Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 36 von 87

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Der 9. November

Kapitel 8

Tochter — irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr —?“ Der General stockte.

„Das gnädige Fräulein —?“ Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem

Brief anwandte.

Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatsächlich auf diese Frage

gewartet — aber nicht um sie zu beantworten!

Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich zum

Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lächelte . . . höhnisch, triumphierend,

wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing sogar an, leise zu

lachen.

„Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .“

„Guten Abend!“ sagte der General kurz. Und mit einer spöttischen

Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst.

Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die Diele.

 

8

 

Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren

Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote

Glutkegel, die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten düster,

und düster brannte das Schloß am Ende der Linden. In den Schaufenstern der

Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen, Diademe, Orchideen, goldenen

Schalen und Prunkgefäße.

In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der Student,

die Linden entlang, dicht an den Läden vorüber mit den Orchideen, Perlen und

Prunkgefäßen. Er sah sie nicht.

Sein Mund zuckte.

Dies ist die Stunde, dachte er — ja, dies ist die Stunde, da die Sterbenden

noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu grüßen. Erinnerst

du dich — dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies ist die Stunde, da die

Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren fiebernden Augen trinken,

denn einen Augenblick später kommt schon die Nacht mit ihren Ungewißheiten,

dem Gewimmer, Stöhnen und Miauen im Krankensaal.

Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von

Menschen errichtet, um Menschen gefangenzuhalten, noch einmal an den

Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen

Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die Stunde

des schrecklichen Sterbens — in Flandern und Frankreich, in Italien,

Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten Welt.

Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht — da

das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde erhebt . . .

Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden

Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den Schlachtfeldern

hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein Meer. Er roch das Blut, er

fühlte seine dampfende Wärme, genau wie damals in Flandern, als ihn dieser

dicke Blutstrahl traf, der aus der Halsschlagader eines getroffenen Kameraden

spritzte — und dann, ja, als sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die

Scheiben der Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die

Straßen, das Schloß — dort unten — schon feuchteten sich die dicken

Steinmauern —

Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in

der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis an ihre

Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände färbte es rot.

Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder — das sind die Völker Europas

geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der Finsternis, der

nicht sein Ziel kennt . . .

„Und du, Herr, über den Finsternissen?“

„Weshalb zögerst du?“

Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein Hirn

blutete, sein Hirn zersprang.

„Ja, weshalb?“

Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie er zu

sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug . . .

„Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!“

„Wann wirst du das Signal geben?“

„Sprich!“

„Wer wird es rufen — das erste Wort?“

„Mut! Mut!“

Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er schwebte dahin. Durch

unendliche gleißende Helle brauste er, über blendende Ebenen, hingegeben einer

unbekannten Wollust . . .

Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn.

„Sie werden doch nicht fallen?“ sagte die Stimme eines Mannes.

Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz in der Nähe des Schloßplatzes.

Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an

Schwindelanfällen. Zuweilen war er auch schon bewußtlos zu Boden gestürzt.

Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb die

Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwärts. Schon schob

sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die Riesenstadt, um sie zu

vernichten. Die Nacht war nahe.

Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht strömten von ihm aus,

Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, die finstern Reiter aus Erz mit ihren

Marschallstäben standen wie Schatten.

Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit ihren

finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister!

Aber auch sie werden dahinschmelzen im Blicke seines Zorns. —

Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und

krochen näher.

Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der

finstern Vorstadt zu.

1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: „Deutschland,

Deutschland über alles.“ Man hatte sie in die englischen Maschinengewehre

gejagt. Wie viele waren zurückgekommen? Einer der wenigen war er. Wieviel

war seitdem geschehen!

Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt — wie Hunderttausende in

dem Wahn, sein überfallenes Vaterland zu schützen.

Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie

Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der

Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie

Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne gelebt,

einer heiligen Sache zu dienen.

Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, daß Deutschland

nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane den Krieg

provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr später hatte er sich zur

Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, die sich heute zerfleischten,

gleichermaßen schuldig waren.

Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan — er erinnerte sich

noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Stöhnen und Gejammer — sah er

Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa!

Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske — Lüge, Lüge,

Lüge! Jede Linie Lüge!

Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins Gigantische

gesteigert. Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten sie die Erde,

versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune, schwarze — um sich

endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig selbst zu zerfleischen. Diese weiße

Rasse war die verruchteste aller Rassen, die den Planeten bewohnte. Ganze

Rassen hatten sie ausgerottet — aber in ihren zoologischen Gärten pflegten sie

seltene Gazellenarten. Mehr als das: sie versklavten die eigenen Völker! In

Schulen, Kasernen, Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In

Schulen, Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europäischen

Menschen, täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren.

Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was nützte es dir, wenn

du die ganze Welt gewännest und nähmest Schaden an deiner Seele? War es

möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu gewinnen, und die

Seele mochte zur Hölle fahren.

Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen aus

ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen.

Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle

teuflische Systeme.

1914, im Spätherbst — deutlich erinnerte er sich dessen — begannen die

Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen — plauderte, tauschte

Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europäischen Sklaven — ganz

von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die Kameradschaft und

Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten hätte in drei Tagen

Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es — aber sobald Nachschub und

Munition wieder gesichert waren, befahlen sie den europäischen Sklaven, sich

wieder gegenseitig zu zerfleischen.

Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack — frech wehten die Standarten

der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an.

Dunkelheit — Verfinsterung, kein Ausweg . . .

Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte

Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten — wohin war es

gekommen?

Er verhüllte vor Scham sein Gesicht.

Schreckliche Jahre, schreckliche Tage — ein Tag fürchterlicher als der andere!

Und kein Ausweg! Nein!

Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die längst in der

Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Länder, Städte, Generationen.

Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien es

Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was euch gebührt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen, Mörser, Gase,

Fliegerbomben — geht unter — rasch, rasch, verschwindet . . .

Da begann — unerwartet — aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . .

Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr für den Felddienst

geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein

Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er

Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklären. Er

wurde wegen „pazifistischer Umtriebe“ angeklagt und entging mit knapper Not

dem Gefängnis. Und zwar nur aus dem Grunde, weil die Gefängnisse zu dieser

Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn kurzerhand zum Regiment ab, und

das Regiment kommandierte ihn nach Berlin, wo man Schreiber und

Ordonnanzen zu Tausenden in den unzähligen Kriegsämtern brauchte.

Hier traf er in einer Speiseanstalt — — Ruth!

Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann?

Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn

abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er — zu seinem großen

Erstaunen — in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod gesucht —

besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine Handgranate zu Boden

geworfen.

Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Engländer, Kanadier,

Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im Bett,

dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem blutigen

Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie über alle

Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche Ergebenheit gebreitet.

Sie alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr Schicksal war, gegen das es keine

Auflehnung gab. Die Schlacht war gekommen, weil es so sein mußte, sie waren

verwundet worden, weil es so sein mußte, und sie würden sterben, wenn es

beschlossen — war.

Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die jeder

Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte.

Da — plötzlich — sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine Schwester. Sie

stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein streifte sie — sie preßte

das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre Schultern bebten — sie weinte. Lange

beobachtete er sie. Sie weinte . . .

Auch Ruth erkannte ihn wieder.

Ruth sagte: „Sie schrien im Fieber immerzu — füsiliert mich! Die einzige

Ehrung, die Europa bieten kann, ist füsiliert zu werden!“

„Sagte ich das?“

„Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die schon lange in mir schlummerten.“