Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 34 von 87

PDF-Seiten

Der 9. November

Kapitel 6

„Ja — trotz allem — unfaßbar!“

„Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn — ist tot. Ich gehe

hier — und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land, vielleicht nicht einmal

eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich begraben. Ohne Ruhe —!“

„Ohne Ruhe —“

Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen. Voller

Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hände vors Gesicht.

Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau.

 

6

 

Das Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch

immer war die Ziegelröte nicht völlig verflogen. —

Auch dieser Brief — er lag noch in demselben grüngebundenen Buch — auch

dieser Brief gab keinen Aufschluß. Er bestärkte wohl gewisse Vermutungen,

lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete:

„Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen Verfinsterung

an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich unterliege der Versuchung.

Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und Vermächtnis der

Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es scheint in

seinen Grundmauern erschüttert.

Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der

Menschen glauben.

Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen

leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche, leichtfertiger

Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet — sie haben diese

entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt.

Ich glaube — glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die

Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich glaube,

daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich unaufhörlich

mehren muß — sollen nicht Verfinsterungen wie diese eintreten. Die letzten

Generationen und vor allem jene Völker, die sich zivilisiert nennen, haben aber

diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben ihn verschleudert, vermindert. Die

Schale sank und — wie immer, wenn sie sank — kam die Katastrophe.

Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen!

Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!

Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und Schönen,

oder er ist ein — Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der kommenden Generation

zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde . . .“

Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine Fortsetzung

fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also —

In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre.

Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte. Wenn

er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete — es wäre ihm peinlich . . .

Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths Zimmer —

wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene Buch zurück —

ein Werk Lassalles — und rasch, scheu, als habe man ihn auf verbotenen Wegen

ertappt, eilte er über den Gang.

Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm.

Jakob übergab eine Karte.

„In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet —“

Ein völlig unbekannter Name — Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der

Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden.

Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten — zu Jakobs maßlosem

Erstaunen.

 

Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzögerung

witterte er etwas Ungewöhnliches. Jeder Mann von Erziehung mußte längst

eingetreten sein. (Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst sich im

letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) Übrigens — hieß dieser

Hausverwalter nicht anders?

Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe — und im gleichen Moment

erbleichte der General . . .

Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt!

Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers spähte

— nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte, als er am

Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentümlich an die Scheiben pickte — das

Drohung und Kälte ausstrahlte . . . Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es

war ja erst vor wenigen Tagen.

Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz langsam und zögernd

kam es näher. Nicht Drohung, nicht Kälte — Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung.

Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. Die leichte Lähmung

wich aus seinen Händen.

Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins

Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller Ehrerbietung.

In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete irgendein

Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem General mit seinen

entzündeten tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend etwas zu sehen.

Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Räuspern mit

einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung.

„Bitte“, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf einen

Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer.

Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in der

Hand und begann zu zittern . . .

Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte, er

fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand.

Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des

Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge erschien

der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster Angst.

Der — „Blut-Hecht!“ Wie? Ja, er — so nannten ihn seine Soldaten . . .

Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt hatte, wem er sich

gegenüber befand.

Der . . .

Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Straße wäre.

Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem Federmesser

ab.

„Ich bitte —?“ sagte er leichthin, während er die Zigarre zwischen den

Fingern rollte. „Was wünschen Sie?“ Er hatte das Gleichgewicht völlig

wiedergefunden.

Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in dem

abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewußt zu werden, genoß er

die Angst, die er seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch, er sei denn von

seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne sich augenblicklich erhoben

zu fühlen. Oben und Unten, Herren und Knechte, nie hatte der General eine

andere Gesellschaftsordnung auch nur in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze,

von Gott gegeben, die man hinnahm, ohne darüber weiter nachzudenken. Bis

zum jüngsten Tage wird es Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere

als dieser hatten vor ihm gezittert — Soldaten und Offiziere — und sie hatten

gezittert wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen.

Herr Herbst bewegte die Lippen — aber in diesem Augenblick zwitscherte ein

Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er.

Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, Worte, irgendein Wort, es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere — dieser hier — schon

sank die Sonne, dämmerte es im Zimmer — nur dieses breite starre Gesicht

leuchtete noch.

Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark über die Worte, die

von seinen Lippen kamen — keineswegs die Worte, die er sich zurecht legte und

einübte, in den Nächten, auf der Straße, wenn er so dahinging.

Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar:

„Geben Sie mir meinen Sohn wieder!“

Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurückzuhalten.

Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, kaum, daß sie bis in seine

eigenen Ohren drangen.

Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr

stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten — kalt,

ohne Erbarmen.

Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine

bestimmte Redewendung, die mit „Bitte gehorsamst“ begann, auf den Lippen

formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen

furchtbaren Worte wie vorher:

„Geben Sie mir meinen Sohn wieder!“

Diesmal schon etwas vernehmbarer.

Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch.

Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht — mit jener

doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen Menschen

von nicht seltener Güte einem zitternden Menschen gegenüber einstellt.

„Sie haben mir neulich geschrieben?“ sagte die ruhige und überlegene

Stimme.

„Bitte gehorsamst, Exzellenz!“

„Sie haben mir geschrieben — Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere —?“

„Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!“ Prächtig ging es nun. Röte huschte über

das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hörte auf zu schwanken, die Gestalt des

Generals nahm natürliche Maße an.

„Er ist —?“

„Gefallen. Am 5. August.“

„Fünften, sagten Sie?“

„Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten

hatte bereits ein Jägerbataillon gestürmt, vergeblich, am fünften . . . da fiel er.“

Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht

kritische „vergeblich“, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geäußert, mißfiel

ihm.

„Er fiel für Kaiser und Reich!“ sagte er mit etwas salbungsvoller, tieftönender

Stimme.

Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die schmalen

Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen Augenblick

schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von satanischem Hohn

verzerren wolle.

„Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen —!“ fuhr der General

fort, und seine Stimme hob sich.

Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das

Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. Der Schmerz überfiel ihn. Er

wimmerte leise.

Plötzlich aber knallte es — ganz wie heute vormittag im Foyer, als er mit dem

Portier sprach — der Zylinder war auf den Boden gefallen.

„Bitte gehorsamst —“ stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den

Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die Tränen

abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust preßte seinen Magen

zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine Sache! Er hatte ja

die ganze Nacht hindurch getrunken, und plötzlich fühlte er die Betrunkenheit.

Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte er getrunken, richtigen Spitzbuben,

die Werkzeuge in einem Brotbeutel bei sich führten — in einer Kneipe, im Hof,

die die ganze Nacht offen war. Wenn der General nun bemerkte —

Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach

aufgezogen. Er drehte das Licht an.

„Verstehen Sie Karten zu lesen — Herr —?“

„Herbst.“

„Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären können, was ich

beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und 6. August gekämpft und die Höhe leider

räumen müssen, weil man uns die Reserven versagte . . .“ Versöhnlich klang

plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja einen Sohn im Kriege

verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der Krieg hatte alle

gesellschaftlichen Bande gelockert. Über manches mußte man in dieser Zeit

hinwegsehen. „Hier ist die Höhe,“ fügte er hinzu, „wo Ihr Sohn für die Größe

und Ehre des Vaterlandes . . .“

Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel.

„Sie sind nicht von hier?“

„Aus der Provinz, Euer Exzellenz!“

„Beruf?“

„Früher Lehrer an einem Gymnasium.“

„Bitte, treten Sie ruhig näher.“