Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 45 von 87

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Der 9. November

Kapitel 8

Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare, die, dicht

aneinander geschmiegt, den großen Diwan belagerten, und sich durch ihn nicht

im geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt von der schwülen

Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder zurück.

Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, Ali Babas

Opiumhöhle.

Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im

Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll summten und die Köpfe wiegten.

In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes, schlankes Geschöpf, in

flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste völlig frei und die Hüfte zwischen

Jäckchen und Pluderhosen gänzlich nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend

und hingerissen.

Und ah — da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostüm:

schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche chinesische Drachen

wie Flammen züngelten.

Wo aber war dieser andere hingekommen — diese Mumie mit dem

orangeroten Turban?

Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen.

Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tänzerin, taumelnd

vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden.

 

8

 

Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her.

Zuweilen warf sie sich in einen Sessel — aber schon wieder wanderte sie. Ihr

schwefelgelbes Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen flatterte. Es war

über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde Haarfülle, die schmerzte, hatte

sie halb gelöst.

Die Fata Morgana war zerflossen — Sand, Sand, Wüste. Durch die Vorhänge

graute trüb der Tag.

Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Gläser, Scherben.

Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte

Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte in

seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu öffnen. Es zog. Zuletzt

erschienen die beiden Neger unter der Türe, in Ulstern, Stehkragen, und

verneigten sich.

„Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie“, sagte Dora und begleitete

die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur Diele. „Vielen Dank!“

Und sie drückte ihnen die Hand.

Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen, aufrichtige

— auch sie waren fremd hier, auch sie gehörten in ein Land mit Papageien,

Wärme, blauem Himmel und Orchideen — ganz wie sie. Alle drei waren sie

Fremde hier.

Ach, wie unglücklich sie war, Dora!

Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder — das Kleid glitt immer mehr über

die Schulter. Damals — Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien — und immer

Fröhlichkeit, jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein, man riß sie los

von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die Wahrheit zu sagen, sie liebte

einen andern, früher noch, der das schönste Lächeln der Welt hatte. So — mit

diesem Lächeln stand er in ihrer Erinnerung. Aber es war unmöglich. Er war

arm, er hatte gar nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet —

weshalb eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen — er betrog sie am

ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die

zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte.

Dann, eines Tages — welch entsetzlicher Tag — wo sie vis-à-vis de rien stand

— buchstäblich — das heißt noch Schulden. Aber es gab Freunde, Gott sei Dank

gab es — einen hochherzigen — ja, in Wahrheit hochherzigen Freund, der nicht

zögerte, ein Vermögen hinzugeben.

Und — nun — und nun? Oh — entsetzlich!

Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre

flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, Sommer um Sommer, Frühling um

Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher, oder,

düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr!

Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener Zeit, da

jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre älter geworden.

Aber sie begriff es nicht.

Und trüb graute der Tag.

 

— — — — — — — —

 

Auch da draußen graute der Tag, und immer noch kläfften rasend die Haubitzen

der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und sollten sie dabei

alle in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten sich die Granaten hinein

in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine Haubitze eine schwere Granate vor

das Rohr bekommen, und die Stücke flogen.

Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mächtig von Horizont zu Horizont.