Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 37 von 87

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Der 9. November

Kapitel 9

„Sie —?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?“

„Ja! — Was hat das zu sagen?“

So wurden sie Freunde.

 

9

 

Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint!

Plötzlich aber weicht das Haus zurück — sollte man es für möglich halten —

ein vierstöckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen Rückens? Es weicht

zurück, und der Mensch stürzt der Länge nach zu Boden. Sein Zylinder rollt,

rollt in unendliche Fernen.

Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fußball damit. Welches

Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit dem kleinen

alten Mann, sondern mit dem Zylinder.

Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche, sucht

einen Groschen — aber plötzlich läuft er in einer unverständlichen Kurve über

den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer Droschke, das selbst Mühe hat,

sich auf den Beinen zu halten. Die Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder

kreischen vor Vergnügen.

Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht, Finsternis,

er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs gewesen, wo hatte

er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wußte es nicht, wollte es auch

gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach, Schmach, nichts als Schmach, sobald

er erwachte.

Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. Wie in jeder Nacht

wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden sie es noch

ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr lange! Er lauschte auf

die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich an dem fremden Elend, um

nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu müssen.

Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben selbst ein Hund nicht

länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei Jahren,

zweimal verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind. Und seine Frau

hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und während er Dienst machte,

verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf Zeitungen entbunden,

verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel. Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das Gerechtigkeit? War das möglich

überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie gehabt, aber keine Milch, so war es!

Und die Kinder, drei und vier Jahre alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die

Knochen waren krumm gebogen, die Schädel ganz weich. Was für eine Welt war

das? Aber die kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst hätte man

sie eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man?

War man noch auf der Erde oder schon in der Hölle?

Nein, nicht mehr lange!

Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer röchelte Herr Herbst,

gleichmäßiger, der Schlaf wollte wieder zurückkehren.

Da sah er — in verschwommenen Umrissen — die entsetzlichen Wogenberge

aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und dem

schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor.

Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite.

Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. Nur — siehe da!

— sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich. Erdschollen

schoben sich in die Höhe — Rücken, Arme, Hände, Beine wurden sichtbar — in

verschwommenen Umrissen — was war das? Sieh nur schärfer hin, und du wirst

es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich zu sehen, lehmbeschmierte

Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen verschüttet waren und sich stumm

und verzweifelt abmühten, sich aus der Erde zu wühlen.

Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich, und

Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rücken, und der

Lehmberg preßte ihn zu Boden.

„Ich ertrage es nicht mehr!“ schrie in diesem Augenblick Hähnlein. „Um

Christi willen!“ wimmerte die Frau und hustete.

Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer

war leer.

Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne.

„Schmach, nichts als Schmach . . .“

Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf über ihn. — —

Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von

Dora zurück. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte Doras

Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht hatte ihm

gutgetan.

Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein erfrischendes

Bad! Wunderbar — ihr Lachen — nichts nimmt sie tragisch, eine Künstlernatur,

eine Philosophin! Wir Männer dagegen . . .

Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen von ihr — obschon sie nur eine Frau war, ja —

Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmer auf, so erinnerte er

sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und augenblicklich

war seine gute Laune wieder verschwunden.

Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen geistesgestörten

Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte das

höhnische Lächeln auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche nicht. Wie

heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur Seite, das eine Auge

wurde größer als das andere, das Lid zog sich in die Höhe, und dieses größere

Auge blinkte von Spott und Hohn.

Unruhe erfüllte den General.

Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines

Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht

mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie

kompromittierte? Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine Tochter,

rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in seinem Leben

gesehen.

Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit

verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem

Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenüber. Es gab schwerlich eine

Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte, gesellschaftlich

und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine blendende Laufbahn vor

sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg schien die Grundpfeiler des

Gesellschaftsgebäudes zu erschüttern? — Allenthalben ähnliche Symptome —

Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen — der Oberst Schulendorf, zum

Beispiel, kommt nach Hause und findet — Skandal! Bredows Sohn hat sich im

geheimen trauen lassen, er fällt, plötzlich meldet sich die Witwe — eine völlig

unbekannte Person, frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im

Rheinsbergschen Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit.

Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm plötzlich ein — allein aus

dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der Zersetzung. War

die Generation der Größe der Zeit nicht gewachsen?

Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit bietet,

werde ich mit ihr sprechen.

Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja leichter

sein, als Aufklärung zu erhalten, jede gewünschte Aufklärung.

Schon einmal hatte er — früher . . .

Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich musterte er Hände

und Gesicht, jede Falte.

Mehr Bewegung — und alles war in Ordnung!

Schon schlief er.

 

Schwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!“ Mitten in der Nacht

setzte sich Herr Herbst plötzlich im Bett auf und knarrte mit breiter,

selbstgefälliger Stimme: Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!

Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich — ein alter Mann — aber

hüte dich —!

Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, zusammengerollt zu

einem kleinen Kleiderbündel.

Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das kleine

Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es an, sich

unruhig zu bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie dicht um den

Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte hauchte von dem Gebirge

aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht, Winter, wie? Und er kniete vor

dem Gebirge und erstarrte, während er die Hände ausstreckte. Nun schien es

heller zu werden, es tagte, die Sonne schien aufzugehen. Das Gebirge begann

allmählich zu erglühen, es glühte rot, nur Stein, zerrissen, verwittert.

Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten — das

Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht.

Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald aus der Bewußtlosigkeit

auftauchen würde. Nur noch eine Idee brauchte er höher zu tauchen, und schon

würde er an die schwarze, schwere Schicht von Schmach stoßen, die auf ihm

lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die schwere Schicht von Schmach,

berührte ihn, drückte ihn zu Boden.

Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie

wieder . . .

Betäubt saß er da. Es dunkelte schon.

Schmach, nichts als Schmach!

Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Füßen

getreten. Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe — Tausende,

Hunderttausende — — ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein Bild

gezeigt — trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich, wie?

Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich lasse

Sie abführen.

Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen.

Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten.

Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute — bei ihm! Und da, da —

hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan.

Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an.

Ja, auch sie war da!

Hoffärtiger — nichts als ein alter Mann — vielleicht bereust du noch, wer

weiß es? — Und du — Sanfte, Bleiche — deine sanften Augen werden weinen

müssen — es muß sein —

Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme gellte

durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hähnlein.

Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Türe schlug,

Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hähnleins Türe, und Ackermanns

Stimme fragte: „Was gibt es?“

„Nichts, nichts, Ackermann!“ antwortete Hähnlein mit einem keuchenden,

verlegenen Auflachen. „Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte — nichts, nichts

—“