Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 77 von 87

PDF-Seiten

Der 9. November

Kapitel 11

Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein schweres

Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern in

Hemdärmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen. Die

Mannschaft stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt.

Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate — —

Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das Erdloch. Flache

Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehängt und trotten durch den

Sandsturm dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile.

Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer

Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, daß die deutschen

Soldaten den Kindern die Hände abschneiden. Er hat es in den Zeitungen

gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen. Und nun ist er

gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen.

 

11

 

Pünktlich auf die Minute erhob sich der General am nächsten Morgen. Er hatte

fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen Augen, er sah

schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut war trocken und heiß,

er hatte Fieber.

Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gönnte er heute einen

Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich, wie im

Halbschlaf.

Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen.

Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Er war

genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen wollte.

Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte!

Und niemand, dachte der General, niemand — das Reich wankt — und

niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung!

Schlimmer noch — schlimmer! Ein Verbrechen . . .

Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen.

Ein Brief?

Seht an!

Man schrieb Briefe!

Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken ihn niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. Auf dem

Frühstückstisch lag dieser Brief. „An Papa!“

An Papa! Man schreibt Briefe!

Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was sollte Ruth zu schreiben

haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen zuckten. Nun, es

mochte recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden hatte, seine Fürsorge falsch

deutete — sie war jung und konnte nicht begreifen, daß ein Vater sich sorgte,

daß er nur aus Liebe für sein Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt —

Plötzlich erhob sich der General.

Er war erbleicht.

„Therese?“

Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren

Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte.

„Meine Tochter ist verreist?“

„Ja. Ruth ist abgereist.“

„Wohin? Sie wissen es nicht?“

„Nein — aber ein Brief —“

„Ich weiß —“

Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den

Wagen.

„Ah! Ah!“ stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die Augen.

Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche.

 

— — — — — — — —

 

Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was wollten

sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschütz —

Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten, als

würden Knochen in der Luft zerbrochen.

Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften

breite Risse.

Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, hundertfach in

Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber, ja, nun

wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus

menschlichen Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten — sie stürzte.

Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle Gesetze der

Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren.

Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben Einschlag.

Die Hochöfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die erschöpften, verbluteten

Truppen sahen sich nach Unterstützung um. Die Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumänien, Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im

Kaukasus — weit, weit, sie können nicht helfen.

Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenährte Männer

dem Ozean.

Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . .

Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Städte verschlingt

die krachende Erde — das Trommelfell birst, Blut sickert aus den Ohren . . .

Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden

Mauer zu hören.