Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 38 von 87

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Der 9. November

Viertes Buch

 

 

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Ali Baba und die vierzig Räuber!

Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel

—

Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem

Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und

fletschte ihr die Zähne entgegen: „Ali Baba heißt dich willkommen!“

„Er tut dir doch nichts“, lachte Klara und schob Hedi vorwärts.

Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot waren

seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet. Ein zweiter

Neger half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller von Farbe, sein

Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß und trug nur ein kurzes, rot und

gelb gestreiftes Röckchen.

Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen.

Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Bär schob sich

an Hedi vorüber, und daraus schälte sich eine zierliche, halbnackte, nilgrüne

Türkin. Gräfin Heller. Abendmäntel aus kostbaren alten Brokaten, antiken

Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen Kirchengewändern — und

Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen, Haremsdamen, Odalisken in Seide,

Tüll, Schleiern, mit goldenen, roten, grünen Schuhen, Schuhen mit langen

Silberschnäbeln und blitzenden Steinen. Wohlgerüche und der Duft gepflegter

Frauenkörper gingen von ihnen aus.

Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das Gesicht mit

dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt begierig blitzten nun

ihre Augen.

Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. Ihre jungen Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen dem silbernen Jäckchen und den faltigen

Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll. Das war Hedis

höchsteigene Erfindung.

Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag — schon am

Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette — zwischen den beiden

Schwestern nahezu zu Tätlichkeiten gekommen.

Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie so nicht mit Hedi gehe! Wie?

„Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!“

Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang! Hedi

war tödlich verletzt.

„Das ist ja gerade das Orientalische“, schrie sie aufgebracht. „Was versteht ein

Kind von solchen Dingen? Und du — was soll das werden, du meine Güte?“

Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich

zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das ihr

Gesicht bis zu den Augen verbarg.

„Ich bin eine türkische Witwe!“

„Eine Witwe?“

„Ja!“

„Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich machen! Zum

ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.“

„Aber ich gehe so!“

„Blamiere dich ruhig!“ Empörend war Hedis Lachen.

„Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste Lust!“

schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die Schuhe wütend

unter das Bett.

Hedi erbleichte. „Nun gut, mein Liebling. Papa wird außer sich sein, wenn er

dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte erzählen, die du

mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!“

Sie hatte Klara ins Herz getroffen. „Und du?“ schrie Klara und funkelte die

Schwester mit drohenden Augen an.

„Und ich? Was soll mit mir sein?“

„Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. Ich weiß mehr, als du

glaubst.“

„Was weißt du, nichts weißt du.“

„Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast.

Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den

Kaiserhof?“

Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein.

„Das ist doch unerhört!“ schrie sie rasend. „Du weißt so gut wie ich, daß man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwöre —“

Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu Tätlichkeiten

gekommen.

Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz

pochte.

Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es regnete

etwas.

Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur

roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto, das

auf eisernen Rädern wie ein Tank rasselte und die ganze Straße mit Qualm und

Gestank erfüllte.

Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue

Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der Lessingallee

magisch beleuchteten. Und — viel später noch — fuhr eine zweite Limousine

vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in Livree, das gänzlich

lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des Generals weit in den Schatten

stellte.

„Ali Baba heißt dich willkommen!“

Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr

geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn

anzusprechen.

Drollige Einfälle hatte diese Dora!