Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 22 von 87

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Der 9. November

Kapitel 7

Ähnlichkeit mit dem General — sonst keine, nicht die geringste.

Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich errötete er wie ein

Verliebter.

Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte

niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol — es war die Wahrheit: er liebte

die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn eigentlich wollte er

sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling zu sehen, wie er Ruth nannte.

Ihr Anblick erwärmte sein Herz. Sie selbst hatte ihn ja hierher gebracht, in diese

Küche. Auf diese Weise hatte er überhaupt erst diese Küche entdeckt.

Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf

den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden.

Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden!

Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen.

„Wir tun, was in unseren Kräften steht“, suchte Ruth ihn zu beruhigen.

Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: „Ich bezahle ja, mein Geld

ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage, Fräulein —?“

Verzweifelt rührte er mit der Gabel zwischen den Kohlblättern. „Ich habe für

fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben, Fräulein — und wo ist das

Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein Fleisch — ich habe Anspruch. — Wo ist

mein Fleisch — mein Fleisch — mein Fleisch —!?“

„Ich werde sehen“, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur Küche.

Der Havelock atmete auf.

Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel in der Türe — und

sofort rückte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging.

 

7

 

Ja, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese Küche geführt — sehr

einfach — obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . .

Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es sah

aus, als schwimme er, aufrecht stehend, so unmöglich das ist. Er trippelte und

schlürfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter eine Kleinigkeit geneigt.

Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte nur auf einer Bank im Tiergarten ein

kleines Nickerchen getan, im Regen — nun fühlte er seine Beine und Füße nicht

mehr.

Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von selbst. Er rollte auf einer

kleinen Wolke dahin, nicht größer als ein gefüllter Kartoffelsack. Zuweilen

spürte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er konnte auf dieser kleinen Wolke auch

ausbiegen, nach links, nach rechts, ohne jede Mühe —

Ja, sie selbst — seine Tochter, das gnädige Fräulein.

Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem Zug von gierigen

Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, und die Zigarren steigen im Preise,

während sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und sprach mit einem

Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht die Höhe von Quatre

vents, er kannte nicht Roberts Bataillon, das am 5. August stürmte, aber er

kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger mit Namen, und der General

war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert! Wie? Hier? Welch ein Zufall!

Wieviel hundert Soldaten hatte er angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen

Kraftfahrer in den Weg!

Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die Tage.

Ja! Dieses Gesicht —!

Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, die man nie sah!

Dieser Gang — und der tiefe Bückling des Portiers! — ohne jeden Zweifel: er

war es! Robert hatte ja ausführlich aus dem Felde geschrieben: Wir marschierten

vorüber, und unser General stand auf der Treppe seines Schlosses und grüßte. Er

und kein anderer! Wie aus einem Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also

war er, den die Soldaten — nun, besser, das Wort nicht auszusprechen —

nannten! So sahen die aus, die befahlen: Nur über unsere Leichen führt der Weg

zur Höhe! — Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche.

Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das Labyrinth der Straßen.

Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an!

Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung — schon zwei

Tage später stand der Havelock vor Stifters Diele. Und plötzlich grüßte er, und

der General hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er, er hatte eine

Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß er den General grüßen könnte —

grüßen durfte. Es war gewiß anmaßend, unhöflich. Nach drei Tagen — er hatte

nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst — nach drei Tagen schon wußte er, wo

der General wohnte.

Dieses Haus — Sie erlauben wohl — kannte er ganz genau, jedes Fenster und

die kleinsten Risse in der grauen Mauer. Das Haus erschien ihm im Traum — als

ein Gesicht aus grauem Stein. Er kannte auch das efeubewachsene

Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dönhoff. Er kannte den Zebrakittel,

Petersen — alles liebe Menschen, gesprächig —

Der Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke über den Belle-Alliance-Platz,

 

unter der Hochbahn hindurch, die Blücherstraße hinab.

Hier glitt er an einem schmalen, gelben Hause einigemal hin und her, blickte

nach oben zur dritten Etage, wo die Rolläden herabgelassen waren. Dieses Haus,

diese Etage schien ihn ungemein zu interessieren — anzuziehen, abzustoßen . . .

Seine Schultern krümmten sich zusammen, er ächzte, plötzlich fühlte er die

Last wieder, die ihn zu Boden drückte, die er ewig mit sich schleppte durch die

endlosen steinigen Straßen Berlins.

Dann aber wandte er entschlossen um und rollte wieder die Blücherstraße

hinauf.

Da aber blieb die Wolke stehen und war nicht mehr vorwärts zu bewegen. Im

nächsten Augenblick — schon war er drinnen. Ein Gläschen, noch eines und ein

drittes! Schon war er wieder auf der Straße.

Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlägen an der Türe,

die unausgesetzt geputzt und poliert wurden von den beiden Burschen, war

täglich eine junge Dame gekommen. Heute, morgen, jeden Tag. Seht an!

Eine Zigarre gefällig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen — immer fleißig, ein

schöner Wintertag . . .

Nun kannte er Jakob und Wangel. Mit Jakob kam er öfter ins Gespräch. Außer

Ruth war auch noch ein Sohn da, Otto, Oberleutnant, im Felde, und die Frau des

Herrn Generals — tot, ja, tot, seit Jahren.

Jeden Tag aber ging das gnädige Fräulein in die Dorotheenstraße und

verschwand in einem Torbogen. Schließlich wagte er es, ihr zu folgen. Auf diese

Weise hatte er die Küche in der Dorotheenstraße entdeckt.

Täglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des Generals, sehen! Da

stand sie, dicht neben ihm — Fleisch von seinem Fleisch, Blut von seinem Blute.

Der Haß kochte, die Gelüste nach Vergeltung fraßen . . .

Er beschloß, sie zu beleidigen! Vor allen Gästen! Vielleicht würde er ihr einen

Teller vor die Füße werfen, aber so, verstehen Sie, daß er in tausend Stücke

zersprang. Weshalb eigentlich? Ja, unerklärlich — hatte sie ihm etwas getan?

Tagelang brütete er, schmiedete er Pläne. Vielleicht würde er einen Teller mit

Kohlgemüse über ihre Schürze schütten? Eine herrliche Idee! Aber da ergab sich

die Sache ganz von selbst.

Der Havelock blieb stehen und verschnaufte. Ob er in jene Kneipe gegenüber

gehen sollte?

Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fügte es sich, daß sie dicht

neben ihm an einem Tische plauderte. Nun aber kam das Schmachvolle —