Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 27 von 87

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Der 9. November

Kapitel 12

Langsam — aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den

Dunkelheiten.

Nein, keine Antwort. Hunderte warten!

„Der General antwortet nicht!“

„Nein, nein!“

Erregt setzte er sich auf.

„Was aber dann? Was dann?“

Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im Mondlicht

und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schädel glänzte wie eine Quecksilberkugel,

seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische, die schon lange liegen. Er

lauschte in sich hinein, er grub in seinem Gehirn. Plötzlich begann sein

gleißender Schädel zu dampfen, Rauch kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke

glitt über den Mond. Wieder glänzte die Quecksilberkugel. Aber plötzlich saß er

gänzlich ohne Kopf da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder

ins Zimmer blendete, hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er

hatte den Havelock abgelegt.

Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und steckte

den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte.

Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn

Herbst wachgeblendet.

Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf gießen.

Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an.

„Ja, ja, weshalb nicht —?“ Rasch schlüpfte er in den Havelock.

„Ich werde —“

„Ich werde —“

„Ich werde ihn besuchen!“

Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der Nacht! Aber

nichts hielt ihn zurück. Mit raschen Schritten eilte er die leere und verödete

Fabriciusstraße hinab.

Ah, und wie eisig kalt es war!

 

12

 

Dora lachte belustigt auf.

„Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache

Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuriös, etwas billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen — fünfhundert Mark. Es ist wirklich eine

Komödie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu betreten.“

„Wie wird es aber werden?“ fragte Ruth und zog die Brauen hoch. „Die Hälfte

der Bevölkerung hat schon keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen auf Papier.“

Dora fand das sehr spaßig.

„Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns alle in

Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie erinnern sich an

die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den Linden ging? Wenn

man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken Sie sich eine Gesellschaft,

ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird die reizendsten Farbtöne erfinden

—“ Dora mußte vor Lachen abbrechen — „Der General meint allerdings —“

„Was meint Papa?“

„Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind als

Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heißt sie, diese Patentfaser? Die ganze

Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch das wird wohl

noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch blendende Idee! Ich

werde bei meinem Hausball Papierkostüme vorschreiben!“ Dora klatschte vor

Vergnügen in die Hände, und wieder füllte ihr Lachen Ruths kleinen

halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und tausend Schelmereien. „Süß sehen Sie aus,

mein Kind. Woher stammt diese Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist noch

Seide! Was man heute für schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den früher

unsere Neger getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer

Papierserviette schlafen gehen werden —!“ Es war Dora gänzlich unmöglich,

diese drolligen Phantasien abzuschütteln.

Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte und lachte. Sie

folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte. Ja, aufrichtig

liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie ganz anders war. Und sie

fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum Beispiel, der Hut hing auf einer

Blumenvase und — bei Gott — ein kleiner schwarzgelber Abendschuh lag

verlassen auf dem Sofa. War das nicht süß? Und die Teemaschine stand auf dem

Schreibtisch, natürlich floß das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie

reizend! Früher war Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert

—

„Singen Sie noch, Ruth?“

„Wenig nur, leider.“

Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie

trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte, wenn sie

guter Laune war. Hatte sie aber ihre bösen Stunden — nun, da hätte sie ruhig

sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen abschlachtete — aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte grausam sein, sehr grausam,

wenigstens dachte sie es.

Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem

kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, plötzlich aus den Zähnen

und schlich zur Türe.

Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies.

Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . .

Die Türe öffnete sich — behutsam — leise — und das breite steinfarbene

Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde sichtbar. Aber schon in

der nächsten Sekunde verschwand die nachdenkliche Sammlung und die

Steinfarbe — betreten und überrascht prallte das Gesicht zurück und färbte sich

rot.

Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurück.

Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu kläffen.

„Herr General?“ rief Dora überrascht aus.

„Papa?“ fragte Ruth leise und ungläubig.

„Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .“

Dora lachte. „Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den

interessantesten Gesprächen.“

„— will nicht stören — ich wollte nur — ich hörte Stimmen — guten Tag,

meine Damen.“ Und der General verschwand sofort wieder und schloß leise die

Türe hinter sich.

Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner her.

„Was wollte er denn?“

Ruth schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie. „Er kommt

sonst nie in mein Zimmer.“

„Er ist argwöhnisch, Ruth“, sagte Dora.

Ruth blickte auf und errötete.

„Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten“, fuhr Dora fort und blinzelte mit

dem rechten Auge.

Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich.

„Er glaubt —?“

„Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.“

„Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie

erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natürlich ausgeredet. Sie können

sich das wohl denken.“

„Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spät.“

„Und Sie haben es ihm nicht gesagt?“

„Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch nicht seine Sache. Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.“

Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert — und

draußen goß es in Strömen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora zündete eine

ihrer dicken englischen Zigaretten an.

„Aber vielleicht hat er doch recht, der General —?“ sagte sie, und wieder

blinzelte sie mit dem rechten Auge.

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, ich meine nur — so — so . . .“

Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen in Verlegenheit zu

bringen. Dann aber änderte sie den Ton.

„Und Dietz geht es gut in Bukarest?“

„Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet täglich spazieren, es

fehlt ihm wirklich an nichts.“

„Hören Sie Ruth — aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen Schuh

—“

Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa.

„Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen — es ist

der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen Pavillon auf

einer Insel im See, märchenhaft, die Armins haben ja ihr Gut nebenan — wenn

Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir —“

Ruth unterbrach sie.

„Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora!“ sagte sie, jede Silbe betonend.

„Wie? Aber —?“

Ruth blickte Dora in die Augen.

„Nein, niemals!“

„So erklären Sie mir doch, meine Liebste —?“

„Sprechen wir nicht mehr davon.“

„Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht —?“

Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen.

 

Das nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob seine

Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher an. Zu

peinlich war es ihm neulich gewesen — Dora saß da, Ruth, nicht einmal

angeklopft hatte er — was mochten sie denken von ihm?

Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich

überhaupt nicht im geringsten um Ruth gekümmert, ihr jegliche Freiheit

gelassen, seinen Grundsätzen gemäß — nun aber schien es ihm an der Zeit zu sein . . .

Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein.

Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den Blick

abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese Augen

leuchteten ihm entgegen, und der General fühlte ihren schimmernden Blick

durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das Gesicht

abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um sein

Gleichgewicht wieder zu finden.

Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung!

Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt,

keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend

Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh

geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war äußerst

peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht des

Handschuhs, es sah aus, als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da kamen,

zum Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen, und der Salon

war völlig in Unordnung. Notenblätter waren überall umhergestreut, und die

Tischdecke lag voll von Rosenblättern, die von einem welken Strauß abgefallen

waren. Wie in aller Welt sollte er sich denn vor den Gästen entschuldigen? Aber

die Sommerstorf lachte nur darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie

ausgelassen lachen. Es fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die

Sommerstorfs. Sie kamen nicht umsonst aus dem Süden.

Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle

Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren über das Sofa

verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall Schreibpapier,

Bücher.

Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch.

Marx.

Karl Marx.

Ein Sozialist!

In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin.

Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre für eine junge

adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schütteln. Aber er

überwand sich. Mochte sie — weshalb nicht — wenn sie Interesse dafür hatte?

Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was interessieren konnte —

im übrigen, sie hatten ja in der Stunde der Gefahr das Vaterland über den

Internationalismus gestellt, bewilligten die Kredite, was man wollte, gingen mit

durch dick und dünn — in der Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten

erwiesen!