Der 9. November
Kapitel 14
durch die dunkle Stadt. Die schweißigen Haare sträuben sich — was ruft er?
Wieder? Wie in jeder Nacht . . .
Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er jagt
durch die Straßen! Hände, zum Fluch gestreckt, züngeln empor. Dröhnend rollt
die Stimme über die schwarzen Häuser.
„Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!“
Sind es diese Worte?
Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es sind
uralte Worte, tausendjährige, sie fühlen es, es sind Worte des Fluchs und des
Untergangs.
Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer . . .
In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straßen entlang,
hinaus in die Vorstädte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch hängt ihr Hall
zwischen den schlafenden Häusern.
Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an ihnen
vorüberflattert, strahlt plötzlich Licht aus den dunkeln Wänden: die schwarzen
Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus der Dunkelheit:
„Alle Völker sind Brüder!“
Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen Laterne —
schon ist er verschwunden. —
Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus Asche.
Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt aus Asche schwang ein
Gürtel blendenden Lichts — die gleißenden Feenpaläste der Fabriken
schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen
Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die Räder
schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den Drehbänken, das
Öl spritzte — Abertausende schleppten Granaten, schraubten, polierten.
Abertausende von übernächtigen bleichen Arbeiterinnen saßen im grellen Licht
der Bogenlampen an den Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten.
Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus.
Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen Hände —
der Tod war ihr Besteller.
14
Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des Meeres.
Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein Zweig ohne
jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen herab.
Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals wurde
nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom Hauseingang, Ottos
Zimmer.
Der Morgen war nahe.
Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er
horchte. Ein Schuß —? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem Pflaster
und ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber zu den Gärten,
hinter denen die Regierungsgebäude liegen. Vielleicht hat sich jemand in den
Regierungsgebäuden erschossen? Ein Minister? Wie? Wie? Und doch ein Schuß,
sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das Dunkel des Tiergartens zurück.
Jede Nacht erschoß sich hier jemand — ein Soldat, ein Bankrotteur, ein
Verschmähter. Der Schutzmann bohrte seine Augen in den finstern Park und
versuchte mit seinem Polizistenblick das Dunkel zu schrecken.
Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell
erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen.
Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links vom Hauseingang.
Die Türe zum Schlafzimmer des Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von
Licht drang durch die Gardinen.
Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Türe. Der General
war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu die
zinnoberroten Pantoffeln, während er sich in das Vorderzimmer tastete. Ein
Schatten kroch vor ihm her.
„Wie sagst du —?“ Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet,
denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. „Verletzt, sagst du
—?“ Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um sich nicht zu
erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren und tastete mit dem
nackten Fuße danach.
„An der Hand — der Herr Oberleutnant —“
„Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!“
schrie der General den Burschen an. Eigentlich hätte er dies Otto sagen sollen,
aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an Untergebene.
„Mache Licht!“
Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser
Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, nicht so groß wie der Mantel, aber
von der gleichen Farbe.
„Beim Packen also —? Was soll das Gestotter!“
„Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da ging er
los — ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.“
Mit wütenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der
fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an und tastete
mit der Hand gegen einen Türrahmen. „Ein Glas Wasser, Jakob“, sagte er. „Und
dann — hörst du — wecke meine Tochter, sofort — aber nicht du sollst sie
wecken — sondern wecke Therese, und Therese soll meine Tochter wecken.
Wangel soll sofort das Auto holen.“
Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er
taumelte ein paar kleine Schrittchen rückwärts, bis seine Hand eine Stütze an
einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner Brust.
„Und nun also ein Glas Wasser!“
Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch Ottos halboffene Tür
geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix und fertig
zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue Offizierskiste. Er sah
völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur von Betrunkenheit.
Und dann ein Handtuch — zusammengerollt, wie ein blutiger Klumpen . . . Es
war eine Schwäche des Generals, daß er kein Blut sehen konnte. Es war ihm
immer peinlich gewesen — im Felde, wo es sich doch nicht vermeiden ließ —
aber es war eine Schwäche, die er schon in der Kadettenzeit gehabt hatte. Es war
ganz hoffnungslos, dagegen anzukämpfen.
Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen. Dann
ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht wieder.
Nun?
Endlich — nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene
war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese — sie hieß gar
nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des Generals lebte, so genannt,
sie hieß Ernestine — Therese war, wie häufig, von ihrer Angst vor dem General
gelähmt. Sie fürchtete ihn für gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein
Gespräch mit ihm ein, lebte für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten
nach vorn. Aber bei besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum
Entsetzen. Und in diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft
erschreckend — in seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln.
Ihre Augen zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem
Gericht aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie
kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine Ruhe mehr
im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß wiederum etwas
nicht in Ordnung war.
Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart zitterte, und
Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine verzweifelte
Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in tausend Runzeln und
kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger zupften an den rasch
übergeworfenen Kleidern.
„Ruth ist nicht hier.“
Der General hatte nicht recht gehört.
„Sie ist nicht in ihrem Zimmer.“
„Nicht hier —?“
Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein
Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein Schlüssel,
und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde. Zuerst erschien also
eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der braune Pelzbesatz eines
Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller Person mitten in der Türe. Auf ihrer
kleinen, braunen Pelzmütze lagen Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre
braunen Augen, die weichen, leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller
Erstaunen auf den General gerichtet.
Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das
Leuchten erlosch, sie wurden dunkel.