Der 9. November
Kapitel 10
„Ist das ein Grund —?“ Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage.
Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick.
„Gehe doch zu ihr!“ sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht.
Otto stockte.
„Ich komme soeben von ihr!“ sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr kühn,
und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte seiner Stimme
einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben.
Schweigen. Der Regen rauschte.
„Lebst du glücklich mit Ströbel?“ begann Otto von neuem, in völlig
geändertem, vertraulichem Tone.
„Was für eine Frage? Was kümmert es dich?“
„So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.“
Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: „— Ich öffne!“
Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich und
vergrub seine Lippen in ihren Hals.
Sie stammelte.
10
Mehre den Schatz!
Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die
Geschlechter, die nach dir kommen — —
Friedlich säuselt der Morgenwind.
— — — — — — — —
„Lieber Junge,“ — schrieb Hauptmann Falk an Otto — „mit dem Urlaub war es
diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in seinem
Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in Alarmbereitschaft,
kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in jeder Nacht Verluste. Die
Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute abend wieder in Stellung. Wollte
Dir gerne mehr schreiben — aber ich kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun,
wir kämpfen, tun unsere Pflicht. Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu
Tag —“
Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer!
Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es
stand sogar in den Zeitungen.
Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende —
„Trinke, Kamerad!“
„Erlöser!“
„Trinke! Stütze dich auf mich!“
„Erlöser!“
„Komm, komm, ich trage dich!“
„Erlöser! Erlöser!“
Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von zehn
bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, Flößen,
Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von
keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen,
endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im Schweiße
ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die Geschosse,
mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den Geschützen
gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur Reklame in
Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden aufgestapelt. Die
Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne folgten, berechneten die
Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den blauen Äther hineinstürzten.
Tausende, Zehntausende von Geschützen spien Tod Tag und Nacht.
Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub — die
zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der zermalmte
Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, die
Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa, auf die
ganze Erde nieder.
Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten Gipfel des Wahnsinns
zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die durch
den Weltraum raste.
Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen
und Tiere keuchten — mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die Wüsten
sich in Gärten verwandeln lassen — noch aber wurde um das Weltmonopol des
Plünderns gekämpft.
Erlöser! —
„Lieber Junge,“ — schrieb Hauptmann Falk an Otto — „ich weiß nicht, ob
diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer verwundet
worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der Nacht durch das
Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage allen, daß wir unsere
Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir nicht geschlafen und kaum
gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde ich wohl hinter Stacheldrähten
spazierengehen. Aber sage allen, daß wir kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war
Kinderspiel —“
Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder kam er
durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege getötet
wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der verblutet war. Ein
Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf die Rückseite des Briefes
geschrieben.
Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die
glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .
Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten
Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt, Staub
flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub und auch
ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den Staub zu
einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und stößt dabei mit
dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben hat die Leiche
gebrochen.
Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der letzte, der
kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück. Fünf Schritte zur
Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der Erde, mit gebrochenen
Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom Luftzug fast völlig
entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das Gesicht ins Genick verdreht.
Und noch schwelt das versengte Gras von den giftigen Dämpfen der Granate, die
ihn kreuzigte. Es riecht nach verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren.
Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein
Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die
Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten kommen,
nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch nicht zu dem
Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch einen Balken sind ihre
Beine festgeklemmt.
Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien — aber
man hört nichts.
Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den
Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen — und
Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben,
wirbeln. Dort im Nebel — Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein. Und
die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie? Nichts, nichts, kaum
zuweilen ein Einschlag drüben — völlig außer Gefecht, vergast.
Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die
Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden, versinken.