Der 9. November
Kapitel 5
Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und zündete sich
gemächlich eine Zigarette an. Er machte sogar noch einen unnötigen Umweg.
„Diese Hedi!“ Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase.
Wie der General verachtete auch Otto im Grunde seines Herzens die Frauen.
Er kaufte eine Abendzeitung und durchflog sie unter einer Laterne.
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Heinz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station der Untergrundbahn
geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, daß es etwas später werden könnte,
trotzdem . . .
Es war die Stunde des Geschäftsschlusses.
Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt wird. Ströme von
Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, von den Dächern und den
tausendfenstrigen Hauswänden. Der Schmutz wälzte sich über die Straßen und
stieg in den durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die Menschen in
ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte und Hunger, quollen aus
den frostigen Häusern und stürzten hinab in die windigen Kamine, die zur
Untergrundbahn führen. Sie stauten sich auf den Bahnhöfen, geballt zu einer
Wolke von Bitterkeit und Wut. Die überfüllten Züge fegten, triefend von Dunst
und Schmutz, mitten hinein in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen
und Scheiben warfen, um nicht auf den finstern, feuchten Perrons zurückbleiben
zu müssen.
Die Schaffnerinnen — ihre Männer waren im Feld, faulten längst in den
Massengräbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu Hause in
einer kalten Stube — die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs Blut von den
jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden Menschenmassen,
schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, als ob sie erdolcht würden. (Und ach,
sie wurden erdolcht, jede Minute stieß ihnen unbarmherzig das Messer ins
Herz.)
Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch die dunkeln
Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. Sie schwiegen. Sie fürchteten
Spione und Agenten. Sie fürchteten den Terror der Albernheit. Sie lächelten und
lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis dicht vor sich, um sich, über sich,
wo am Dach des Wagens sich all die Dünste der zusammengedrängten
Menschenmassen stauten. Dieses Verhängnis, dessen Widerschein in allen Augen glänzte, begleitete sie durch die finsteren Tunnels, über die klirrenden
Brücken und flutete mit ihnen über die menschenwimmelnden Perrons. Flogen
die Züge in die Stollen hinab, so war es für viele, als ginge es in die Hölle mit
ihnen, und der kalte Schweiß trat auf ihre Stirn.
Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese drei
Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter hindurch
tapfer verteidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich breiteten sie sich
mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock um Häuserblock,
Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel um Stadtviertel, und drangen langsam
zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst war noch die Grippe
dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich Menschen ansammelten.
Es machte alle Fahrten auf den überfüllten Untergrundzügen mit. Die Passagiere
husteten sich gegenseitig den Tod ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute
ihre letzte Fahrt. Mit Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge
Exemplare aus, es liebte zartes Fleisch. Sie starben von der Berührung. Die
Alten brachte es nur um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines
Tages, entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, ganz von
selbst stürzen würden.
Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein Paar grober Fäuste
schleuderte ihn zurück. Selbst beim nächsten Zug verdankte er es nur seinem
freundlichen Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen, daß man ihn
mitnahm.
Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen Minuten würde er
sie sehen!
Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, mit einer
ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in der Mitte, gewiß ist sie nichts, aber sie
kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in der Kirche.
Zuweilen, wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis verblaßten, sehr
selten geschah es — die grüne Wollmütze blieb zurück, keine Macht konnte sie
ihm entreißen. Und allmählich, wie durch einen Zauber, fügten sich dann wieder
Haar, Wangen, Ohr — alles daran.
Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, als er den
Bahnhof verließ — weithin, wie ein Scheinwerfer. Und doch war es nur ein
handgroßer Fleck von Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein einer Laterne.
Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang Heinzens Blick, als ob die
Menschen transparent wären, er sah seine Dame von den Schuhen bis zur
Wollmütze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in einem Knäuel von
Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand. Das war jedenfalls ganz
wunderbar. Er erkannte die Linie ihres anliegenden Jacketts, er sah sogar, daß sie ein Päckchen am Finger trug.
Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht gerufen. Sie
blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke begegneten sich durch das
Gewimmel. Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher, es wurde leuchtender und
strahlender, überblendete Menschenschatten, Finsternis und schmutzige Straße,
und endlich glänzte es dicht vor ihm. Es hatte sich nun wiederum auf seine
Quelle zurückgezogen. Es leuchtete aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen
Zähnen, aus ihren Wangen und selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen
einige Regentropfen wie Tau glitzerten.
Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. Es war völlig einerlei,
was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen, die durcheinander
klangen.
„Sie haben — du hast —“
„— tausendmal Verzeihung jedenfalls — meine Cousine wollte mich
Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine Kampfstaffel führt —“
Die grüne Wollmütze glitt die Straße hinab, die seidene grüne Quaste
baumelte hin und her.
Wie wunderbar frisch ihre Halskrause ist, dachte Heinz und wie fest ihr
Jackett um die Hüfte schließt. Sie aber bewunderte den Schnitt seines Mantels,
der nahezu bis zur Erde reichte und viel zu weit war, und seine seidene Mütze,
die eine kecke Beule aufwies.
„Du trägst ja nun das Abzeichen!“ rief die junge Dame plötzlich überrascht
aus. Mit einem raschen Blick hatte sie, als er nur einen Augenblick den Mantel
aufknöpfte, sofort das Fliegerabzeichen entdeckt.
„Ich habe es gestern bekommen.“
„Ich gratuliere.“ Das war wohl eine Gelegenheit, ihr die Hand zu geben.
Heinz berührte die Spitzen ihrer zarten, ach so zarten und unbegreiflich dünnen
Finger.
„Gestern flog ich über Berlin“, erzählte er lebhaft. „Ich flog über den
Wittenbergplatz und den Kurfürstendamm entlang. Bei der Gedächtniskirche
drosselte ich den Motor und ging auf fünfhundert Meter herunter. Ich sah das
Treiben der Menschen und dachte, vielleicht geht auch Klara Westphal da
unten.“
Nein, Klara Westphal war zu Hause.
Klara streifte ihren jungen Helden mit einem bewundernden Blick. Sie konnte
wohl beobachten, daß die Damen den schlanken Offizier anblickten, und manche
drehten sich sogar um, so schön und frisch war er. Er ging sorglos und strahlend,
die Mütze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er hatte eine besonders flotte Art
zu grüßen, als gebe es Vorgesetzte für ihn nicht. Sein Gruß hatte zuweilen sogar etwas Herablassendes und Gönnerhaftes. Jetzt, da er neben Klara ging, war er