Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 26 von 87

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Der 9. November

Kapitel 11

„Der Wagen ist da?“

„Jawohl, Herr General!“

Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße hinunter zur Lessingallee.

—

„Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando!“ dachte Ruth, die sofort

hinter dem General das Haus verließ. Sie hatte sich am Kemperplatz, ganz in der

Nähe, mit jemand verabredet.

Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und

wartete. Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen

selbst. Ruth lief wie ein junges Mädchen — lief dem Jemand in die Arme.

„Papa kam heute unvermutet zu Tisch“, sprudelte sie hervor. „Seine Laune

wird immer schlechter. Wollte Gott, daß er bald wieder an die Front käme —“

„Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe —“

„Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!“

„Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist.“ Und der Jemand hüllte Ruth in

seinen Mantel.

 

11

 

Noch immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der unendlichen Dunkelheit

und flüsterte zärtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines, hohlwangiges

Gesicht war in Tränen gebadet.

Da — nun wurde es lichter an der Türe — nun kam er! Der Teuerste,

Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es nennen,

zu seinem Vater zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht.

Ein fahler Schein ging von der Türe aus — und er erschauerte. Ja, ja, er war

es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein stehen: genau so

sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im Helm, ein Jäger, jung, ein

blutjunges Bürschchen, in der Rechten den Gewehrlauf, der mit Blumen

geschmückt war, ganz wie an jenem furchtbaren Tage, da er ihn zum Bahnhof

begleitete.

Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. Der alte Mann

zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er fühlte, wie sein kahler Schädel

einschrumpfte. Die Angst schnürte ihm die Brust zusammen, und doch war es

süß — erlösend.

„Bist du es?“ flüsterte er voller Verzückung.

„Mein Sohn, mein Liebling!“ Und er streckte seine eisigen, kleinen blauen

Hände gegen die Türe aus.

„Bist du wieder hier?“ Niemals sprach die Erscheinung, und er wartete auch

nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt auf ihn.

Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes Augen, deren

Glanz und Färbung er nie vergaß — glänzend und kristallen wie die Augen eines

unschuldigen Tieres — während die Züge des Gesichts zuweilen schon seinem

Gedächtnis entglitten.

„Bist du zurückgekehrt zu Papa —?“

Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten —

Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, dort hatte ihn das

tödliche Geschoß getroffen. Das Blut floß, es strömte, es färbte die Uniform

dunkel, lautlos strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der Teure stand,

regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . .

„Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger!“ flüsterte der kleine

alte Mann — oh, so leise! — und rang die Hände. Die Tränen stürzten über seine

Wangen. „Immer noch findest du nicht Ruhe, du Teuerster? Warte, gedulde dich

— ich habe schon an ihn geschrieben, er wird antworten — gewiß . . . Alles

werde ich versuchen, nichts werde ich unversucht lassen — ich gelobe es —

mein Liebling —“

Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte das tränennasse Gesicht

—

Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und augenblicklich zerfloß die

Erscheinung. Nichts blieb als die hellgestrichene Füllung einer Türe mit einem

schwarzen Schloß.

Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. Ein Lichtkeil

spaltete plötzlich die Dunkelheit des Zimmers. Erschrocken zog Herr Herbst die

Hände aus dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt.

 

Die Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch die Geräusche zurück.

Stimmen murmelten, es hustete, alle Arten von Husten, vom pfeifenden

Frauenhüsteln bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos war das

ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die Dächer zu kommen, aus Glas

schien es zu sein. Die Lider standen im Schlummer geöffnet, wie bei den Toten,

und die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die bloßgelegten Hirne.

Nebenan wimmerte ein Kind, eine Bettstelle knarrte.

„Bist du denn wieder aufgestanden?“ zischelte es hinter der Wand.

„Ja, ja“, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. „Ich sehe mir den Mond an.“

„Wie soll ein Mensch das ertragen?“

„Beruhige dich, Mutter — bald, ja bald —!“

Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. Das Gespräch mit dem

Sohn hatte ihn völlig entkräftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das Herz

zuckte in seiner Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne.

Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte — er litt — rasch mußte er

handeln, rasch!

Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt bewegten sich die

Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer krochen sie dahin wie Schatten

auf den Dächern. Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand störte ihn nicht.

Hähnleins alte Litanei — die Litanei des Elends und des Hungers. Nein, das

Elend fremder Menschen machte keinen Eindruck mehr auf ihn. Worte,

Nichtigkeiten! Weshalb sollten nicht andere ebenfalls unglücklich sein, alle.

Neulich hatte er mit angesehen, wie ein vornehmer Herr von einem

Militärlastauto überfahren wurde — gerade über das rechte Bein war das

schwere Doppelrad gegangen. Er war in verzweifelter Stimmung, sofort aber

besserte sich seine Laune! Die Unglücklichen weiden sich am Unglück, die

Kranken an der Krankheit, die Armen an der Armut — nur die Glücklichen, das

ist etwas ganz anderes, sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere

Menschen nicht mehr.