Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 44 von 87

PDF-Seiten

Der 9. November

Kapitel 7

 

Die kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft eingebüßt.

Alle fanden, daß sie reizend sei — aber tödlich langweilig. Zuletzt hatte sie das

Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die Kampfstaffel Wunderlich kannte

— er lag ganz in der Nähe — und ihr versprochen hatte, Heinz Grüße zu

bestellen. Das war der einzige Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es

entsetzlich. Entsetzlich diese Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten,

entsetzlich diese Männer. Auch Hedi — nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir

keine Mühe mehr.

Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im

Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hände gestützt.

Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in Gedanken den Brief.

Sie hatte darauf verzichtet — rundweg verzichtet — diese schamlose Person

tanzen zu sehen. Sollte man so etwas für möglich halten? Und man sagte, daß sie

dreihundert Mark für den Abend bekäme und überall tanze, wo man sie

engagiere. Nicht für eine Million würde die kleine graue Witwe, nicht für eine

Million würde sie — pfui.

Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit wilder Gebärde das Buch

schwang, allein, wie sie. Sie fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm die kalte,

grüne Hand.

Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft drängte sich unter den Türen

zusammen. Auch Papa — ja, selbst ihr Papa — seht an! Da stand er, mit einem

Sektglas in der Hand.

Klara stieg die Treppe empor — aber sofort kehrte sie wieder um. Da oben,

bei den Truhen und Schränken stand der Bettelmönch mit seiner Schale, und sie

fürchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man sagte, daß es eine

Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese Nackttänzerin schamlos.

Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein.

Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf.

Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die

beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann.

Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken vorüber. Da reckte sich ihr

aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen — wieder stand er da und verneigte sich.

Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige Bettelmönch nichts Böses.

Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest.

„Wer bist du?“ fragte Dora.

Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban.

Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen

Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie,

erschreckend, gedacht, vorhin, er könnte es sein — er, das Gerücht, das

kursierte! War es nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine Stunde,

unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um wiederum unerkannt

zu verschwinden. Es war unmöglich — und doch, wunderbar war dieser

Gedanke.

Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle

Augen.

Plötzlich sagte der Bettelmönch: „Dora.“

Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme.

„Du —?!“

Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in

lautes, heiteres Lachen aus.

„Ja, ich bin es.“

„Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben — noch heute —“

„Ich wollte dich überraschen!“

Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. „Geliebter —“ flüsterte

sie.

Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und seine Zähne blitzten.

Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt.

„Nein, nein —“ sagte sie, bat sie. „Sei vorsichtig — der General — er blickt

heraus —!“

In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht des Generals an der

kleinen Tapetentür aufgetaucht, die auf die Diele führte. Allerdings nur für eine

Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen.

„Laß ihn ruhig!“

Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit dünnem

Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen.

 

Beunruhigung?“ Der General zog die Brauen in die Höhe.

„Ja, ich meine, das Volk —“

„Das Volk?“ Der General wiegte geringschätzig den Kopf.

„Verzeihung,“ antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem

schweißüberströmten Gesicht, „ich meine die Öffentlichkeit. — Ist es gestattet,

Euer Exzellenz?“

Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, die von der Empore auf

die Diele hinausführte. Es war heiß hier oben auf der Empore. Unbegreiflich,

daß der General es auszuhalten vermochte. Er mußte Gletscherwasser in den

Adern haben. Der kleine Rittmeister — ja, wie hieß er doch gleich? — er

gehörte einer der ersten Adelsfamilien des Landes an, hatte die ganze Erde

bereist, zurzeit in hervorragender Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen

und einer blendenden Karriere vor sich — an all das erinnerte sich der General

ganz genau, aber der Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein — der

kleine Rittmeister wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht.

Er war als Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken

zurückgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren.

„Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben“ — fuhr er fort — „es ist nicht

zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse Beunruhigung Platz

gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft wurde von Allerhöchster Stelle

—“

„Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage selbstverständlich nicht,

diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestät — Sie belieben?“

„Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!“

„Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar schlage ich

ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreißig Stimmen —“

„Dreißig Stimmen?“ fragte der schweißglänzende Beduine, bemüht, sein

Erstaunen zu verbergen.

„Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.“

„Jawohl.“

„Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.“

„Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre es nur, wenn bald etwas

geschähe. In unserer Zentrale laufen ja alle Berichte zusammen. Es bilden sich

Gruppen von Unzufriedenen.“

„Unzufriedenen?“

„Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen

verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf

konspiratorische Elemente gelenkt worden.“

Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein Blick glitt unruhig durch

die Türspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt. Sie glitt an der

Türspalte vorüber — kam aber im Augenblick wieder zurück. Und plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht an! Eben er, dieser — nun was

stellte er vor? — diese Mumie, dieser Unbekannte, den er schon den ganzen

Abend beobachtet hatte.

„Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?“

„Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch —“

Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und streckte

den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den Bettelmönch

warnte.

Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, als Dora ihn bemerkte.

Er schloß die Tapetentüre.

„Symptomatisch“, wiederholte der schweißglänzende Beduine. „Auffallend

ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft —“

Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den Saal.

„Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,“ fuhr der kleine Rittmeister fort,

„ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater bekleidet

Generalsrang. Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .“

Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gespräch mit dem

Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch

Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf.

„In der Tat,“ sagte er stockend, „es ist unerträglich heiß geworden hier oben.

Vielleicht belieben Sie mitzukommen?“

Und beide verließen die Empore.

Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken stehen. Der General

taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein blendete sie! Der ganze Tanzsaal

schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen.

Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch einige

Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien auf und stoben

auseinander. Der Feuerschein währte indessen nur einige Sekunden. Inmitten der

Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in Uniform und ein dicker,

pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen auf den Boden rissen und

zertraten.

Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur ein

dünner Brandgeruch blieb zurück.

Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich unsichtbar zu

machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte, war er

verschwunden. Es war dem General nur angenehm.

Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. Seine Augen

forschten. Man nahm in dieser späten Stunde des Festes keinerlei Rücksicht

mehr auf ihn. Die Tänzer drängten ihn gegen die Wand. Einmal wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk mit aller Kraft

bearbeitete.

Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch von

den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an

Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren! Nur

mit Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im Erfrischungsraum

traf er die Gräfin Heller, und es war nicht zu umgehen, daß er sich mit ihr in ein

längeres Gespräch einließ. Wieder und wieder äußerte er seine Freude über das

prächtige Aussehen Seiner Exzellenz! Auch im Erfrischungsraume war von

Dora nichts zu sehen.