifen Schrittchen ratlos

über das gleißende Parkett des Museums, immer hin und her. Er schlürfte eine

Tasse Tee, dann flüsterte er: „Und nun wollen wir anfangen!“ Und seine steile

Glatze verschwand zwischen den Portieren des Arbeitszimmers.

Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel, den er

bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische Renaissance-Truhe. Ihr

entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er einen Mahagonisekretär auf,

ein herrliches Stück, Empire, französisch, schwarze Ebenholzsäulen, von

goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen auf, Schubladen öffneten sich.

Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.

„Anfangen, ja anfangen —!“ Aber wie, wo? „Richelieu sagt einmal —“

Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im letzten

Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.

Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa — in den

Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden, gänzlich

unscheinbar — in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in den Koffer. Eine

Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die Zerstörung Jerusalems, mit

Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem Kruzifix, Gold und Email — in

den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis zum Rand gefüllt mit Ordenssternen —

in den Koffer. Die Mappe mit Handzeichnungen, drei kleine Niederländer —

herrlich eigneten sich die alten Brokate zum Einhüllen — wieder ein Schluck

Tee. Eine Börse voller Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben —

weshalb nicht? Sie nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das

Prunkstück an die Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar,

spanisch — außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen,

eingehüllt, in den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen — wie?

Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte zwischen

Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie fettig, aber das war

der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt verschwand sie in das

Ankleidezimmer — kam zurück, entstellt, fast doppelt so lang, die Wangen

eingefallen, die Lippen faltig — das Gebiß hatte geschmerzt.

Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von

vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin, als ob

er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem Empiresekretär. Aber,

nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach eingeschlossen hatte, nahm

er es wieder heraus — in den kleinen Koffer.

Briefe, Schriftstücke — das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie

gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand einzuschlagen,

zu umschnüren — prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte im Feuerschein, als

schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände . . .

Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix und

fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen geschlossen —

nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!

Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der eine

Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die kleine Exzellenz

schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem Gesäß gegen den Deckel

— so, siehst du, alles geht.

Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil — mit einem

unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch von der

Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß die Wachsmaske

in dem Abteil voller Koffer — das solid verschnürte, große, flache Paket in

gelbem Packpapier nicht zu vergessen — die Augen und schlief ein . . .

Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme

Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons! Der

Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und rauchender

Nebel.

Da! Ei, ei — was ist das?

Schüsse?

Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte — oder?

Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete die

Türe des reservierten Abteils.

„Ich bitte — Schaffner?“

Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in Pumphosen.

„Ich bitte sehr — wir halten?“

„Ja, der Bahnhof ist besetzt.“

„Besetzt —?“

„Ja, besetzt.“

„Aber — von wem besetzt?“

„Von den Aufständigen.“

„— von den Aufständigen?“

„Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.“

„— übergegangen, so, so.“

„Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.“

„— Waffen ab.“

„In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.“

„Danke, liebe Frau — ich bitte!“ Und der vornehme Reisende drückt der

Schaffnerin ein Goldstück in die Hand — ohne Übertreibung, ein Goldstück! —

und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück.

„So, so!“ Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar

große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes Batisttaschentuch tastet

nach ihnen.

 

Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem

schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße Teller fort.