Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 68 von 87

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Der 9. November

Kapitel 2

von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel erdröhnte, die

Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen über die geschorenen

Schädel gezogen, die Nase im Wind, jagen die Befehlsempfänger die Straße

hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze wehen, Feuer sprüht im Walde.

 

2

 

Der Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am Tage gewesen, und nun

war es plötzlich kühl geworden. Irgendwo in der Nähe von Berlin mußten

schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen das tiefe

Donnerknurren gehört.

Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit Efeu überwuchert, hielt

eine Droschke.

Händeklatschen. „Petersen! Petersen!“ Eine helle Stimme.

Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem Zebrakittel eilte auf die

Straße.

Ein Offizier stand bei der Droschke, mit einer schwarzen Brille, eine kleine

Reisetasche in der Hand.

„Nun, Petersen, alter Knabe, Sie kennen mich wohl nicht mehr?“ Eine hohe,

fremde Stimme.

„Herr Hauptmann?“ rief Petersen erstaunt und erschrocken aus. Was tat er

hier, was wollte er hier? Schon vor dem Kriege hatte er ja nicht mehr hier

gewohnt.

„Welche Überraschung, Herr Hauptmann!“

„Ja ja, Petersen — so geht es — wenn man sich lange nicht sieht. Meine Frau

—?“

„Im Bade, Herr Hauptmann. Kommt morgen!“

„So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, bis ich eine Wohnung

gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?“

„Danke, Herr Hauptmann, sehr gut, danke!“

Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff stolperte die

Treppe hinauf.

„Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu essen für mich? Den

ganzen Tag im Zuge —“

Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann Dönhoff roch die Stille und Ausgestorbenheit. Berlin war tot, ohne Zweifel. Hier und da ein Schritt, ein

zögernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos gingen alle diese Schritte

in den dunkeln Straßen dahin, mutlos und bestrebt, keinen Lärm zu machen.

Und früher, früher!

Auch dieses Haus, sein früheres Haus — totenstill. Welche Feste hatten sie

hier gefeiert. Er hörte sein früheres Lachen! Zweihundert schöne Frauen hatte er

besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und ein Nashorn

geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland geflogen, einer der

Entdecker des deutschen Himmels — ja, es hatte sich manches geändert.

Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. Doras Parfüm und

eine gewisse Schwüle.

„Hoppla, Petersen —“ Er stieß gegen ein Tischchen in der Garderobe. „Ich

sehe etwas schlecht, bis man sich wieder eingewöhnt.“ Immer sprach er mit

einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch, der sich schämt.

Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit den Fingern vor der Stirn.

„Er ist — so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die Gnädige sagen? Was will

er hier? Sie sind doch getrennt. Aber sehen Sie doch selbst. Er ist, mein Himmel,

wie merkwürdig —“

Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst ansehen.

Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend. Er

richtete, als sie eintrat, die dunkle Brille auf sie, lächelte, und sie konnte vor

Schreck keinen Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im Halse stecken. Sie

hätte ihn — bei Gott — nicht wieder erkannt: grau, völlig grau, fast weiß, gelb,

alt, um zwanzig Jahre älter mindestens! Und dieses Lächeln des welken

Gesichts, diese Falten um den Mund — nur solche Leute konnten so lächeln, nur

solche — Petersen hatte recht.

Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie auch gleich

hereinlaufen.

Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an,

verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann sagte er lächelnd: „Na, also, Petersen,

alter Knabe, erzählen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?“

Petersen! Er hielt sie für Petersen!

Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen lassen.

 

Und das Feuer rollte.

Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen Staubwolke

empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf den Chausseen lagen in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte Wagen und