Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 49 von 87

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Der 9. November

Kapitel 4

Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den Nägeln

das Gesicht und schrie: „Ich ertrage es nicht mehr, ich kann nicht mehr!“

 

4

 

Immer noch sprach der freundliche Greis — mit leiser, feierlicher Stimme. Und

immer noch verharrte das Haus in Totenstille.

Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und sagte

Niemals. Vorsichtig und sorgfältig fügte er Wort an Wort zu kunstvollen Sätzen.

Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz über seine Rede, ein Glanz

wie er über Reliquien in den Kathedralen liegt.

Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die Bäckchen eines

Kindes.

Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das heißt nicht eigentliche

Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich unmöglich, irgendwie und in irgendeiner

Form auch nur das geringste . . .

Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag würde er Frieden

schließen, aber natürlich, er bittet, nicht mißverstanden zu werden — er war

entschlossen, fürchterlich entschlossen . . .

Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So

entschlossen war er.

Ja, entschlossen . . .

Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Höhe. Vor ihm

glänzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte

nichtssagend das dünne gebürstete Haar eines Diplomaten.

Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine

gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch . . . Er fühlte sich

unbehaglich — früher war er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht zugänglich

gewesen, indessen der Krieg — die Überarbeitung . . .

Da!

Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und ein

paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet. Vielleicht nicht auf

ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen Kinnlade sich ruckartig

bewegte. Der General hatte das Gesicht schon irgendwo gesehen, vermochte sich

indessen im Moment nicht zu entsinnen. Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glänzenden, bleichen Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen

ausging. Dieses Grauen lähmte die Zunge des sprechenden Greises, lähmte seine

Bewegungen. Sein erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem,

hastig, seine schmalen Schultern schoben sich in die Höhe — er beugte sich

tiefer über das Manuskript und stotterte.

Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Höhe — schon fiel

es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dünnen, säuberlich gebürsteten

Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn.

Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder.

Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und eigensinnig

wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals und Sofort. Nun

sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute, nur noch Luftwellen . . .

Nein, nein, nicht ein Greis sprach —

Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche war, die redete! Die

Tribünen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und

Admiralen, mit Orden und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen, die

still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der den Kopf in die Hand

stützte.

Leichen, ein Parlament von Leichen.

Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme Gottes rief und donnerte,

aber sie hörten sie nicht.

Da aber begannen die Leichen zu erbeben wie Schilf im Wind. Ein Sturmwind

brauste durch das Haus. Die Leichen sanken zusammen, vermodert sanken

Uniformen und glitzernde Ordenssterne dahin.

Gesang . . .

In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt von Hunderttausenden,

Millionen — Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser Gesang ist der Sturmwind

—

Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte Hand, und eine

trockene Stimme sagte: „Sie dürfen sich nicht so über die Brüstung legen.“

Ackermann befand sich wieder auf der kleinen Tribüne, wo zusammengedrängt

das Volk sitzt, das keine reservierten Plätze vorfindet. Er war nahe daran

gewesen, eine seiner Ohnmachten zu bekommen. Im selben Augenblick wurde

applaudiert. Die Ordenssterne und Uniformen rauschten durcheinander. Der

freundliche Greis setzte sich und träumte wieder von seinem Sarg, aus dem man

ihn aufgescheucht hatte.

Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. Worte und

Gesten. Schon ist die Zeremonie zu Ende. Die Tribünen beginnen sich zu leeren.

Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die furchtbare Frage des Schicksals vernommen, das Antwort fordert. Er will zur Tribüne

stürmen. Aber die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn zurück, die

Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten. Selbst sie! Die

Journalisten auf ihrer Tribüne schütten sich vor Lachen.

Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen Haaren. Seine rasende

Stimme erstirbt im Lärm.

Schon sind die Tribünen leer. — —

Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in den

Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie zerreißen

— Rauch, Feuer! Genug, genug!

„Genug und vorbei!“

Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte

vollendet krachend seine Umdrehung, es wälzt sich heran, zermalmend —

Staub, Rauch . . .

 

Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz wie

nach einem Pferderennen von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen

hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser funkeln, das

Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen Dame. Sporen klirren und Säbel

rasseln.

Wagen fahren heran, die Automobile qualmen.

Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall der

Schutzleute vorbei.

Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspäht und den

Wagen herangebracht, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt nichts

als seinen Dienst.

Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und über den

Bürgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General muß nur

den Fuß heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber gemacht.

Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden. Er

drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus — die Rede,

prachtvoll — und der Bekannte seinerseits versicherte, daß die Rede in der Tat

eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war.

Nun stieg der General die Treppe hinab.

Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter

Rücken, ein vornehmes Profil, ein rascher, kühner Blick aus schönen, klaren

Augen — der Husar weicht zur Seite und grüßt.

„Ah — gut bekommen?“ Ja, wie hieß er doch nur?

Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand.

„Danke, Euer Exzellenz!“

„Ein netter Abend — hm, etwas spät . . . wir haben ja — Sie haben mir ja von

interessanten Dingen erzählt —?“

Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein Beduine

mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden, heute nacht völlig

bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes) voller Schrecken ein, daß er

Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf Gott weiß welche Geschichten

eingelassen hätte — drittens war man nicht mehr auf einem Ball, sondern im

Dienst, und es wimmelte ringsum von Würdenträgern und Exzellenzen.

Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts bewegen zu

lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit.

„Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen — es war

plötzlich so heiß geworden — und dann brannte noch dieser Vorhang.“

Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende

Redensarten. Er errötete sogar.

Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte

erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem Arbeitssaal ihn

blendete.

Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt erst

machte sich der kurze Schlaf bemerkbar.

„Trotzdem — trotzdem —“ murmelte der General vor sich hin. Mehr und

mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu äußern.

„Trotzdem — ja, er wich aus — nun, gewiß er ist ein Mann von größter

Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errötete etwas. Weshalb?“

„Oder errötete er nicht?“

„Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich aus, als ob er

errötete.“

„Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, daß gerade diese Sache

mit Dora — —“

„Aber weshalb erzählte er es mir?“

„Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft — und . . .“

„Deutlich erinnere ich mich — trotzdem . . .“

Der General starrte vor sich hin — das Blut wich langsam aus seinem breiten

Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder Gedanke!

Er berührte die Klingel.

Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über die

Reichstagssitzung — ein Zeichen des größten Vertrauens und Wohlwollens, das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr bei Ströbel