Der 9. November
Kapitel 12
Langsam — aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den
Dunkelheiten.
Nein, keine Antwort. Hunderte warten!
„Der General antwortet nicht!“
„Nein, nein!“
Erregt setzte er sich auf.
„Was aber dann? Was dann?“
Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im Mondlicht
und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schädel glänzte wie eine Quecksilberkugel,
seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische, die schon lange liegen. Er
lauschte in sich hinein, er grub in seinem Gehirn. Plötzlich begann sein
gleißender Schädel zu dampfen, Rauch kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke
glitt über den Mond. Wieder glänzte die Quecksilberkugel. Aber plötzlich saß er
gänzlich ohne Kopf da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder
ins Zimmer blendete, hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er
hatte den Havelock abgelegt.
Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und steckte
den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte.
Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn
Herbst wachgeblendet.
Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf gießen.
Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an.
„Ja, ja, weshalb nicht —?“ Rasch schlüpfte er in den Havelock.
„Ich werde —“
„Ich werde —“
„Ich werde ihn besuchen!“
Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der Nacht! Aber
nichts hielt ihn zurück. Mit raschen Schritten eilte er die leere und verödete
Fabriciusstraße hinab.
Ah, und wie eisig kalt es war!
12
Dora lachte belustigt auf.
„Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache
Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuriös, etwas billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen — fünfhundert Mark. Es ist wirklich eine
Komödie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu betreten.“
„Wie wird es aber werden?“ fragte Ruth und zog die Brauen hoch. „Die Hälfte
der Bevölkerung hat schon keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen auf Papier.“
Dora fand das sehr spaßig.
„Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns alle in
Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie erinnern sich an
die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den Linden ging? Wenn
man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken Sie sich eine Gesellschaft,
ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird die reizendsten Farbtöne erfinden
—“ Dora mußte vor Lachen abbrechen — „Der General meint allerdings —“
„Was meint Papa?“
„Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind als
Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heißt sie, diese Patentfaser? Die ganze
Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch das wird wohl
noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch blendende Idee! Ich
werde bei meinem Hausball Papierkostüme vorschreiben!“ Dora klatschte vor
Vergnügen in die Hände, und wieder füllte ihr Lachen Ruths kleinen
halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und tausend Schelmereien. „Süß sehen Sie aus,
mein Kind. Woher stammt diese Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist noch
Seide! Was man heute für schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den früher
unsere Neger getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer
Papierserviette schlafen gehen werden —!“ Es war Dora gänzlich unmöglich,
diese drolligen Phantasien abzuschütteln.
Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte und lachte. Sie
folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte. Ja, aufrichtig
liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie ganz anders war. Und sie
fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum Beispiel, der Hut hing auf einer
Blumenvase und — bei Gott — ein kleiner schwarzgelber Abendschuh lag
verlassen auf dem Sofa. War das nicht süß? Und die Teemaschine stand auf dem
Schreibtisch, natürlich floß das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie
reizend! Früher war Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert
—
„Singen Sie noch, Ruth?“
„Wenig nur, leider.“
Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie
trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte, wenn sie
guter Laune war. Hatte sie aber ihre bösen Stunden — nun, da hätte sie ruhig
sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen abschlachtete — aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte grausam sein, sehr grausam,
wenigstens dachte sie es.
Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem
kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, plötzlich aus den Zähnen
und schlich zur Türe.
Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies.
Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . .
Die Türe öffnete sich — behutsam — leise — und das breite steinfarbene
Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde sichtbar. Aber schon in
der nächsten Sekunde verschwand die nachdenkliche Sammlung und die
Steinfarbe — betreten und überrascht prallte das Gesicht zurück und färbte sich
rot.
Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurück.
Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu kläffen.
„Herr General?“ rief Dora überrascht aus.
„Papa?“ fragte Ruth leise und ungläubig.
„Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .“
Dora lachte. „Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den
interessantesten Gesprächen.“
„— will nicht stören — ich wollte nur — ich hörte Stimmen — guten Tag,
meine Damen.“ Und der General verschwand sofort wieder und schloß leise die
Türe hinter sich.
Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner her.
„Was wollte er denn?“
Ruth schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie. „Er kommt
sonst nie in mein Zimmer.“
„Er ist argwöhnisch, Ruth“, sagte Dora.
Ruth blickte auf und errötete.
„Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten“, fuhr Dora fort und blinzelte mit
dem rechten Auge.
Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich.
„Er glaubt —?“
„Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.“
„Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie
erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natürlich ausgeredet. Sie können
sich das wohl denken.“
„Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spät.“
„Und Sie haben es ihm nicht gesagt?“
„Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch nicht seine Sache. Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.“
Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert — und
draußen goß es in Strömen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora zündete eine
ihrer dicken englischen Zigaretten an.
„Aber vielleicht hat er doch recht, der General —?“ sagte sie, und wieder
blinzelte sie mit dem rechten Auge.
„Wie meinen Sie das?“
„Nun, ich meine nur — so — so . . .“
Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen in Verlegenheit zu
bringen. Dann aber änderte sie den Ton.
„Und Dietz geht es gut in Bukarest?“
„Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet täglich spazieren, es
fehlt ihm wirklich an nichts.“
„Hören Sie Ruth — aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen Schuh
—“
Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa.
„Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen — es ist
der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen Pavillon auf
einer Insel im See, märchenhaft, die Armins haben ja ihr Gut nebenan — wenn
Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir —“
Ruth unterbrach sie.
„Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora!“ sagte sie, jede Silbe betonend.
„Wie? Aber —?“
Ruth blickte Dora in die Augen.
„Nein, niemals!“
„So erklären Sie mir doch, meine Liebste —?“
„Sprechen wir nicht mehr davon.“
„Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht —?“
Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen.
Das nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob seine
Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher an. Zu
peinlich war es ihm neulich gewesen — Dora saß da, Ruth, nicht einmal
angeklopft hatte er — was mochten sie denken von ihm?
Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich
überhaupt nicht im geringsten um Ruth gekümmert, ihr jegliche Freiheit
gelassen, seinen Grundsätzen gemäß — nun aber schien es ihm an der Zeit zu sein . . .
Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein.
Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den Blick
abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese Augen
leuchteten ihm entgegen, und der General fühlte ihren schimmernden Blick
durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das Gesicht
abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um sein
Gleichgewicht wieder zu finden.
Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung!
Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt,
keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend
Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh
geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war äußerst
peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht des
Handschuhs, es sah aus, als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da kamen,
zum Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen, und der Salon
war völlig in Unordnung. Notenblätter waren überall umhergestreut, und die
Tischdecke lag voll von Rosenblättern, die von einem welken Strauß abgefallen
waren. Wie in aller Welt sollte er sich denn vor den Gästen entschuldigen? Aber
die Sommerstorf lachte nur darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie
ausgelassen lachen. Es fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die
Sommerstorfs. Sie kamen nicht umsonst aus dem Süden.
Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle
Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren über das Sofa
verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall Schreibpapier,
Bücher.
Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch.
Marx.
Karl Marx.
Ein Sozialist!
In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin.
Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre für eine junge
adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schütteln. Aber er
überwand sich. Mochte sie — weshalb nicht — wenn sie Interesse dafür hatte?
Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was interessieren konnte —
im übrigen, sie hatten ja in der Stunde der Gefahr das Vaterland über den
Internationalismus gestellt, bewilligten die Kredite, was man wollte, gingen mit
durch dick und dünn — in der Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten
erwiesen!