Der 9. November
Kapitel 13
Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel waren ihm unbekannt. Er
hatte keine Zeit, Bücher zu lesen — der Dienst — seit zwanzig Jahren hatte er
eigentlich kein Buch mehr in die Hand genommen — seit dreißig, von
fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen.
Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von ihnen wußte, sie beliebten
Konstruktionen, lebten in einer fiktiven Welt — während seine Welt, die Welt
des Generals, eine Welt der harten Tatsachen war, ohne Beschönigung, ohne
Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen.
Aus einem Buch fiel ein Brief: „Geliebte Ruth“ — sofort schob ihn der
General wieder in das Buch zurück. Wieder schüttelte er rügend den Kopf. Daß
sie, zum Beispiel, nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese, den Brief
lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den kleinsten Charakterzügen.
Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten Briefe und Schriftstücke herumliegen
lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen . . .
Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen so stark, daß die Hand
matt wurde, die das Buch hielt. Deutlich, ganz deutlich hörte er eine Stimme in
seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand nicht die Worte, die
diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren Klang, ganz deutlich, und es war
doch schon viele Jahre her, daß er diese Stimme zum letzten Male gehört hatte.
Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm einen immer heitereren
Klang an. Deutlich hörte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder irgendwo
— sie schien irgendwo verborgen zu sein! — zu lachen anfing, ein Lachen,
heiter, spöttisch. Der General legte das Buch zurück.
Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf.
„Was will ich eigentlich hier?“ sagte er. Nachdenklich verließ er das Zimmer,
während die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten —
Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, dieser Name
klang in ihm weiter.
Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus einer
fremden Welt und andern Zeit gekommen zu sein. Niki zwitscherte fröhlich sein
Lied, und alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit und Vertrautheit.
Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen.
13
In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint — ist es möglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten — ein Zylinder! Der Zylinder kommt näher,
immer näher, er verschwindet im „Löwen von Antwerpen“.
Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die
Flasche Roten und das Schachbrett.
„Meine Hochachtung“, flüstert er, wie es seine Art ist, leise — er sprach
jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens. „Sie treiben es
nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?“
„Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt — hatte ja keine
Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun, und die
Visitenkarten?“
Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen
geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das
Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der Kopf
um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der Hinterkopf
ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in den letzten Tagen,
trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen schwarzen Gehrock, und
wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor ihm, als er den Gehrock
erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem Gläschen in der Hand vor den
Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum Gespött der frechen Geschöpfe
machte — wer war er? Ein Heruntergekommener, ein Sonderling — er
behauptete, Lehrer an einem Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten
die Leute heutzutage nicht alles?
„Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort
gegeben“, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen Hände
rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der Schachfiguren,
immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit blankgeputzter
Messingeinfassung — sein Stammcafé in der Provinz, einst, lange war es her.
„Sie haben den Anzug, Herr Herbst!“ flüsterte der Bucklige und schob das
spitze Kinn über das Schachbrett.
Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage hatte
er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den gelben
Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich — sollte man es für möglich halten? —
das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch die Augen und ließ das
ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch ein Glas — und nun war er
bereit.
Kraft und Mut strömten aus dem Wein.
Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht.
Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an und
setzte sich zurecht.
„Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.“ Er zog den
Turmbauern.
Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett.
Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern?
„Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.“
„Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurück.“ So
hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, daß er den Bauern
gleich über drei Felder vorstoßen ließ.
Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler.
Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft.
Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm?
Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . .
Wieder trank er ein Gläschen.
Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede floß in
Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon
eingeübt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schließlich war er doch
nicht der Kaiser, wie?
Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede
Auskunft, die er wünschte, zu geben.
Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff ein
Jägerbataillon an, kein Mann kehrte zurück. Weshalb also mußte am 5. August
— er würde natürlich in aller Höflichkeit, in aller Bescheidenheit . . .
„Schach der Königin!“ rief er laut und warnend.
„Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals zurück
— es heißt überlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute.“ Die düsteren Eulenaugen
des Buckligen begannen zu glühen.
Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte sich seinem Gegner
heute weit überlegen, und er hätte jede Summe gewettet, daß er gewann,
obgleich der Bucklige für gewöhnlich stärker spielte — unter den jetzigen
Umständen, früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können.
Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schließlich — er würde
ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, nein, es war ganz und gar kein kleiner
Dienst — bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht würde er sagen: aber mein
lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher gekommen? Wer weiß? Wer
weiß?
Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan würde er
berichten — von ihren Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten — nun ja,
rascher als irgendein anderer würde der General verstehen.
Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen kommen —
„Vorsicht, Herr Herbst!“
„Ich sehe schon — eine richtige Falle. Ei, ei!“
„Aber was tun Sie?“
„Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.“
„Aber, aber —“
„Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.“
Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst gar nicht beachtet.
Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten hatten ja ihre Mädchen, nicht wahr, es
war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den Sonntagen kochte sie den Tee,
bot Zigaretten an. Sie selbst sprach eigentlich wenig, nur hier und da warf sie ein
Wort ein. Man hörte ihre Stimme kaum, so fein klang sie.
An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm
allein. Nun sie waren junge Leute, was sollte da besonderes dabei sein? Er hörte
nicht zu, hatte seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber, plötzlich sprechen
sie über gewisse Dinge — wie interessant! Was ist das? Offenbar kennt das
Mädchen genau die Familienverhältnisse einer gewissen hochgestellten
Persönlichkeit. Nun, es war jedenfalls sonderbar, daß sie so genau Bescheid
wußte —
Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst im Sessel zurück
und blies den Rauch in die Luft.
Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. Sie denken wohl nicht,
daß ich nebenan alles höre, denken wohl, ich sei ausgegangen.
Oben an der Türe sehe ich Licht.
Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist — aber, aber, ich kann
nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. Ich trage den Stuhl zur Türe, vorsichtig
natürlich — steige hinauf — so, so — strecke mich und blicke durch den Spalt.
Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt er also, der Soldat, und daneben —
auf dem Sofa . . .
Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht!
Der Schreck — glauben Sie mir — die Überraschung — ich wäre um ein Haar
vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte — ich glaubte es
ja nicht — es schien mir unmöglich — die Stimme, hm, das Gespräch, aber es
war ja unmöglich — und doch — doch!
Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame —
„Schach und matt!“ rief der Bucklige triumphierend, und Herr Herbst prallte
zurück.
Also geschlagen, abermals geschlagen!
Herr Herbst zog die Uhr — er besaß eine goldene Uhr, sonderbar! — und
wurde plötzlich von Unruhe ergriffen.
„Ja, nun wird es aber Zeit für mich — höchste Zeit!“ sagte er und stülpte
hastig den Zylinder über den Schädel. Ganz wie der steife schwarze Hut war
auch der Zylinder um eine Nummer zu groß und sank auf die abstehenden
grünlichen Ohren herab.
In höchster Eile verließ er die Kneipe.
Schon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der schwarze Aschenregen
auf die sterbende Stadt.
Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche
Finsternis lag über den deutschen Landen, undurchdringliche schwarze Nacht
lag über Europa, zuckend vor Schmerzen, gebadet in Blut und Tränen.
Wann endlich?
Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig durch Europas
undurchdringliche schwarze Nacht.
Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, und eile, wenn du
kommen willst!
Schon sind Europas Augen blind vom Weinen, schon stockt der Schlag seines
Herzens.