Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 76 von 87

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Der 9. November

Kapitel 10

„Ist das ein Grund —?“ Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage.

Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick.

„Gehe doch zu ihr!“ sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht.

Otto stockte.

„Ich komme soeben von ihr!“ sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr kühn,

und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte seiner Stimme

einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben.

Schweigen. Der Regen rauschte.

„Lebst du glücklich mit Ströbel?“ begann Otto von neuem, in völlig

geändertem, vertraulichem Tone.

„Was für eine Frage? Was kümmert es dich?“

„So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.“

Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: „— Ich öffne!“

Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich und

vergrub seine Lippen in ihren Hals.

Sie stammelte.

 

10

 

Mehre den Schatz!

Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die

Geschlechter, die nach dir kommen — —

Friedlich säuselt der Morgenwind.

 

— — — — — — — —

 

„Lieber Junge,“ — schrieb Hauptmann Falk an Otto — „mit dem Urlaub war es

diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in seinem

Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in Alarmbereitschaft,

kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in jeder Nacht Verluste. Die

Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute abend wieder in Stellung. Wollte

Dir gerne mehr schreiben — aber ich kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun,

wir kämpfen, tun unsere Pflicht. Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu

Tag —“

Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer!

Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es

stand sogar in den Zeitungen.

Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende —

„Trinke, Kamerad!“

„Erlöser!“

„Trinke! Stütze dich auf mich!“

„Erlöser!“

„Komm, komm, ich trage dich!“

„Erlöser! Erlöser!“

Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von zehn

bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, Flößen,

Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von

keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen,

endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im Schweiße

ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die Geschosse,

mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den Geschützen

gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur Reklame in

Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden aufgestapelt. Die

Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne folgten, berechneten die

Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den blauen Äther hineinstürzten.

Tausende, Zehntausende von Geschützen spien Tod Tag und Nacht.

Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub — die

zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der zermalmte

Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, die

Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa, auf die

ganze Erde nieder.

Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten Gipfel des Wahnsinns

zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die durch

den Weltraum raste.

Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen

und Tiere keuchten — mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die Wüsten

sich in Gärten verwandeln lassen — noch aber wurde um das Weltmonopol des

Plünderns gekämpft.

Erlöser! —

„Lieber Junge,“ — schrieb Hauptmann Falk an Otto — „ich weiß nicht, ob

diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer verwundet

worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der Nacht durch das

Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage allen, daß wir unsere

Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir nicht geschlafen und kaum

gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde ich wohl hinter Stacheldrähten

spazierengehen. Aber sage allen, daß wir kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war

Kinderspiel —“

Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder kam er

durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege getötet

wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der verblutet war. Ein

Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf die Rückseite des Briefes

geschrieben.

Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die

glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .

Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten

Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt, Staub

flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub und auch

ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den Staub zu

einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und stößt dabei mit

dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben hat die Leiche

gebrochen.

Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der letzte, der

kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück. Fünf Schritte zur

Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der Erde, mit gebrochenen

Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom Luftzug fast völlig

entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das Gesicht ins Genick verdreht.

Und noch schwelt das versengte Gras von den giftigen Dämpfen der Granate, die

ihn kreuzigte. Es riecht nach verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren.

Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein

Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die

Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten kommen,

nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch nicht zu dem

Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch einen Balken sind ihre

Beine festgeklemmt.

Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien — aber

man hört nichts.

Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den

Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen — und

Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben,

wirbeln. Dort im Nebel — Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein. Und

die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie? Nichts, nichts, kaum

zuweilen ein Einschlag drüben — völlig außer Gefecht, vergast.

Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die

Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden, versinken.