Der 9. November
Kapitel 7
„Sage ein Wort — ein Wort genügt! Du brauchst nur zu sprechen!“ Und er
warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch.
Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken vor.
„Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?“
„Ich werde schon — wartet nur, Geduld.“
Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen, schwang
das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch: „Licht aus,
Messer raus! Haut ihn!“
Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer.
Ja, blind ergeben.
Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter
Menschen.
„Hoch! Hoch!“ schrie Herbst und hob den steifen Hut.
„Hoch! Hoch!“ schrien die Trabanten und schwangen die Mützen.
7
Schon wird es Nacht.
Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlägt aus den
Häusern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das düstere Schloß, die Säulen
wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den Hufen der
Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind schweigt, und ein eisiger
Luftstrom schiebt sich über die Linden dahin, ein wandernder Block von Eis.
Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern — wie
sie jagen! Gespenstisch!
Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die über die Stadt
dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Kälte des Grabes fällt aus ihren
grauen, vereisten Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der kalten Erde.
Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten
Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf den
schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie mitbringen.
Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem Ohr
vorbei. Schüsse knallen.
Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, er ist in Zivil, aber er
hatte es für Augenblicke — wie lange? — vergessen.
Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General
fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er öffnet die Augen und
blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und bleibt sogar stehen.
Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die entsetzliche Kälte, die aus den jagenden
schwarzen Wolken fällt, erfüllt ihn mit Schaudern.
Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem Pflaster.
Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit Messern. Sie
zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in Zeitungsfetzen und
Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Eine
helle Bahre gleitet durch den Lichtschein.
Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen sind dunkle Katakomben,
Riesenschatten tanzen über die verlassenen Plätze, Schrecken lauert in den
finstern Haustoren. Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das sind die
Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich auf die Stadt niedergehen. Der Fuß
des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei eines getroffenen Menschen. War
es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und das Feuer prasselt. Der Widerhall
klopft an den Häuserwänden. Der Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede
einzelne Kugel trifft ihn ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon töten sie sich
gegenseitig.
An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein
Tänzer ist der Tod!
Ja, zu Ende —
Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und
Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose. Rasch geht
der General auf die andere Seite. Aber schon wieder erschauert er. Etwas weht
feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt schimmernd weiß dahin, blitzschnell.
Sein Herz bleibt vor Schrecken stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein,
es sind Masken, Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen.
Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen Rolläden.
Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist tot. Nur dann und wann
klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne.
Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend etwas nicht in Ordnung
ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen.
Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her.
Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße — ist es nicht auffallend? —
schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die Dunkelheit durch einen
Lichtschein erhellt wird, sieht er drüben zwei kleine Gestalten dahinkriechen, die
mit den Händen winken.
Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er überquert die Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt biegt um die Ecke.
Da — nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe, rauhe
Stimme raunt dicht an seinem Ohre:
„Ich kenne dich!“
Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu
blicken.
Und abermals raunt die Stimme:
„General Hecht-Babenberg!“
Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine, bleiche
Hände.
Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben ihm her.
Es macht ihm nicht die geringste Mühe mitzukommen. Schon beginnen die zwei
Kleinen auf der andern Seite zu laufen.
Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und plötzlich zuckt
der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen, ein
schreckliches Wort — unsägliche Beschimpfung.
Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: „Komm doch,
komm doch!“
Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen klingt durch die
finstere, menschenleere Straße. Eine rauhe, häßliche Stimme schreit: „Licht aus,
Messer raus!“
Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber während der
Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, daß plötzlich
eine Faust nach ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach! Nur aus diesem
Grunde war er entflohen, aus keinem andern.
Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname?
Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr verlangt,
als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte!
In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere Gegenden.
Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine Laterne,
nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die Fensterscheiben schwarz.
Und schwarze Wolken jagten über die kahlen Wipfeln des Parkes dahin. Ein
Auto, besetzt von Schatten, flog die finstere Straße entlang. Unaufhörlich
erscholl der warnende Ruf: „Straße frei! Straße frei!“
Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt,
irgendwo.
Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken!
Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurück: Beinahe
wäre er auf einen Menschen getreten!
Wer war hier? Zitternd stand der General.
Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich schleifend die Treppe
empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der dunkeln Masse
aus, wie wenn jemand vor Kälte zittert.
Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an.
Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krückstöcken
unter den hochgezogenen Schultern. Der Körper des Krüppels wurde
unaufhörlich von einem schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte an
seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom Straßenkot
durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen
Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes.
Der General beugte sich zu dem Krüppel herab.
„Was haben Sie — sind Sie krank?“ fragte er. Er fragte nur, um dem
zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine Äußerung seines menschlichen
Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der
Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu
nehmen.
Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, ein Röcheln entstieg
seinem krampfhaft geöffneten Mund.
„Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?“ fragte der General und beugte
sich noch tiefer herab. Auch er, der Krüppel, strömte Kälte aus.
„Wo? Sprechen Sie doch. Wo?“
Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund.
„Wo? Ich verstehe nicht.“
Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe.
Er hatte verstanden!
Nun zitterte er genau wie der Soldat.
Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine fallen und stieß in aller
Eile die Türe auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fühlte er plötzlich, wie sein
rechter Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn festzuhalten suchte. War
der Krüppel gefallen, suchte er Halt, suchte er seinen Dank auszudrücken? Der
General stieß die Hand von sich und trat keuchend in die dunkle Diele.
„Therese!“ Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine Stimme
klang schrill, wie ein Hilferuf.
„Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.“
Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein.