Der 9. November
Kapitel 3
Sie —! Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie Soldat gewesen?“
„Nein.“
„Nun, da haben wir’s. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es zugeht.
Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.“
„Sie selbst haben doch —“
„Ja, leider Gottes habe ich — aber bedenken Sie doch, was Sie verlangen!
Eine Audienz! Hunderte warten darauf — wochenlang! Ich muß nun offen mit
Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie schon — Ein General!
Bedenken Sie — und wer sind Sie? — Ich will Ihnen nicht zu nahe treten —
aber wer sind Sie — oder ich —? Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht
antworten.“
„Überhaupt nicht —?!“ rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus und
hob die Hände.
„Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.“
„Aber mein Sohn — es handelt sich ja —“
„Möglich — alles möglich — Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das
Leben nicht. Aus der Provinz —“
Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Türe: „Nun,
dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!“ sagte er entschlossen.
„Um Gottes willen!“
„Wenn er aber auch darauf nicht antwortet — wissen Sie, was ich dann tue
—?“ Herr Herbst versank in Nachdenken.
„Nun, nun — wer sollte es für möglich halten —?“
Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung.
„Nun jedenfalls ein neues Gesuch — ja ja — morgen schon! Ich kann doch
wohl verlangen — Als Vater habe ich doch ein Recht — ein Recht —“
Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. „Ein
Recht! Ein Recht!“ schrie er.
„Weshalb nicht, als Vater?“ fragte Herr Herbst, schon wieder ganz zaghaft und
entmutigt.
„Hahahaha — ehek, ehek!“
Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich
ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen.
3
Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen
Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein sonderbares
Behagen, obschon dieser Korridor genau so häßlich, kahl und übelriechend war
wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in etwas unterschied er sich
von den andern Korridoren: er vibrierte unaufhörlich von den Maschinen, die im
Erdgeschoß arbeiteten. Sie erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie.
Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen die
Wand gedrückt stehen, sobald der General in ihre Nähe kam. Sie wandten den
Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber war. Und selbst
dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach. Jetzt erst setzten sie sich,
den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder in Bewegung. Die Offiziere, die das
Unglück hatten, zufällig über den Korridor zu gehen, blieben stehen und
machten ihre respektvolle Verbeugung. Und der General hob den Finger an den
Mützenrand, wie täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm
zurückwichen, anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die
Steinfliesen, die abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es
sah aus, als ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte.
Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht schleuderten
die Rotationsmaschinen Stöße von Kartenblättern heraus, die, zu großen, nach
Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehäuft, nach und nach sämtliche
Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es waren Karten von allen
denkbaren und undenkbaren Ländern, vom Eismeer bis zum Äquator — soweit
die scharfen Augen der Generale blickten.
Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in
diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den Peipussee
vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im Osten, die schon sein
großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. — Übrigens, kurios, der Portier,
dieser alte Veteran, er sah dem alternden Moltke etwas ähnlich, natürlich nur
ganz entfernt, soweit ein aus dem Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter
überhaupt einem Heerführer ähnlich sehen kann. — Diese Linie, ja, und im
Norden mußte ein erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der
Verbündete werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden
hineingehen.
Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk
nur ein Provisorium war . . .
Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt eines
Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas gestört. Was war
es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte durch sie hindurch!
Da war er also wieder, seht an . . .
Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil er
so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur — ein
sonderbarer Zufall — einen Zipfel dieses Mantels verschwinden sah, konnte er
doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen Soldaten war, der nachlässig,
unsoldatisch, mit einem Wort vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen
Stimmungen hatte er in dem Flattern dieses Mantels sogar etwas
Herausforderndes erblickt — eines jener Symptome des Abbröckelns der
Disziplin, gegen das er in ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte — schon an der
Front, was ihm von gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde.
Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm nicht
entgehen.
Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der
General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel stand an
der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der General in Sicht kam.
Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren
vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein Alter
auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem Gesicht
auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und außerordentlich sanft. Es
waren die sanftesten Männeraugen, die der General jemals gesehen hatte. Und
der ganze Bursche, bleich und schlecht genährt, wie die meisten Ordonnanzen
und Schreiber, die sich im Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche
machte einen ebenso sanften und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen
Haare waren etwas zu lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses
Mannes war ohne jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines
Gesichts — ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte
— oder täuschte er sich — ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche
Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht.
Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe — so wie man eine
Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit, wurde nicht
unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht, seine Lider bewegten
sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und gleichgültig.
Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten
gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals — keine
Angst, nicht die geringste.
Hm!
Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann
gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es war ein
Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah — ein Gesicht aus vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, von Mönchen, Poeten und
sonstigen Schwärmern.
Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor.
Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten:
„Wie heißen Sie?“ — „Ackermann.“
„Was sind Sie?“ — „Hilfsschreiber!“
„Zivilberuf?“ — „Student!“
„Wo verwundet?“ — „An der Somme!“
Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an.
„Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren Mantel
vorschriftsmäßig zuknöpfen!“
Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen.
„Nachher, mein Sohn“, sagte der General wieder milder und ging.
Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre.
Etwas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung.
Ottos verletzte Hand war soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen dürfte
Otto wieder völlig hergestellt sein.
„Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch beeinflußt werden
könnte?“
Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in Überlebensgröße.
Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol auszuströmen. Wenn man ihm
mit einem Streichholz zu nahe kam — um Gottes willen, seien Sie vorsichtig! —
so würde er lichterloh in Flammen stehen, augenblicklich — diese etwas
peinliche Empfindung hatte der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden
Augenblick der Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller
landen, bei den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren
Länder ausspien.
Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel gekommen. Ströbels
Herrenabende — die Saharet zählte gar nicht — pflegten sich stets bis zum
Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen. Dann
badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka gab es bei Ströbel,
Brötchen mit Butter — einfach alles. Zuletzt noch einen Kognak — und dann
los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden. Augenblicklich hatte
Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten gehörte, seine „Maßnahmen
ergriffen“. Alles telephonisch. Er wollte ins Lazarett fahren, sobald eine Minute
Zeit war. Er wußte, was man von ihm forderte —
Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu
werden — und dann: wenn Anmeldungen vorliegen?
„Der Herr von der Presse.“
„Ich bitte!“ Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden.
Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und
Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles, was
mit diesem Gewerbe zu tun hatte — all diese entgleisten Studenten, Gelehrten
und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, die öffentliche Meinung machen
zu wollen.
Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite
Goldrahmen des großen Kaiserbildes an der Wand glänzte. Sonst war der
Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner Majestät,
mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen, Tressen und
Schnüren funkelnden Brust.
Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhänge an den
hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wände — zuweilen wichen sie zurück,
wenn der General arbeitete — in weite Fernen, und es schien ihm dann, als säße
er in einem endlosen Nebel.
Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild — täglich tauschte er Blicke
mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten Mantel
erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat — genau wie auf
den alten Ölgemälden —
Schon trat der Herr von der Presse ein — mit einem feierlichen Bückling, bis
zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des Generals ermutigte ihn
näher zu treten.
Weißbach unterbrach die Unterhaltung.
„Das Regiment“, meldete er. „Befehlen Herr General das Gespräch hier
hereinzulegen?“
„Ich bitte — es wird wohl nicht stören?“ Der Herr von der Presse wußte das
außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen.
Und der General begann in das Telephon zu schreien: „— schon unterrichtet
— jawohl — eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis morgens um sechs Uhr
dauerte —“ Und nun lauschte der General und verbeugte sich am Telephon. Der
Regimentskommandeur drückte die Hoffnung aus, seinen tapfersten Offizier
bald wiederzusehen. Er sagte ausdrücklich: tapfersten — hier verbeugte sich der
General — und wieder heulte der General in das Telephon. „Stimmung
ausgezeichnet, sagen Sie — prächtige Laune — Zuversicht — es wird ja wohl
bald wieder vorwärtsgehen —“ und wieder lachte der General in das Telephon.
„Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurück, klemmt sich